Orgel

DISPOSITION
RÜCKPOSITIV = 1. MANUAL
  1. Gedackt  8' aus 35 % Zinn
  2. Quintatön  8' aus 35 % Zinn
  3. Prinzipal  4' im Prospekt stehend, aus 75 % Zinn
  4. Rohrflöte  4' aus 35 % Zinn
  5. Sesquialtera  2 2/3' und 1 3/5' aus 35 % Zinn
  6. Oktave  2' aus 35 % Zinn
  7. Waldflöte  2' aus 50 % Zinn
  8. Sifflöte  1 1/3' aus 35 % Zinn
  9. Scharf  1' 4-5 fach aus 50 % Zinn
 10. Sordun  16' aufschlagende Zungenstimme
 11. Krummhorn  8' aufschlagende Zungenstimme
HAUPTWERK = 2. MANUAL
 12. Pommer  16' tiefe Oktav Zink, dann 35 % Zinn
 13. Prinzipal  8' im Prospekt stehend, aus 75 % Zinn
 14. Rohrflöte  8' aus 35 % Zinn
 15. Harfpfeife  8 ' aus 50 % Zinn
 16. Oktav  4' aus 50 % Zinn
 17. Weidenpfeife  4' aus 50 % Zinn
 18. Querflöte  4' aus 35 % Zinn
 19. Quinte  2 2/3' aus 35 % Zinn
 20. Superoktav  2' aus 50 % Zinn
 21. Mixtur  1 1/3' 4-6 fach aus 50 % Zinn
 22. Trompete  8' aufschlagende Zungenstimme
BRUSTWERK = 3. MANUAL
 23. Lieblich Gedackt  8' aus Holz
 24. Kleingedackt  4' aus 35 % Zinn
 25. Prinzipal  2' aus Eichenholz
 26. Oktav  1' aus 50 % Zinn
 27. Klingend Zimbel  1/2' 3 fach, aus 75 % Zinn
 28. Regal  8' aufschlagende Zungenstimme
PEDAL
 29. Offenbaß  16' aus Zinn
 30. Subbaß  16' aus Holz
 31. Prinzipal  8' aus Zink/Zinn
 32. Holzflöte  8' aus Holz
 33. Dolkan  4' aus 35 % Zinn
 34. Rauschpfeife  2 2/3 ' 4 fach aus 35 % Zinn
 35. Blockflöte  2' aus 35 % Zinn
 36. Posaune  16' aufschlagende Zungenstimme
 37. Trompete  4' aufschlagende Zungenstimme
 
Manual   Koppeln: I/II, III/II     Pedal   Koppeln: I/Ped., II/Ped.


Beschreibung der Orgel

Unsere Orgel ist eine mechanische Schleifladenorgel mit 37 Registern, die sich auf drei Manuale und ein Pedal verteilen. Zu jedem Manual gehört eine kleine Orgel für sich u. zw. das in der Brüstung im Rücken des Spielers befindliche Rückpositiv zum ersten Manual, das Hauptwerk mit den kräftigsten und größten Stimmen zum zweiten Manual und das Brustwerk, das in der „Brust" des Orgelgehäuses aufgestellt ist, zum dritten Manual. Die Pedalregister sind bei uns in zwei mächtigen Türmen vorne an der Brüstung untergebracht. Hier haben die tiefen Bässe, die wir bei unserer bisherigen Orgel vermissen mussten, ihren Platz, aber auch höher mensurierte Pfeifen zum Hervorheben einer Melodie gehören zu den neun Registern des Pedalwerks. Diese auch in der kühnen Art der Aufstellung gesonderten Werke bilden zusammen ein schönes Ganzes, das bei aller Vielfalt und dem Farbenreichtum der einzelnen Stimmen doch immer wieder zur überzeugenden Einheit führen soll.
Die Orgel ist ein 'Pfeif'-instrument. Je nachdem die Pfeifen groß oder klein, dick oder dünn, aus Holz oder Metall sind, klingen sie tief oder hoch, laut, leise, hell oder dunkel. Damit nicht alle Pfeifen zusammen ertönen, wenn die Luft aus den Blasbälgen durch die Windkanäle geleitet wird, ist die Luftzufuhr durch Ventile abgesperrt. Drückt der Spieler die Tasten, so öffnen sich die dazugehörigen Ventile und die Orgelpfeifen erklingen. Das Herzstück einer Orgel sind die präzise gearbeiteten Behälter für Wind und Ventile, die Windladen. Es gibt hier mehrere Systeme. Das handwerklich gediegenste, freilich auch in der Herstellung schwierigste und kostspieligste ist das der Schleifladen. Obwohl es schon so alt ist, wird an seiner Vervollkommnung noch immer gearbeitet. Unsere Orgel hat Schleifladen modernster Konstruktion.
Mit der mechanischen Spieltraktur (d. i. die Verbindung von Taste und Pfeifenventil) sind wir grundsätzlich wieder zur Bauart der bis heute nicht übertroffenen Barockorgeln zurückgegangen. Die mechanische Traktur erlaubt ein äußerst präzises, durch die verschiedene Art des Anschlags formbares Spiel. Sie ist verlässlich und birgt die wenigsten Fehlerquellen. Durch neuere Erfindungen (Barker-Maschine u. a.) ist es möglich geworden, auch große Werke leicht spielbar zu machen, so dass der seinerzeitige Vorteil der pneumatischen Traktur wieder wettgemacht ist. Bei der pneumatischen Traktur wird durch Dazwischenschalten einer technischen Energie, der Pressluft, das Spiel erleichtert. Der Nachteil der pneumatischen Orgel liegt vor allem darin, dass die Pressluftröhrchen mit der Zeit undicht werden und dadurch die Pfeifenansprache unzuverlässig wird, die Orgel .hinkt', d. h. die Töne kommen später, als die Orgel angeschlagen wird. Das elektro-pneumatische System ist wesentlich besser, erreicht aber nach Ansicht von Fachleuten nicht die Präzision der mechanischen Traktur. Hier gilt wohl das Wort von Prof. Josef Friedrich Doppelbauer, dem wir in unserer Darstellung zu Dank verpflichtet sind: „Je komplizierter eine Apparatur ist, umso störungsanfälliger ist sie."
Die mechanische Traktur, die ja den kürzesten und womöglich ungebrochenen Weg von der Taste zur Pfeife suchen muss, bedingt den Einbau des Spieltisches in den Orgelfuß als Schrank. Diese Bauart gewährleistet die leichteste und beste mechanische Kraftübertragung. Freilich, vom seitlich aufgestellten Spieltisch aus war die Kirche für den Organisten besser zu übersehen. Jetzt sitzt er mit dem Rücken zum Altar und kann diesen nur durch einen Spiegel beobachten. Das ist sicherlich ein Nachteil, der aber in Kauf genommen werden muss und kann. Durch eine andere Aufstellung des Orgeltisches wäre die Traktur zu schwer geworden. Die mechanische Registertraktur bedingt auch einen bescheidenen, einfachen Spieltisch, bei dem es nicht von technischen Finessen wimmelt wie beim Schaltbrett eines großen Flugzeugs. Künstlerisch geht dadurch der Orgel nichts verloren, wohl aber werden an die Spiel- bzw. Schaltkunst des Organisten etwas größere Anforderungen gestellt.
Das erste Wort hatte beim Bau dieser Orgel der Orgelbauer und nicht der Architekt. Dennoch ist durch die verständnisvolle und dankenswerte Zusammenarbeit der Orgelbauanstalt mit dem Bundesdenkmalamt eine Lösung für das Gehäuse und die Schauseite zustande gekommen, die nicht nur den Gesetzen der Akustik voll gerecht wird, sondern auch ästhetisch-künstlerisch eine wertvolle Bereicherung unseres Gotteshauses darstellt. Die Disposition (die Registerauswahl) der Orgel stammt im wesentlichen von Prof. Anton Widner. Einige Veränderungen wurden auf Vorschlag von Prof. Anton Heiller vorgenommen. Auch Prof. Walter Pach nahm am Werden des Werkes lebhaften, tätigen Anteil.
So hat unsere Kirche und unsere Stadt fast in aller Stille eine künstlerische Bereicherung erfahren, auf die alle Tullner stolz sein können. Die Orgelkenner werden bald herausgefunden haben, dass hier ein gediegenes, ein lauteres Instrument steht, ein Werk künstlerischer und handwerklicher Gewissenhaftigkeit. Und österreichische Meister haben es geschaffen.
Der Dank und die weitere Mithilfe aller Tullner aber gebührt unserem hochwürdigen Herrn Dechant Leopold Hamerling, der trotz Krankheit und stets wachsender Pflichten die Sorgenlast auf sich nahm, dieses große Werk durchzustehen. Helfen wir ihm! Wenn wir gemeinsam opfern, wird es uns ein Leichtes sein, die noch fehlenden Geldmittel aufzubringen. Diese Orgel, die noch unseren Kindern und Kindeskindern erklingen soll, ist ein Werk der Gemeinschaft für die Gemeinschaft, der Lebenden für die Künftigen, aber doch ebenso ein Denkmal für die gegenwärtige Tullner Generation.


Die Orgeln der Tullner Pfarrkirche St. Stephan

Die Aufzeichnungen über frühere Orgeln sind spärlich. Wohl die älteste stammt aus dem Jahre 1445. Im „Alt Geschäftsbuch" (Archiv der Stadt Tulln) lesen wir da von einem Legat in einem Testament für den Bau der Orgel in der Pfarrkirche. Das war noch vor dem Zubau des Presbyteriums. Nach diesem Zubau gab es im Jahre 1522 für die vergrößerte Kirche auch eine neue Orgel. Der Kirchenamtsrechnung dieses Jahres entnehmen wir: Meister Stefan macht die Orgel mit 82 Zügen an der Pfarrkirche. Ein Kremser Maler malt sie um 14 Gulden, l Schilling, 18 Pfennige. (Mitgeteilt von Dir. Otto Biack).
Bis zum Jahre 1635 befand sich der Musikchor im Presbyterium auf der Epistelseite. Erst in diesem Jahre, also während des Dreißigjährigen Krieges, wurde die große Musikempore über dem Westeingang in die Kirche eingebaut. Erhielt sie auch eine neue oder doch umgebaute Orgel? Wir wissen es nicht. Es fehlen aus dieser Zeit die quellenmäßigen Belege.
Hundert Jahre später, in der Zeit von 1740 bis 1745, wurde der ganze Musikchor im Zusammenhang mit dem Neubau der Orgel und der barocken Ausgestaltung der Kirche überhaupt (Kanzel) reich verziert. Auf uns sind leider nur noch die Rechnungen gekommen. Der Tischler erhielt für alle Arbeiten an der Orgel, für das Positiv, für Fußböden und Windbalken 250 fl., der Bildhauer für die musizierende Engelschar, die mit der Hl. Cäcilia den Orgelkasten schmückte, 210 fl. dass aber die Orgel selbst der berühmte Wiener Orgelbaumeister Henke gebaut hatte, erfuhren wir nur durch einen Zettel, der sich 1862 bei einer Reparatur in der alten Orgel fand. Dort hieß es: „Den 31. Mai 1746 ist diese Orgel verfertigt worden von Johannes Henke, bgl. Orgelmacher in Wien. Unter Hr. Jacob Hirsch als Stadtrichter, Anton Perthold als Chorist, Josef Meyer als Thurnermeister, Simon Gisterl als Organist."
Diese Barockorgel erklang 125 Jahre lang. Dann setzte ihr offenbar das Alter zu, denn Dechant Carl Metz (Pfarrer von Tulln von 1832 bis 1871) schreibt in der Pfarrchronik vom Jahre 1869, dass die alte Orgel schon mehr Ärgernis als Andacht erwecke.
Er stiftete daher eine neue Orgel. Diese wurde erst unter seinem Nachfolger, Kan. Dr. Kerschbaumer, im Jahre 1872 von Carl Mauracher aus Salzburg aufgestellt. Sie kostete 7000 Gulden und hatte 20 klingende Stimmen. Bei den 33 ,Registern', von denen Dr. Kerschbaumer spricht, waren wohl auch die stummen Register, die Koppeln u. dgl., mitgezählt. Zu den amtlichen Begutachtern, die die Orgel kollaudierten, gehörte kein Geringerer als Anton Bruckner. Dr. Kerschbaumer berichtet jedoch in der Pfarrchronik, dass durch „unfachgemäße Behandlung mit der Zeit etliche Töne versagten", von Mauracher aber wieder instandgesetzt worden seien. Der Schlüssel zum Mechanismus der Orgel wurde nunmehr nur einem Mann anvertraut, Lehrer Franz Zant. Trotzdem war schon im Jahre 1879 eine „gründliche Orgelreparatur" nötig.
Kerschbaumer berichtet auch, dass er an Stelle des alten Eisengitters auf der Chorbrüstung ein „zierliches" Chorgitter aus Holz anfertigen ließ. Die musizierenden Engel des alten Musikchores verwendete er als Zierde in seiner Bibliothek, und zum Festessen im Pfarrsaal anlässlich der Orgelweihe wurde die Statue der III. Cäcilia - ebenfalls aus dem Kirchenchor - aufgestellt. Das bisherige pseudogotische Orgelgehäuse stammte also erst aus dem Jahre 1872.
Da sich in den dreißiger Jahren die Ausbesserungsarbeiten häuften, - Nebentöne klangen mit, sogenannte ,Durchstecher', andere blieben aus, so dass ganze Register unbrauchbar wurden, - sollte die Orgel im Jahre 1937 unter Verwendung der vorhandenen Pfeifen von den Gebrüdern Mauracher, Linz, zu einer pneumatischen Orgel mit 25 Registern umgebaut werden. Die Kosten des Umbaues wurden auf S 15.000.- veranschlagt. Eine neue Orgel gleicher Größe 'hätte S 25.000.- gekostet. Zur Feier seines 70. Geburtstages überreichten die katholischen Vereine Stadtpfarrer Msgre. Lechner S 2.600.- für den Umbau der Orgel. Die alte Orgel - aber nicht das Gehäuse - wurde, soweit dies nötig war, abgetragen. Man stellte vorläufig den neuen Spieltisch und die acht Register des zweiten Manuals spielfertig auf. Weiter kam man nicht. Personelle Veränderungen und das Erlahmen der Sammeltätigkeit (es waren bis Juni 1937 nur S 5.668.- aufgebracht worden), vielleicht in der Folge auch die politischen Ereignisse des Jahres 1938 mögen die Ursache dafür gewesen sein. Jedenfalls blieb die Orgel ein Torso. Sie bekam nie ein ausgebautes Hauptmanual, hatte keine Pedalregister außer einem schwachen Subbaß, und die uns wohlvertrauten Prospektpfeifen an der Stirnseite des Gehäuses waren blinde Attrappe.
Prof. Josef Achleitner, dessen Name mit der Entwicklung des Tullner Kirchenchores innig verbunden ist, setzte alles daran, der Pfarrkirche wieder zu einer voll ausgebauten, den Grundsätzen der neuen Orgelbewegung entsprechenden Orgel zu verhelfen. In den Jahren 1943/44 sammelte er Geld, das damals infolge der gehemmten Marktlage leichter flüssig war, und im Jahre 1944 erhielt eine Firma in Potsdam den Auftrag zum Bau einer Orgel mit mechanischer Spiel- und pneumatischer Registertraktur sowie ein Drittel der auf 40.000 Reichsmark veranschlagten Bausumme. Im Chaos des Kriegsendes versank jedoch Firma und Orgel und Geld.
Wir hatten immer noch nur die acht Register der unausgebauten Orgel vom Jahre 1937 - und der Spieltisch hatte die Bekanntschaft mit einem unfreundlichen russischen Gewehrkolben gemacht.
Im Spätherbst 1956 wagten wir es endlich: Das von Herrn Stadtpfarrer Dechant Leopold Hamerling einberufene Orgelkomitee trat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Hintereinander verhandelten wir mit fünf Orgelbauern, bis dann im Mai 1958 der Bau der Oberösterreichischen Orgelbauanstalt in St. Florian (fachmännische Leitung Wilhelm Zika) übertragen wurde.


Diese Informationen stammen aus der Festschrift anlässlich der Weihe der Orgel am 26. Dezember 1960.