Dekonstruktion

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Version vom 20:34, 31. Dez 2004;

Dekonstruktion (auch Dekonstruktivismus) ist ein philosophischer Begriff, der zuerst im Zusammenhang mit dem Werk von Jacques Derrida gebraucht wurde. Nach Derrida ist sie keine Methode, sondern eine Praxis. Dekonstruktion hört sich das Behauptete an, um sich dann sogleich darauf zu konzentrieren, was dieses Behauptete alles nicht behauptet, auslässt und verneint, dieses zu verstärken und herauszuarbeiten, welchen Fussabdruck das Behauptete hinterlässt. Dies bedeutet, sie muss immer je nach dem jeweiligen Gegenstand anders verfahren, ist nicht immer gleich anwendbar. Dennoch kann man grob gesagt zwei Bewegungen ausmachen: Die erste ist die Umkehrung z.B. von binären Unterscheidungen und die zweite Bewegung, die Verschiebung der ganzen Logik. Würde man bei der ersten Bewegung stehenbleiben, würde wieder eine neue Hierarchie aufgebaut, darum betont Derrida, ist die zweite Bewegung der Verschiebung unbedingt notwendig. Hinzu kommt, dass eine Dekonstruktion eigentlich nie abgeschlossen ist, da sich immer wieder binäre Logiken herstellen.

Die binären Gegensätze kann man sich dabei als etwa dialektische Anschauung vorstellen: Ein Text, der vielleicht aus gewohnter (binärer) These und Antithese besteht, enthüllt, wenn er dekonstruiert wird, beispielsweise eine Vielzahl (mehr) von Perspektiven, die gleichzeitig vorhanden sind, oft in Konflikt miteinander. Dieser Konflikt aber wird durch die Dekonstruktion erst sichtbar.

Praktisch kann man sich Dekonstruktion so vorstellen, dass etwa Begriffe selbst und ihre Entstehungsgeschichte hinterfragt werden, Diskussionen von einer Metaebene aus auf ihre Sprecher und Bedingungen hin untersucht werden, dabei kann Dekonstruktion als Philosophie in Text/Theorie vorkommen, aber auch z.B. als künstlerische Praxis im Film, in der Kunst, in der Mode, Musik oder Architektur.

Interessant ist die Praxis der Dekonstruktion nicht nur für Texte (im geläufigen Sinn), z. B. Gerhard Anna Concic-Kaucic, sondern auch für sozialwissenschaftliche Theorien, die sich mit Identitäten oder Identifizierungen beschäftigen wie zum Beispiel die Queer Theory oder die feministischen Theorien (Judith Butler) oder Kulturtheorien. Hier werden anhand der Praxis der Dekonstruktion die Stabilitäten und Wesenheiten von Identitäten hinterfragt und nach neuen politischen Wegen gesucht.

Vielfach wird der Dekonstruktion auch eine ethische Komponente zugesprochen, da sie die Beziehung zum Anderen eröffnet, zu einem bislang Ungedachten oder Ausgeschlossenen. Die Ethik der Dekonstruktion geht mit ihrem Ethikbegriff zurück auf die Philosophie von Emmanuel Lévinas. (vgl. a. J. Derrida, "Unterwegs zu einer Ethik der Diskussion", in: J. D.: Limited Inc. Wien, Passagen Verlag, 2001, S. 171-241)

Versuch einer genaueren Bestimmung

a)

Zuerst lassen Sie mich ein paar Hinweise an die LeserInnen dieses Artikels machen. Es handelt sich um den "Versuch" - und der Dekonstruktion inhärente Logik ist es, immer nur Versuch sein zu können, sie läßt sich nicht "definieren" (nicht ab-schließen! und nicht in einen "Begriff" Dekonstruktion einschließen) - dem Wort, der Aufgabe und der Praxis Dekonstruktion auf die Spur zu kommen. Man will legitimerweise wissen, was das ist,- die Dekonstruktion, - was "sie" ist und was sie kann.

b)

Die Dekonstruktion nach Derrida ist zu beschreiben als eine Praxis der Annäherung an die Grenzen, die das menschliche Subjekt zum Maßstab des Angemessenen und des Unangemessenen, des Gerechten und des Ungerechten machen im Namen einer Gerechtigkeitsforderung, die nicht und nie zufriedenzustellen ist. Eine solche Praxis führt zu einer ganz neuen Deutung sämtlicher Textformationen (Politik, Recht, Kunst, Literatur, Philosophie, Institutionen etc.).

Die Aufgabe der Dekonstruktion ist es, die Grenzen der Begriffe der Gerechtigkeit, des Gesetzes, des Rechts, der wissenschaftlichen Begriffsbildungen, die Grenzen der Werte und Normen und Vorschriften (wieder) ins Gedächtnis zurückzurufen. Die Grenzen der Begriffe und der Werte, die sich im Laufe dieser Geschichte durchgesetzt und die als selbstverständlich (als "natürlich") betrachtet und verstanden werden. (vgl.Derrida, Gesetzeskraft, Der "mystische Grund der Autorität") Die Dekonstruktion ist und bleibt stets die Befragung der Ursprünge, der Grundlagen und der Grenzen unseres begrifflichen, theoretischen und normativen Apparates. Und dies immer in der doppelten Bewegung der Différance. Die Dekonstruktion, die Praxis der Dekonstruktion, ist nicht zu denken, ist nicht "denkbar" ohne die "différ/a/nce", - nicht denkbar ohne das Denken der Differ/ä/nz.

Kleiner notwendiger Einschub zur Differänz

Bei seiner Beschreibung der beiden Tempi, die der Todestrieb einerseits und die Lebenstriebe andererseits veranstalten, spricht Freud in Jenseits des Lustprinzips von einem "Zauderrhythmus", der das Resultat dieser zwei Bewegungen darstellt. Der Todestrieb folgt blind seiner prioritären Tendenz, das organische System an sein entropisches Ende zu bringen. Die Lebenstriebe dagegen sichern und übertragen jenes Wissen, das die Organismen in Millionen von Jahren auf ihrem Weg zum Tod erwerben. Der Anfang des Lebens und seiner Zeichen liegt in jenem beinahe Nichts einer Falte, eines Intervalls, das Derrida an die Stelle aller Ursprünge gerückt hat, - der différance. (Derrida, La différance, in: Randgänge der Philosophie, Wien, Passagen, 1988)

Die Besonderheit dieses Ausdrucks liegt vorab darin, daß sie nur geschrieben verstanden und nicht stimmlich vernommen werden kann. Derrida schreibt différance und nicht différence. Der Unterschied zwischen e und a kann im Französischen nicht gehört werden, er ist ein stummer und verschwiegener, er ist ein rein graphischer Unterschied. Derrida versucht damit schon rein faktisch die phonetisch nicht faßbare Eigenart der Schrift zum Ausdruck zu bringen.

Die weitere Besonderheit besteht darin, daß das französische Verb différer, auf das der Ausdruck différance zurückgeht, zweierlei bedeutet. Gemeint ist sowohl "verschieden sein" als auch "aufschieben". Différer im Sinn des Aufschubs und des Umweges heißt Verzeitlichung (Temporisation), "heißt bewußt oder unbewußt auf die zeitlich und verzögernde Vermittlung eines Umweges rekurrieren, welcher die Ausführung oder Erfüllung des Wunsches oder Willens suspendiert und sie ebenfalls auf eine Art verwirklicht, die ihre Wirkung aufhebt oder temperiert" (Derrida, Randgänge d. Philos.) Die zweite Bedeutung ist die weiter verbreitete: anders und verschieden sein, sich unterscheiden. In diesem Fall entsteht zwischen den verschiedenen Elementen eine Distanz, eine "Falte", ein Intervall bzw. eine Verräumlichung. Diese beiden Prozesse, die Verzeitlichung (des Raumes) und die Verräumlichung (der Zeit), bilden die formale Struktur einer jeden Schrift. Sie sind der Ermöglichungsgrund des Zeichens überhaupt.

So kommt auch die Präsenz, die ihren privilegierten Ausdruck in der sich selbst vernehmenden Stimme erfahren soll, nicht ohne diese Basisstruktur aus. Keine Gegenwart ist je vollständig punktuell und mit sich selbst identisch, sie muß sich immer auf etwas anderes als sie selbst beziehen. "Ein Intervall muß es (das jeweils gegenwärtige Element) von dem trennen, was es nicht ist, damit es es selbst sei, aber dieses Intervall, das es als Gegenwart konstituiert, muß gleichzeitig die Gegenwart in sich selbst trennen, und so mit der Gegenwart alles scheiden, was man von ihr her denken kann. ... Dieses dynamisch sich konstituierende, sich teilende Intervall ist es, was man Verräumlichung nennen kann, Raum-Werden der Zeit oder Zeit-Werden des Raumes (Temporisation). (Derrida, Randgänge, S. 39)

Ein weiterer notwendiger Einschub zum Begriff der Schrift

Derrida zeigt, daß die traditionell hierarchische Anordnung der beiden Bestandteile des Zeichens dekonstruktiv verkehrt werden muß. Bis hinein in die moderne Sprachwissenschaft wird nämlich die ideelle Bedeutung eines Zeichens, Signifikat (Die Vorstellung) genannt, dem materiellen Träger der Bedeutung, Signifikant (das Laut- oder Schriftbild) genannt, übergeordnet. Stets wird versucht, den äußerlichen Signifikanten, die Schrift, auf ein transzendentales Signifikat hin auszurichten. Jedes Signifikat befindet sich aber (laut Derrida) "immer schon in der Position des Signifikanten" .(Derrida, Grammatologie, S. 129) Es kann keine Bedeutung geben und keinen Sinn, der der Verräumlichung und Verzeitlichung sowie dem differentiellen Spiel der Signifikantenbeziehungen entgehen könnte.

Die Schrift ist nach dieser Definition Zeichen von Zeichen, Signifikant von Signifikanten. Mit dieser Verkehrung soll vor allem gezeigt werden, daß die Materialität des Signifikanten zum Sinn nicht etwa nachträglich und äußerlich hinzutritt, sondern umgekehrt, daß der Sinn Effekt einer immer schon nachträglichen Signifikation ist. Derrida hat auf diese Weise das Verhältnis von Sprache und Schrift neuformuliert und umformuliert. Durch Derridas Transformation des Schriftbegriffs geht dieser über den der Sprache hinaus und begreift diesen mit ein. Aus all dem folgt ein völlig neues, weil mehrfach transformiertes Verständnis und Ereignis von Text. Einem solchen Text(verständnis) ist das "Wesen", die Praxis der Dekonstruktion, inhärent, also "ein-geschrieben" (vgl. Derrida, Freud und der Schauplatz der Schrift bzw. Freuds "Wunderblock").

Das Denken der Differänz/différance ist die inhärente Praxis der "Dekonstruktion". Eine der vielen Konsequenzen daraus ist der sogenannte Dekonstruktionsroman (vgl. Gerhard Anna Concic-Kaucic, "/S/E/M/EI/ON/ /A/OR/IST/I/CON/"). Eine andere ist die Übernahme des Dekonstruktionsparadigma in die amerikanische Jurisprudenz (vgl. z.B. Judith Butler, "Haß spricht"). Eine dritte ist die Dekonstruktion (in) der Architektur(theorie), man vergleiche besonders Peter Eisenman, "Aura und Exzeß".

Ebensowenig, wie es möglich ist, im allgemeinen zu beschreiben, was Dekonstruktion ist, läßt sie sich an Beispielen demonstrativ vorführen. Keiner und nichts ist außerhalb des Textes. Auch die Artikelschreiberin nicht. "Ein Text-Äußeres gibt es nicht." (Derrida, Grammatologie, S. 45)

Es geht darum, Texte in ihrer inneren Struktur und in ihrem Zusammenwirken mit anderen Texten zu erfassen. Die Texte sind nicht nur zu analysieren und zu interpretieren, sondern durch die Praxis der Dekonstruktion ihrer Konflikthaftigkeit, ihrer Aggressivität, ihrer verdeckten Gehalte und Intentionen zu enttarnen. Der Leser, die Leserin, soll "ent-täuscht" werden; damit hier keine Mißverständnisse auftreten, gemeint ist eine Art Gegensatz zu "Täuschung". Gemeint ist die Sichtbarmachung der Doppelheit des gleichzeitigen An-und Abwesendsein der Wahrheit, des etwas Erblickens und dadurch anderes Aus-dem-Blickfeld-Ausschließens. (H. Kimmerle, J. Derrida zur Einführung, S. 49)

"Die Dekonstruktion hat notwendigerweise von innen her zu operieren, sich aller subversiven, strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur zu bedienen, sich ihrer strukturell zu bedienen" (Derrida, Grammatologie, S. 45), um schließlich den nicht strukturell zu erfassenden Praxischarakter der Wahrheit freizulegen.

Zur Abrundung

Derrida in einem "Falter"-Interview 1987 u.a. zu Dekonstruktion: (in: Falter, Wiener Stadtzeitung, Beilage zum "Falter" Nr. 22a/87, laufende Nummer 302, S. 11 u. 12, Florian Roetzer "Gespräch mit Jacques Derrida")

Zitat:

"Was ich Dekonstruktion nenne, kann natürlich Regeln, Verfahren oder Techniken eröffnen, aber im Grunde genommen ist sie keine Methode und auch keine wissenschaftliche Kritik, weil eine Methode eine Technik des Befragens oder der Lektüre ist, die ohne Rücksicht auf die idiomatischen Züge des Gegenstandes in anderen Zusammenhängen wiederholbar sein soll.

Die Dekonstruktion hingegen befaßt sich mit Texten, mit besonderen Situationen, mit der Gesamtheit der Philosophiegeschichte, innerhalb derer sich der Begriff der Methode konstituiert hat.

Wenn die Dekonstruktion also die Geschichte der Metaphysik oder die des Methodenbegriffs befragt, dann kann sie nicht einfach selbst eine Methode darstellen.

Die Dekonstruktion setzt die Umwandlung selbst des Begriffes des Textes und der Schrift voraus. ... Ich nenne eine Institution ebenso wie eine politische Situation, einen Körper oder einen Tanz >Text<, was offenbar zu vielen Mißverständnissen geführt hat, weil man mich beschuldigte, die ganze Welt in ein Buch zu stecken. Das ist offensichtlich absurd."

Literatur

 

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