Beten für die Schöpfung?!

Handelndes Beten gefragt

Prof. Dr. Alois Wolkinger
Theologischer Beirat der ARGE SVA

Die ARGE Schöpfungsverantwortung bietet seit Jahren Texte für die liturgische Gestaltung des Schöpfungstages an, der seit 1989 am 1. September begangen wird und heuer auf einen Sonntag fällt. Das ist eine gute Gelegenheit für Liturgen und Pfarrer, sich heuer zum Thema Schöpfung etwas mehr einfallen zu lassen als sonst. Ausserdem wird zu einem regelmäßigen Montagsgebet zum Thema Schöpfung aufgerufen.

Die AktivistInnen der ARGE SVA flüchten aber nicht einfach ins Gebet, sondern arbeiten hart am Thema, angefangen von Vorträgen und Behelfen bis hin zu Aktionen und Aktionstagen zu Themen wie Ökostrom, Ökosteuer und Haushaltsbilanzen. Viele Leute mühen sich also redlich ab und dennoch hat man oft das Gefühl, es geht so gut wie nichts weiter in diesem Bereich. Das Umwelt-Thema ist heutzutage überhaupt kein Anliegen mehr - uns interessiert ein entsprechendes Wirtschaftswachstum, der steigende Euro-Kurs, eine wachsende Rendite, steigende Aktien und das nächste Fernreise-Urlaubsziel. In der Wirtschaft gilt weiterhin das Motto "Wachsen oder weichen" und so kommen die Schwachen unter die Räder: unter uns Menschen genau so wie in der Tier- und Pflanzenwelt ("Produktion"!) und in der Natur. Unter der Woche wird gefuhrwerkt und produziert auf "Teufel komm raus" - am Sonntag versuchen es noch einige mit Gebet und Gottesdienst. Und am Traurigsten ist es dann, wenn es dieselben sind, die unter der Woche arbeiten, als helfe kein Beten und zum Wochenende beten als helfe kein Arbeiten.

So war das benediktinische "Bete und arbeite" wohl nicht gemeint. Die benediktinische Spiritualität hat in dieser Zueinanderordnung von Gebet und Arbeit, von Kontemplation und Aktivität, von Ruhe und Unruhe einen Ausgleich gesucht in dieser dualistischen Spannung, eine Abrundung und eine Sinngebung des Lebens. Wir heute reissen diese Zweieinheit wieder auseinander und machen Arbeit, Produktion und Leistung zum Selbstzweck. Die dabei zu erbringenden Opfer sind gewaltig, ungeheuerlich und unzumutbar. Wir ruinieren unser eigenes Leben und das unserer Mitmenschen, wir rotten Tiere und Pflanzen massenhaft aus und registrieren den Verlust kaum, wir versklaven und vernichten Tiere zu Millionen um kleiner und kurzfristiger Vorteile willen und wir beuten das ganze Land aus und machen es immer unbewohnbarer. Wie lange wollen, ja können wir so weiter machen?

Es ist höchste Zeit für Besinnung und Umkehr. Das ist gemeint mit dem Aufruf zum Gebet. Zum Gebet kann aber auch Arbeit werden, wenn sie in der rechten und ausgewogenen Weise die eigenen Kräfte einsetzt und die Umwelt gestaltet, wenn sie im Dienst der Erhaltung und der Vielfalt des Lebens steht, wenn sie hegt, pflegt und nicht zerstört.

Und es gibt sie bereits: sanfte Touristen, die von fremden Ländern und Kulturen lernen wollen, Unternehmer, die nach Grundsätzen der Naturverträglichkeit, Sozialverträglichkeit und Kulturverträglichkeit wirtschaften, Bauern, die das ihnen anvertraute Land pflegen und den ihnen anvertrauten Tieren die Würde nicht rauben und Konsumenten, die nicht einfach so viel und so billig wie möglich konsumieren wollen, sondern kritisch sind und diejenigen unterstützen, die mit der nötigen Umsicht und Verantwortung produzieren. Und überall da ist auch Arbeit bereits eine Weise des Gebets.

Ein Drittel der Weltbevölkerung sind Christen. Und wenn auch nur ein Drittel dieses Drittels zu verstehen beginnt, was recht verstandenes Gebet und rechte Arbeit bewirken können - das müsste doch tatsächlich das Angesicht der Erde verändern.

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