Wissenschaft und Glaube

Kirche und Umwelt 2002
Umweltschutz und christliche Verantwortung


Doz. Dr. Peter Weish
Wissenschaftlicher Beirat der ARGE SVA

Es war und ist eine unangenehme Pflicht des Wissenschafters auf die vieldimensionale Krise hinzuweisen und Auswege anzugeben. Vor 30 Jahren wollten viele die Warnungen nicht glauben, heute wollen Viele sie nicht mehr hören und die Umweltsituation wird immer prekärer.

Als Carl Amery 1972 in seinem Buch "Das Ende der Vorsehung - Die gnadenlosen Folgen des Christentums" die Gegenwartskrise zu einem wesentlichen Teil auf die christliche Weltanschauung zurückgeführt hat, löste er unter christlichen Theologen große Beunruhigung und vehementen Widerspruch aus. Es fehlte nicht an Erklärungen, dass der biblische Herrschaftsauftrag an den Menschen: Füllet die Erde... machet untertan... herrschet! (Gen. I, 1-2, 4a) nicht als Auftrag zur Despotie und Ausbeutung der Natur verstanden werden darf, sondern als Verpflichtung zu verantwortlicher Pflege. Die Ausplünderung und Zerstörung der Natur sei nicht die Erfüllung, sondern der Missbrauch des göttlichen Auftrags. Von engagierten Einzelaktivitäten an der Basis abgesehen, hat sich aber seither an der passiven Einstellung der Kirche zur Umweltproblematik wenig geändert. Sollte Amery doch recht behalten?

Nach drei Jahrzehnten Umweltengagement müssen wir ernüchtert feststellen, dass die Mächtigen in Umweltfragen zwar eine geschliffene Rhetorik entwickelt haben, die längst als notwendig erkannten Maßnahmen werden aber nicht ergriffen. Konzerninteressen bestimmen weltweit die Politik. Angesichts der dramatischen zerstörerischen Konsequenzen unserer unter dem Primat der Gewinnmaximierung stehenden ausufernden Technozivilisation ist Passivität nicht erlaubt.

Eine nachhaltig lebensfähige Entwicklung muss der Prüfstein für Technik, Wirtschaft, Politik und nicht zuletzt auch unserer Ethik sein. Ethik geht keine Kompromisse ein. In der Güterabwägung haben die Langzeitinteressen des Lebens Vorrang vor kurzfristigem Gewinnstreben. Zur Zukunftsethik schreibt Hans Jonas: "Was dem Thema einigermaßen gerecht werden soll, muss dem Stahl und nicht der Watte gleichen. Von der Watte guter Gesinnung und untadeliger Absicht, der Bekundung, dass man auf seiten der Engel steht und gegen die Sünde ist, für Gedeihen und gegen Verderben, gibt es in der ethischen Reflexion unserer Tage genug...".

Es ist an der Zeit, dass die Kirche sich der Zukunftsverantwortung stellt, auch wenn es unbequem ist. Die vielen Gruppen engagierter Menschen, die sich für eine zukunftsfähige Entwicklung einsetzen, hoffen immer noch auf die Kirche als Verbündete. Eine kompromisslos und ethisch kompetent für die Bewahrung der Schöpfung und Gegen die Dominanz der Unmoral des Kapitals eintretende Kirche wird mit Sicherheit wiederum an Mitgliedern und Kraft gewinnen. Will die katholische Kirche ihre Glaubwürdigkeit als moralische Instanz nicht völlig verlieren, darf sie nicht weiter in der Rolle des Unterlassungstäters verharren.

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