Einführung

Von Dr. Barbara Ecker

Es gibt viele verschiedene Taiji-Formen, die hier nicht alle vollständig angeführt werden können. Viele Stile und Traditionen treten auch erst in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit und so manche verschollen geglaubten Formen werden wiederentdeckt (und nicht alles "alte" ist auch tatsächlich alt, eine gesunde Portion Skepsis ist bei einigen Dinge, wie überall im Leben, angebracht).

Generell besteht ein Taiji System aus Handformen und Waffenformen. Auch Partnerübungen (push hands, tui shou) sind ein Bestandteil eines vollständigen Systems, auch wenn im allgemeinen mit "taiji" oft nur die Handformen gemeint werden.

Taijiquan oder Taichichuan ist eine chinesische Kriegskunst, deren Ursprung nicht eindeutig zu belegen ist. Es gibt Legenden, daß ein gewisser Zhang Sanfeng durch Beobachten von Tieren (Schlange und Vogel) Taiji entwickelt hat - leider läßt sich diese Person nicht historisch verifizieren. Es gibt Spekulationen, daß der Mönch Zhang Sanfeng von einem chinesischem Kaiser erfunden wurde, um Suchexpeditionen nach Regimekritikern in den Wudang Bergen unauffällig durchführen zu können. Auch die Idee, daß sich hinter dem Namen Zhang Sanfeng mehrere Personen verbergen, ist im Umlauf. Faktum ist: Woher Taijiquan genau kommt, können wir heute leider nicht mehr eindeutig feststellen. Ebensowenig, aus welchen Vorläufer-Künsten sich Taijiquan tatsächlich entwickelt hat.

Was sich historisch belegen läßt, ist folgendes:

In Wenxian (Distrikt Wen) in der Provinz Henan (China) liegt das Dorf der Familie Chen, das Chendorf (Chenjiagou). Das Dorf wurde um 1374 in einer Zeit der zwangweisen Massenmigration von Chen Bu gegründet, der bereits ein anerkannter Vertreter der Kampfkünste war (welche genau er geübt hat, ist nicht eindeutig belegt - es gibt Spekulationen, daß es Xinyiquan war). Chen Bu trug maßgeblich dazu bei, daß der Landstrich von umherstreifenden Banditen gesäubert wurde.

Chen Wangting (neunte Generation) wird üblicherweise die erste "Kodifizierung" des Taijiquan zugeschrieben; er komprimierte die vorhandenen Formen zu fünf verschiedenen Formen. Diese Formen wurden von einer Generation zur nächsten weiter gegeben und dienten einerseits der Selbstverteidigung, andererseits ermöglichten sie es Mitgliedern der Familie, ihren Lebensunterhalt als Leibwächter und mit Eskortendiensten zu bestreiten. Fünf Generationen lang war die Kampfkunst ein gut gehütetes Geheimnis, das nur innerhalb der Familie und des Dorfes weitergegeben wurde.

Chen Changxing (1771-1853), 14. Generation, vereinigte die fünf alten Formen zu den beiden Formen, die der Chen Stil auch heute noch kennt: Yi lu (erste Routine) und Er lu (zweite Routine). Beide Formen ergänzen einander und enthalten alle wesentlichen Bewegungen der alten Formen. Chen Changxing war auch der erste, der ein Nicht-Mitglied der Familie in Taijiquan unterrichtete: Yang Luchan.

Und damit beginnt die Entwicklung der verschiedenen Stile und Schulen des Taijiquan:

 

Chen Stil

Wie oben gesagt, der Stil, aus dem sich alle anderen Stile entwickelt haben. Zur gleichen Zeit wie Chen Changxing lebte Chen Youben. Er vereinfachte die fünf alten Formen, indem er schwierigere Bewegungen wegließ. Das Ergebnis wurde zunächst Xinjia genannt und ist heute als Xiaojia (kleine Schule/Rahmen) bekannt. Chen Changxings Formen dagegen wurden Laojia (alte Schule/Rahmen) genannt.

Chen Xin (1849 - 1929), 16. Generation, war der erste der Familie, der die überlieferten Lehren schriftlich aufzeichnete. Dieses Buch ist auch heute noch von grundlegender Bedeutung. Es erklärt die Prinzipien und Theorien des Taijiquan, gibt Anwendungsbeispiele und Richtlinien für Anfänger.

Für die nächste große Weiterentwicklung des Chen Stils war Chen Fake (17. Generation, 1887-1957) veranwortlich. Er hatte eine besondere Vorliebe für Hebel (chin na) und fa jing (explosive Bewegung) und betonte das chan ssu jing (spiralenförmige Bewegung) ganz besonders. Nachdem er beinahe 30 Jahre in Peking gelebt und unterrichtet hatte, hatte sich seine Form gemäß seinen Vorlieben verändert und die Dorfbewohner nannten die Formen, die er nun übte, Xinjia (Neue Schule - Achtung: nicht mit den Formen von Chen Youben verwechseln!). Sein Sohn, Chen Zhaokui (18. Generation, 1928-1981), brachte Xinjia 1973 zurück in das Chendorf und hat sich um die Ausbildung der nächsten Generation verdient gemacht.

Chen Zhaopei (18. Generation, 1893-1972) unterrichtete Taijiquan an vielen Orten Chinas (er war es, der Chen Fake ursprünglich nach Beijing brachte) und kehrte 1958 in das Chendorf zurück, um sicherzustellen, daß Tajiquan an seinem Entstehungsort weiter existieren würde. Er leitete eine Renaissance des Taijiquan in Chenjiagou ein und kümmerte sich trotz Verfolgung während der Kulturrevolution um die Ausbildung der 19. Generation. Zu seinen Schülern gehören die "si jingong dao dui" (in etwa: die vier starken Männer, die Buddha's Kriegern zur Seite stehen): Chen Xiaowang, Chen Zhenglei, Wang Xian und Zhu Tiancai. Diese vier tragen heute in erster Linie den Chen Stil aus Chenjiagou in die Welt hinaus.

 

Neuere Entwicklungen im Chenstil:

Chen Xiaowang hat aus den Bewegungen der Laojia und Xinjia eine neue Kurzform entwickelt, die sogenannte "38er" (38 Bewegungen). In jüngster Zeit ist eine noch kürzere Form, die "19er" (19 Bewegungen) dazugekommen. Beide Kurzformen bemühen sich, das Wesentliche der alten Formen zu erhalten und gleichzeitig dem (modernen) Anfänger den Einstieg doch zu erleichtern. Auch Chen Zhenglei hat eine kurze Form (mit 18 Bewegungen) entwickelt.

Chen Stil Xinyi Hunyuan Taijiquan

Gegründet von Feng Zhiqiang, einem Schüler von Chen Fake und Hu Yaozhen (der oft als Vater des modernen Chinesischen Qigongs bezeichnet wird). Feng Zhiqiang begann sein Training im Kindesalter mit mehreren Kampfsportarten und lernte von Hu Yaozhen Internes Qigong und Sechs Harmonien Xinyi Quan. Durch eine Empfehlung von Hu Yaozhen wurde er schließlich auch Schüler von Chen Fake und begann damit, beide Stile zu einem zu verschmelzen, dem heutigen Hunyuan Taijiquan. Auch hier wurden Kurzformen geschaffen, um den Lernenden den Einstieg zu erleichtern.

 

Yang Stil

Yang Luchan (1799-1872) war die erste Person außerhalb der Familie Chen, die Taijiquan lernte. Er lebte als Diener bei der wohlhabenden Beamtenfamilie Chen Dehu und bekam dort die Gelegenheit, von Chen Changxin zu lernen.

Basierend auf der Laojia Yi Lu (erste Routine, alter Stil) entwickelte er eine Form, die sehr populär wurde. Explosive Bewegungen, Aufstampfen, Sprünge, tiefe Positionen und Tempoänderungen wurden reduziert bzw. ganz weggelassen. Locker-sein und Weichheit standen dagegen im Vordergrund. Die Gründe, die Yang Luchan für diese Änderungen gehabt haben mag, verlieren sich in den Wirren der Geschichte. Tatsache ist aber, daß Yang Luchan sein Werk nicht vollenden konnte. Seine Söhne vollendeten sein Werk: Yang Banhou (1837-1892) entwickelte aus dem Vermächtnis des Vaters den Kleinen Rahmen des Yang Stils, während Yang Jianhou (1839-1917) den Mittleren Rahmen entwickelte. Yang Chengfu (1883-1936), Sohn von Yang Jianhou, schließlich verband beide diese Formen in dem, was als der Große Rahmen bekannt wurde. Diese Form zeichnet sich durch langsame, sanfte Bewegungen aus und ist diejenige, die weltweit am meisten geübt wird. Yang Chengfu's Söhne Yang Zhenduo und Yang Zhenji sind die heutigen Proponenten dieses Stils, ebenso wie Yang Yun (Enkel von Yang Zhenduo).

Neuere Entwicklungen:

"Regierungsformen"

Dem Aufruf von Vorsitzendem Mao folgend, wurde 1956 die Peking Form (24 Bewegungen aus dem Yangstil) von einem Kommittee entwickelt. Später wurde aus allen fünf Hauptrichtungen des Taiji eine Form mit 48 Bewegungen entwickelt, die aber nicht so erfolgreich war wie die Peking Form.

Cheng Manching (Zheng Manching)

Cheng Manching (1901-1975) war Schüler von Yang Chengfu und vereinfachte die lange Form zu einer kurzen Form von 37 Bewegungen. Der Hintergedanke war schon damals, es dem Beginner zu erleichtern, die Form schnell zu erlernen und dann später die tägliche Übung nicht durch eine lange Ausführungszeit der Form zu verunmöglichen (Cheng Manching sah ganz deutlich das Problem, etwas für die Gesundheit tun zu wollen, andererseits aber auch die Aufgaben des täglichen Lebens erledigen zu müssen). Cheng Manching war aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen davon überzeugt, daß Taijiquan äußerst wertvoll für die Gesundheit ist und sah in seiner Kurzform zunächst auch ein Instrument, die Volksgesundheit zum Vorteil des Landes zu fördern. Später floh er mit den Nationalisten nach Taiwan, unterrichtete weiter seine Form und brachte sie schließlich auch nach Amerika (New York), von wo aus sie in die ganze Welt verbreitet wurde. Bekannte Vertreter dieser Form sind zum Beispiel Ben Lo und Huang Shengyuan.

Tung (bzw. Dong) Familie

Dong (Tung) Yingjie lernte zunächst den Hao Stil und dann von Yang Chengfu. Sein Sohn Tung Huling gab die Kunst an Tung Kaiying und Dong Zengchen weiter. Heute werden im Tung Stil neben den Waffenformen vier Hand-Formen gelehrt, wovon zwei aus dem Yang Stil kommen (eine schnelle und eine langsame), die Hao Form und der "Familienstil", der von Tung Yingjie entwickelt wurde.

 

Wu Stil

Yang Luchan's Schüler Quanyou (1834-1902) gründete den Wu Stil. Sein Sohn, Wu Jianquan (1870-1942), machte sich um die Verbreitung dieses Stils verdient und daher wird diese Schule auch Wu Jianquan Stil genannt. Der Stil wurde aus dem Kleinen Rahmen des Yangstils entwickelt und betont die Rotation der Körpermitte. Die Form ist als sehr kompakt zu bezeichnen, das Tempo ist einheitlich langsam und es gibt keine Sprünge oder tiefen Bewegungen. Besonderes Charakteristikum ist die Haltung de Rückens: nach vorne so geneigt, daß sich eine gerade Linie vom rückwärtigen Fuß, über den unteren Rücken bis zum obersten Punkt des Kopfes ergibt.

Betont wird in diesem Stil die Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit, geübt wird er weltweit. Es gibt im wesentlichen drei Linien: Von Wu Jianquan über Wu Yinghwa und Ma Yuehliang zu Ma Jiangbao und Shi Meilin (Sohn und (Adoptiv-)Tochter von Ma Yuehliang). Von Wang Maozhai zu Yang Yuting und dann Wang Peisheng. Und schließlich Chang Yunting.

 

Wu (Hao, manchmal auch Li) Stil

Gegründet von Wu Yuxiang (1812-1880). (Achtung: die verwendeten Schriftzeichen für die beiden Wu Stile sind nicht identisch!!!) Wu Yuxiang hatte bereits eine Ausbildung in den Kriegskünsten, als er von Yang Luchan zu lernen begann. Er wurde schließlich in das Dorf der Familie Chen gesandt, um dort weiter zu lernen, kam aber nur bis in das Nachbardorf Zhaobao, wo er auf Chen Qingping traf, bei dem er 40 Tage lernte. Wu Yuxiang entwickelte aus der Synthese der Lehren Yang Luchans und Chen Qingpings seinen eigenen Stil, den er an nur wenige Schüler weitergab. Sein Neffe, Li I-yu (1832-1892), war vor allem für die Verbreitung und Aufzeichnung des Stils verantwortlich. Sein Nachfolger war Hao Weizheng (1849-1920), der gemeinsam mit seinen Schülern und Nachkommen (Hao Yueru, 1877-1935) für die weitere Verbreitung des Stils sorgten. Charakteristisch für diesen Stil sind kompakte Bewegungen und hohe Positionen. Sprünge und kraftvolle Bewegungen sind in den heute geübten Formen nicht mehr enthalten.

 

Sun Stil

Sun Lutang (1861-1932, auch als Sun Fuquan bekannt) lernte von Hao Weizheng. Er hatte davor schon Bagua Zhang und Xingyi Quan gelernt und das spiegelt sich auch in dem von ihm entwickelten Sun Stil wieder: kurze und kraftvolle Schritte sowie die Bein- und Körpermitte-Methoden des Xingyi. Ebenso wie im Hao Stil gibt es hier hohe Positionen, gleichmäßiges Tempo und nur sehr wenige Kick- und Boxbewegungen. Sun Lutang gab sein Wissen an seine Tochter, Sun Jianyun, weiter, die den Stil heute repräsentiert.