thomas  FREILER

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S 2-3  Bild als Abbild und/oder autonomes Zeichen
160 Farbseiten, 29 x 40 cm



Bild als Abbild und/oder autonomes Zeichen
Eine philosophische Arbeit unter ausschließlicher Verwendung von fotografischen Bildern im weitesten Sinn
,
Diplomarbeit 1995.

Ausgehend von den Visionen von Moholy Nagy aus den 20er Jahren des 20. Jhds., daß der Analphabet der Zukunft der sein wird, der es nicht versteht, Bilder zu lesen, und daß, wie er meinte, wahrscheinlich sogar filosofische Werke mit den gleichen Mitteln arbeiten werden - wenn auch auf höherer Ebene - wie die amerikanischen Magazine der damaligen Zeit und der heute(1995) für jedermann mögliche Zugang zu schier unerschöpflichem Bildmaterial, die Möglichkeiten seiner Bearbeitung und Reproduktion veranlassten, das Experiment einer philosophische Arbeit mit fotografischen Bildern im weitesten Sinne zu unternehmen.
Inhalt dieser Arbeit im Speziellen war es nun, die Problematik des fotografischen Bildes zwischen "Abbild" und "Zeichen" darzustellen und zwar mit rein bildlichen Mitteln.

Es wurde die Form der Zeitschrift übernommen, daß sie nämlich eine Unmenge verschiedener Bilder aus verschiedenen Bereichen präsentiert (Reportage, Mode, Werbung, Porträts, Illustrationen, etc.).
Um den Eindruck dieser inhomogenen Bilder-Flut zu verstärken und eine Zuordenbarkeit der Bilder zu verhindern, wurde bewußt jeglicher Text vermieden.
Akzeptiert wurden lediglich Ziffern, Namen von Produkten, Fotografen, Fotoagenturen, etc.
Unterlaufen wurde dadurch die Möglichkeit, zwischen Bildern des redaktionellen Teiles und des Inseratenteiles zu unterscheiden, den beiden Standpfeilern jeder Zeitschrift.

Das für diese Arbeit verwendete fotografische Material setzte sich zusammen aus Privatfotos und Abbildungen aus verschiedenen Magazinen (Werbe- und Reportagefotos, Fotos aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften, Illustrierten,Special-Interest-Zeitschriften, Nachrichtenmagazinen, etc.).

Die ausgewählten Bilder wurden nicht bloß 1:1 übernommen sondern verändert und in unterschiedlicher Zusammenstellung verwendet.
Die bildlichen Manipulationen beschränken sich auf die Möglichkeiten der Fotografie und des Fotokopierers: Vergrößerung/Verkleinerung,Gradationsverschiebungen, Positiv/Negativ, Dehnungen, Farbveränderungen, Spiegelungen, Solarisationen, Überlagerungen, Ausschnitte.

Die Seiten wurden nach formalen Kategorien, wie sie in der bildenden Kunst und in vor-cartesianischen Philosophien formuliert sind zusammengestellt (z.B. Ähnlichkeit/Verschiedenheit, Gleichheit/Gegensatz, Dominanz/Subordination, etc.), rein assoziativ oder inhaltlich bedingt.

Bei der Manipulation der fotografischen Bilder (aus allen oben genannten Kategorien) wie auch der Seiten geht es darum, daß jedes fotografisches Bild veränderbar ist und es durch Veränderung zu verschiedenen Bedeutungen gelangt, daß z.B. ein Dokumentarfoto in dem Maße an Eindringlichkeit gewinnt, wie es die Abbild-Funktion verliert, also vom Abbild zum Zeichen wird.
Den umgekehrten Weg nehmen Fotos aus Mode und Werbung und ähnlicher Kategorien, wobei sie von einem als allgemein gültig intendierten Zeichen zum Abbild, Dokument einer speziellen Situation oder Begebenheit werden können.

Wenn die Bedeutung von fotografischen Bildern sich vom Abbild zum Zeichen wandeln kann und umgekehrt, dann wird dadurch unserer gängiger Realitätsbegriff in Frage gestellt. Die Grenzen zwischen der Welt unserer Vorstellung und der realen Welt verfließen.
Die Arbeit dokumentiert dieses Verfließen, sie zeigt das Dilemma (Abbild-Bild-Zeichen) auf, kann aber den "Leser" aus diesem Dilemma nicht befreien, da jedem fotografischen Bild diese Doppelnatur innewohnt.

Thomas Freiler, Juni 1995
Auszug aus dem Begleittext zur Diplomarbeit.

Das fotografische Bild als Abbild und/oder autonomes Zeichen    {1}