Home | Bacchus | Etrusker | Odysseus und Penelope | Wen(n) Götter lieben | Poseidon | Über uns | LINKS | Gartenfotos

 

 WEN(N) GÖTTER LIEBEN

 Sophokles (496 - 406 v. Chr.) Antigone Chorlied

 Heinrich Heine (1797 - 1856) Mythologie

 Homer ( 8. Jh. v. Chr.) Odyssee, 8. Gesang 266 ff.

 Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) Auf die Europa

 Lukian (um 120 - 180) Göttergespräche (Pan, Hermes)

 Marie Luise Kaschnitz (1901 - 1974) Eos

 Publius Ovidius Naso (43 v. – 18 n. Chr.) Metamorphosen III ff.

 Jean Giraudoux (1882 - 1944) Amphytrion 38

 Rainer Maria Rilke (1875 - 1926) Leda

 Heinrich Heine (1797 - 1856) Unterwelt 1

 Sten Nadolny (* 1942) Ein Gott der Frechheit

 Homerischer Hymnos (7. – 4. Jh. v. Chr.) An Aphrodite

 Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748 – 1776) Apoll und Dafne

 Marie Luise Kaschnitz (1901 - 1974) Antiope

 Lukian (um 120 - 180) Meergöttergespräche (Poseidon, Enipeus)

 Moschos (um 150 v. Chr.) Der Ausreißer

 Cesare Pavese (1908 – 1950) Gespräche mit Leuko

 Peter Hacks (1928 – 2003) Endymion

Leopold von Sacher Masoch (1836 - 1895) Venus im Pelz

 

SOPHOKLES – ANTIGONE (CHOR)

Eros, unbezwungen im Kampf,

Eros, dein ist, was du anfällst!

Auf zarten Wangen

des Mädchens nächtigst du,

über die Meere schweifst du,

über Gehöfte der Flur.

Keiner der Götter entrinnt dir

noch Eintagsmenschen,

wen er erfaßt, die rasen.

 

Auch den Gerechten in Unrecht

lockst du und Schande.

Du hast diese Männer zerworfen

zum Hader verwandten Bluts.

Siegend bezeugt sich

auf bräutlichem Lager

lieblicher Augen Reiz.

Hohen Gesetzen zur Seite

thront er gewaltig.

Unbekämpfbar treibt ihr Spiel

Göttin Aphrodite.

 

Heinrich Heine, Mythologie

 Ja, Europa ist erlegen -

Wer kann Ochsen widerstehen?

Wir verzeihen auch Danäen -

Sie erlag dem goldnen Regen!

 

Semele ließ sich verführen -

Denn sie dachte: eine Wolke,

Ideale Himmelswolke,

Kann uns nicht kompromittieren.

 

Aber tief muß uns empören

Was wir von der Leda lesen -

Welche Gans bist du gewesen,

Daß ein Schwan dich konnt betören!

 

Homer – Odyssee- 8. Gesang 266 ff.

Aber der Sänger hub an, die Leier zu schlagen und herrlich

sang er von Ares´ Liebe zu Kypris im prächtigen Stirnreif.

Wie sie heimlich zuerst im Haus des Hephaistos der Liebe

pflogen, er schenkte ihr viel und schändete Lager und Ehebett

ihres Gatten Hephaistos. Dem aber brachte die Kunde

Helios. der die beiden in Liebe umschlungen gesehen.

Aber sobald Hephaistos die kränkende Kunde vernommen,

eilte der Gott in die Schmiede und braute arge Gedanken,

hob auf den Block einen mächtigen Amboß und schmiedete Fesseln,

unzerreißbar, unlöslich, sie fest darin zu ketten.

Als er nun so eine Falle voll Zorn auf Ares geschmiedet,

schritt er ins Schlafgemach und an sein Lager der Liebe,

und einkreisend schlang er um die Pfosten die Fesseln.

Zahllos hingen sie so von den Balken der Decke hernieder

wie ein überfeines Gespinst, unsichtbar für jeden,

selbst für die seligen Götter, so trugvoll war es geschmiedet.

Als er nun mit dem Trug so völlig das Lager umschlossen,

ging er scheinbar nach der schönerrichteten Feste

Lemnos, die ihm am liebsten war von allen Ländern der Erde.

Doch nicht lässig lag der goldenen Ares auf Lauer,

und sobald er den Weggang des Künstler Hephaistos gewahrte,

eilte er schnell zum Hause des hochberühmten Hephaistos,

hingerissen von Liebe zu Kypris im prächtigen Stirnreif.

Sie saß da, soeben vom mächtigen Vater Kronion

heimgekehrt. Schon nahte sich Ares dem Innern des Hauses,

faßte sie bei der Hand, rief ihren Namen und sagte:

‚Schnell, du Teure, zum Lager, laß uns dort kosen und ruhen,

denn Hephaistos ist nicht daheim, er eilte von dannen

wohl nach Lemnos hinab zu der Sintier rauhem Gerede.

Ares riefs, da schien auch ihr das Lager willkommen.

Beide bestiegen das Bett und ruhten und wurden umfangen

von den listigen Fesseln des kunstgewandten Hephaistos.

Und sie vermochten kein Glied zu regen oder zu heben

und erkannten gar bald, daß kein Entrinnen mehr möglich.

Schon aber kam heran der gepriesene, hinkende Meister;

war er doch umgekehrt, bevor er Lemnos erreichte,

auf des Helios Ruf, der für ihn Wache gehalten.

Eilig schritt er nach Haus, das Herz voller Sorge und Unmut.

Wild wuchs seine Wut, als er die Pforte durchschritten,

und er brüllte so schrecklich, daß alle Götter es hörten:

„Vater Zeus und ihr andern unsterblichen, seligen Götter,

kommt, ein lächerlich Ding, doch auch ein arges zu schauen,

wie Aphrodite, die Tochter des Zeus, den hinkenden Gatten

dauernd entehrt, so liebt sie den abscheulichen Ares.

Ist er doch so schön, hat starke Füße, ich aber

wurde lahm geboren. Das hat keiner verschuldet

als meine beiden Eltern, o hätten sie nimmer gezeuget!

Aber schaut, wie dort die zwei in Liebe vereinigt

ruhen in meinem Bett, mit Schmerzen muß ich es ansehen.

Aber ich meine, die schlafen so keinen Augenblick wieder,

wären sie noch so verbuhlt; da wird das Vergnügen am Beischlaf

ihnen vergehen. Es werden die listigen Bande sie fesseln,

bis ihr Vater mir völlig die Brautgeschenke zurückgab,

die ich ihm für so ein schamloses Mädchen erstattet.

Ja, seine Tochter ist schön, doch ihre Sinne unbezähmbar.

Riefs, da nahten die Götter der ehernen Schwelle des Hauses,

nahte der Länderumstürmer Poseidon, es nahte der Spender

Hermes, es nahte bereits der große Schütze Apollon,

aber es blieben aus Scham die weiblichen Götter zu Hause.

Vorn an der Pforte standen die himmlischen Spender des Guten,

und unauslöschlich Gelächter erhoben die seligen Götter,

wie sie das kunstvolle Werk des klugen Hephaistos erblickten.

 

Lessing - Auf die Europa

 

Als Zeus Europen lieb gewann,

Nahm er, die Schöne zu besiegen,

Verschiedene Gestalten an,

Verschieden ihr verschiedlich anzuliegen.

Als Gott zuerst erschien er ihr;

Dann als ein Mann, und endlich als ein Tier.

Umsonst legt er, als Gott, den Himmel ihr zu Füßen:

Stolz fliehet sie vor seinen Küssen.

Umsonst fleht er, als Mann, im schmeichelhaften Ton:

Verachtung war der Liebe Lohn.

Zuletzt – mein schön Geschlecht, gesagt zu deinen Ehren! –

Ließ sie – von wem? – vom Bullen sich betören.

 

Lukian -  Göttergespräche - Hermes wird von Pan überführt, daß er sein Vater sei

PAN Guten Tag, Vater Hermes.

HERMES O guten Tag auch. Aber wieso bin ich dein Vater?

PAN Bist du denn nicht etwa der Hermes von Kyllene?

HERMES Das bin ich allerdings, aber wie folgt daraus, daß du mein Sohn bist?

PAN Ein Bankert bin ich nur, dir nur zur linken Hand geboren.

HERMES Beim Zeus, du siehst eher dem Sohn eines Bockes ähnlich, der mit einer Ziege sich eingelassen hat. Wie sollte ich zu einem Sohne mit Hörnern und mit einer solchen Nase und einem solchen Zottelbart und gespaltenen Bocksfüßen und einem Schwänzchen über dem Hintern gekommen sein?

PAN Daß du so verächtlich von deinem eigenen Sohne sprichst, Vater, davon hab ich zwar wenig Ehre; aber gewiß, du selbst hast noch weniger davon, daß du solche Kinder in die Welt setztest; ich kann nichts für meine Gestalt.

HERMES Wer wäre denn also deine Mutter? Ich bin doch hoffentlich nicht unwissenderweise irgendeiner Ziege zu nahe gekommen?

PAN Nein, mit einer Ziege hast du`s gerade nicht gehabt; aber besinne dich nur, ob du nicht einmal in Arkadien einem frei geborenen Mädchen Gewalt angetan hast? Was nagst du so am Finger und tust so verlegen? Ich meine die Tochter des Ikarios, Penelope.

HERMES Aber wie ist sie nur dazu gekommen, dich einem Bock ähnlicher als mir zu gebären?

PAN Ich will dir sagen, wie sie selbst die Sache erklärt hat. Als sie mich nämlich nach Arkadien schickte, sprach sie zu mir: „Mein Sohn, ich bin deine Mutter, die Spartanerin Penelope: wisse aber, daß du einen Gott, den Hermes, Zeus und Maias Sohn, zum Vater hast. Daß du jedoch Hörner trägst und die Beine eines Bockes hast, das laß dich nur ja nicht verdrießen: es kommt bloß daher, weil dein Vater, als er mit mir beisammen war, um nicht entdeckt zu werden, die Gestalt eines Ziegenbocks annahm, und deswegen bist du einem Bock ähnlich geraten“.

HERMES Wahrhaftig, jetzt erinnere ich mich nachgerade, daß mir einmal so etwas begegnet sein mag. Aber daß ich, der ich immer so viel auf meine Gestalt zugute tat und noch immer ein glattes Kinn führe, dein Vater heißen und mich von allen Leuten meiner schönen Zucht wegen auslachen lassen soll, das will mir nicht so recht in den Kopf!

PAN Ich werde dir keine Schande machen, Vater; ich bin nämlich ein großer Musikant und blase dir die Rohrpfeife so sauber, daß es eine Lust ist, und Dionysos kommt gar nicht mehr ohne mich aus, sondern er hat mich als beständigen Gefährten in sein Gefolge aufgenommen und zum Anführer seines Schwarmes gemacht; und wenn du die Herden, die ich bei Tegeia und um den Berg Parthenios habe, besehen wolltest, du würdest deine helle Freude daran haben! Ganz Arkadien ist mir untertan< und es ist noch nicht lange, daß ich den Athenern zu Hilfe zog und mich bei Marathon so wacker hielt, daß sie mir die Höhle unter der Burg zur Belohnung meiner Tapferkeit zuerkannt haben. Wenn du einmal nach Athen kommst, wirst du hören, was der Name Pan dort gilt.

HERMES Aber sag mir noch dies, Pan – so nennt man dich ja, glaub ich? – Bist du eigentlich schon verheiratet?

PAN Beileibe nein, nur das nicht, Vater! – Ich bin für Liebesaffären arg anfällig, und mich mit einer einzigen zu behelfen, wäre meine Sache nicht.

HERMES (lachend) Vermutlich bist du mehr hinter den Geißen her?

PAN Du willst mich doch nur ein bißchen aufziehen; ich aber habe ganz andere Liebschaften! Die Echo, die Pithys und alle Mainaden des Dionysos, so viele ihrer sind, und diese besonders reißen sich geradezu um mich.

HERMES Tätest du mir, mein Kind, wohl einen großen Gefallen, wenn ich dich darum bäte?

PAN Sag nur, was du von mir verlangst, Vater, wir werden sehen, was sich dann tun läßt.

HERMES: Komm mal her, und jetzt sei einmal ganz vernünftig: Schau doch, daß du nicht Vater zu mir sagst, wenn jemand zuhört!

 

Marie Luise Kaschnitz- Eos

Wunderbar farbenreich, schimmernd in allen Reizen sinnlicher Freuden erscheint in der griechischen Sage das Bild der Eos, welche die Morgenröte verkörperte, aber auch den strahlenden Tag, und der alle Pracht des lichtdurchfluteten Himmels zu eigen war. Rosig sind ihr Arme und Hände, krokusfarben ihre Locken, golden erglänzen ihre Schuhe und die Räder ihres Wagens, sternenbesät ümhüllt sie das weite, wehende Gewand. (...) Doch steht neben diesem Bilde der rosenstreuenden, tauspendenden Jungfrau noch ein anderes von gefährlicherer Art. Denn Eos, die Schwester des Apollon, die Mutter der Winde und der Sterne, ist eine große Verführerin und Liebende, eine Gefahr für die Männer, deren schönste sie sich zu Liebesgenossen erwählt. (...) Zum Unheil wird die Begegnung mit Eos auch für Tithonos, den über alle Begriffe Schönen, den sich die Himmlische zum Gatten erwählt. Denn wohl ist dieser ihr mehr als ein Jagdgefährte eines einzigen Tages, wohl ist sein Äußeres dazu angetan, ihrer unbändigen Sehnsucht nach Schönheit Genüge zu tun.  Aber er ist ein  Mensch und den Gesetzen der Menschenwesen unterworfen, die aufblühen und vergehen. Zwar gewährt Zeus seiner schönen Dienerin die Bitte, ihrem Geliebten ewiges leben zu verleihen. Aber während er bei Eos weilt, beginnt Tithonos zu altern, und der Göttin, die allmorgendlich sein Lager verläßt und allabendlich zu ihm heimkehrt in den goldenen Palast, entgeht die Veränderung nicht. Eines Tages ist er nicht mehr imstande, den schweren Bogen zu spannen, und er bleibt im Laufe hinter ihr zurück. Sie bemerkt, daß seine Glieder ihre wunderbare Straffheit verlieren, daß seine Locken erbleichen und sein Blick des früheren, strahlenden Glanzes entbehrt. In seinen Zügen entdeckt sie den furchtbaren Ernst und die Einsamkeit des Alters, und wie eine Befleckung und Schande empfindet sie, daß dieses menschliche Schicksal sich in ihrem Hause vollzieht. Sie flieht das Lager des Gatten, und als der Verfall sich fortschreitend des einst so vollkommenen Körpers bemächtigt, wird sie von Ekel befallen. Prächtig gekleidet und sorgfältig genährt, aber verbannt aus ihrer Gegenwart verbringt Tithonos die Jahre seinen Greisenalters und wird endlich, damit sein Anblick die göttlichen Augen nicht unversehens beleidige, in eine Kammer gesperrt. Lange noch hallt der Palast wider von seinen Seufzern und Klagen, seinem schmerzlichen Abschied von der Geliebten, welche ihm nicht anderes bedeutet als die ganze schöne, erbarmungslos junge Welt. Endlich aber büßt auch seine Stimme ihre Kraft ein und erklingt im Flüstern nur noch wie das Zirpen einer Grille, das sich hinter den goldenen Wänden der verborgenen Kammer immer wieder erhebt und erlischt.

Ovid, Metamorphosen, 2. Buch 259 ff . Übersetzung: Hermann Breitenbach

(...) Und sieh, es gesellt sich ein neuer

Grund zu dem alten: daß Semele schwanger vom Samen des großen

Jupiter, kränkt Juno. Schon möchte die Zunge zum Schelten sie lösen.

Aber sie denkt: „Hat es je mir genützt, daß so oft ich gescholten?

Sie selbst muß ich ergreifen, ich muß sie selber verderben,

Wenn man mit recht mich die mächtige Juno benennt, wenn ich würdig

Trage das Szepter, das funkelt von Edelgestein, wenn ich Fürstin

Heiße und Jupiters Gattin und Schwester, zum mindestens Schwester.

Doch sie begnügt sich vielleicht mit der heimlichen Liebe, und meine

Schmach währt kurz? – Sie ist schwanger! Das fehlte noch! Deutlich am Leibe

Zeigt sich die Schuld, und was mir kaum glückte – von Jupiter einzig

Mutter zu werden, das wünscht sie: so mächtig vertraut sie er Schönheit!

Aber sie täuscht sich darin! Ich bin nicht Saturnus‘ 

Tochter, sofern nicht ihr Jupiter selbst in den Styx sie hinabstößt.“

Damit erhebt sie vom Thron sich. In gelblicher Wolke geborgen,

Fährt sie zu Semeles Schwelle; nicht eher zerfließt ihre Wolke

Als einer Alten sie gleicht: sie steckt an die Schläfen sich graue

Haare, die Haut durchfurcht sie mit Runzeln, und zitternden Schrittes

Schleppt sie gebeugt sich dahin, auch die Stimme ist die einer Greisin.

Beroe scheint sie, die Amme der Semele, aus Epidauros.

Als sie daher ins Gespräch sie verstrickt und in langem Geplauder

Jupiters Name genannt ist, da seufzte die alte und sagte:

„Hoffentlich ist es auch der Jupiter wirklich! Doch ich fürchte alles.

Viele sind schon als Götter in züchtige Kammern gedrungen.

Daß er Jupiter sein will, genügt nicht; denn ist er es wirklich,

Geb‘ er ein Pfand der Liebe: so groß und herrlich, mit allen

Seinen Insignien, so wie er vor Juno erscheint, der erhabenen, so

Schenk‘  er Dir seine Umarmung. Um das mußt du ihn dringend bitten.“

Also wurde von Juno die arglose Tochter des Cadmus

Listig beschwatzt: sie erbat eine Gabe von Jupiter, ohne

Sie zu benennen. Der Gott sprach: „ Wähle, du wirst sie erhalten!

Und auf daß du noch mehr mir glaubst: der stygische Wildstrom

Sei mir Zeuge, der Gott, vor dem selbst die Götter sich fürchten!“

Froh ihres Unheils, zu mächtig geworden und durch ihres Liebsten

Schnelle Bereitschaft dem Tode geweiht, sprach Semele: „Zeig

Dich mir so, wie du bist, wenn Saturnia in der Venus

Bund zu umarmen gewohnt ist!“ Da wollte der Gott ihr die Lippen

Rasch verschließen: doch schon ist das Wort in die Lüfte geflogen.

Und da seufzte der Gott; denn unabänderlich sind jetzt

Wunsch und Schwur. Und so steigt er betrübt empor zu dem hohen

Himmel; ein Blick – und er winkt sich die Wolken herbei, die ihm folgen;

Regen gesellt er hinzu und unter die Stürme gemischtes

Wettergeleuchte, denn unentrinnlichen Blitz und den Donner.

Aber so er’s vermag, versucht er die Kräfte zu mindern:

Heuter ergreift er gewiß nicht die Flamme, mit der er den hundert-

Armigen Typhoeus erschlagen, die ist zu entsetzlich.

Sondern es gibt einen leichteren Blitz, dem die Hand der Cyclopen

Weniger rasenden Feuer verlieh und weniger Wüten:

>Zweites Gewaffen<, so sagt man im Himmel ; das nimmt er. Agenors

Haus betritt er sodann; doch erträgt einer Sterblichen Körper

Nicht das Getöse des Himmels: er brennt von den bräutlichen Gaben.

Unreif wird aus dem Leib der Mutter das Kindlein gerissen,

Und man näht das zarte hinein in den Schenkel des Vaters,

Wenn man’s zu glauben vermag: hier erfüllt es die Zeiten der Reife.

Ovid-Metamorphosen-Übersetzung Michael von Albrecht

Es tut Juno weh, daß Semele vom  großen Jupiter schwanger ist. Da lösen Schmähworte ihr die Zunge:“ Und was hab‘ ich denn so oft durch Schimpfen erreicht“, sprach sie. „Sie selbst muß ich angreifen, sie selbst werde ich, so wahr ich die großmächtige Juno heiße, vernichten, so wahr es mir ziemt, das mit Edelsteinen besetzten Szepter in der rechten zu halten, so wahr ich Königin und Jupiters Gattin und Schwester bin – Schwester ganz gewiß! Und da denk ich noch: Sie gibt sich mit einem Seitensprung zufrieden, und der Schimpf ist kurz, den sie meinem Ehegemach antut. Nein, sie ist schwanger! Das fehlte gerade noch! Und offen trägt sie ihren vollen Leib und damit ihr Vergehen zur Schau. Ausgerechnet durch Jupiter will sie Mutter werden, was selbst mir kaum gelang! So viel bildet sie sich auf ihre Schönheit ein! Ich werde ihr einen Strich durch die Rechnung machen, und ich will nicht Saturnia heißen, wenn sie nicht von ihrem geliebten Jupiter selbst zu der Wellen der Styx hinabgeschleudert wird.“

Nach diesen Worten steht sie vom Thron auf und geht, in eine gelbrote Wolke gehüllt, zu Semeles Schwelle. Sie zerstreute die Wolken erst, als sie die Gestalt einer Alten angenommen hatte: Um die Schläfen ließ sie sich graue Haar wachsen und Runzeln die Haut durchfurchen. Mit zitterndem Gang bewegte sie die gekrümmten Glieder, sie nahm auch die Stimme einer Greisin an. So war sie Beroe, Semeles Amme aus Epidaurus. Sie knüpfte ein Gespräch an, und nach langer Unterhaltung fällt Jupiters Name. Da seufzt sie und sagt: „Ich möchte wünschen, daß es wirklich Jupiter sei! Doch bin ich auf alles gefaßt: Schon viele sind unter dem Namen von Göttern in keusche Gemächer eingedrungen. Und es genügt nicht, daß es Jupiter ist; laß ihn dir einen greifbaren Beweis seiner Liebe geben, wenn er wirklich der Rechte ist. Du sollst ihn bitten, er möge dir seine Umarmung in all seiner Größe und Kraft schenken, so wie die hohe Juno ihn empfängt, und vorher seine Hoheitszeichen anlegen.“ Mit solchen Worten hatte Juno die ahnungslose Cadmustochter unterwiesen. Sie bittet Jupiter um ein Geschenk, ohne es zu benennen. Der Gott spricht zu ihr: „Wähle nur! Du wirst keine Zurückweisung erfahren. Und damit du mir noch mehr glaubst, soll auch die Gottheit des stygischen Sturzbaches meinen Eid hören. Sie ist der Schrecken sogar der Götter und ihr Gott.“

Froh ihres Unheils, allzu mächtig und todgeweiht durch die Ergebenheit des Geliebten, sprach Semele:“ Wie Saturnia dich zu umarmen pflegt, wenn ihr den Bund der Liebe schließt, so schenke du dich mir.“ Der Gott wollte ihr die Lippen verschließen, während sie noch sprach; doch schon war das übereilte Wort in die Lüfte geflogen. Er seufzte auf, denn es war weder möglich, ihren Wunsch noch seinen Schwur ungeschehen zu machen. Also stieg er todtraurig zur Höhe des Äthers empor und zog durch ein Nicken die folgsamen Wolken zusammen, nahm Platzregen hinzu und, mit Winden vermischt, Wetterleuchten, Donnerschläge und den Blitz, vor dem es kein Entrinnen gibt. Doch so gut es geht, versucht er seine Kraft zu verringern. Und er bewaffnet sich nicht mit dem Feuerstrahl, mit dem er den hundertarmigen Typheus niedergeworfen hatte – zu gewaltig ist diese Waffe. Es gibt auch noch einen anderen, leichteren Blitz, dem die Hand der Cyclopen weniger Grausamkeit, Feuer und Wut mitgegeben hat: „Zweites Kaliber“ nennen’s die Götter. Er nimmt diese Waffe und betritt Agenors Haus. Der sterbliche Leib ertrug nicht den ätherischen Sturm und verbrannte an den hochzeitlichen Gaben. Das noch nicht ausgetragene Kind wird aus dem Leibe der Mutter gerettet und zart, wie es ist, in den Schenkel des Vaters eingenäht – wenn man es glauben darf-, bis seine Zeit erfüllt ist. Ino, die Schwester seiner Mutter, zieht es heimlich auf, solang es noch klein in der Wiege liegt; später übergibt sie es den Nymphen vom Berg Nysa. Sie versteckten es in ihren Grotten und nährten es mit Milch.

 

Jean Giraudoux – Amphithryon 38

Alkmene, schon aufgestanden; Jupiter, als Amphitryon, auf dem Ruhebett ausgestreckt, schlafend.

ALKMENE Liebster, steh auf. Die Sonne ist schon hoch.

JUPITER Wo bin ich?

ALKMENE Wo ein Ehemann hingehört, wenn er´s auch beim Erwachen nicht glauben will: in deinem Haus, ganz einfach, in deinem Bett, und bei deiner Frau.

JUPITER Ihr Name?

ALKMENE Der ist bei Tag und Nacht immer derselbe, immer Alkmene.

JUPITER Alkmene, die große Blonde, die so schön rund um die Hüften ist und in der Liebe verstummt?

ALKMENE: Ja, und frühmorgens anfängt, zu schwatzen und dich gleich vor die Tür setzen wird, Ehemann hin, Ehemann her.

JUPITER Sag ihr, sie soll stumm sein und hierher zurückkommen!

ALKMENE Das schlag´ dir nur aus dem Kopf. Die Frauen mit den schönen runden Hüften haben mit den körperlosen Träumen immerhin eins gemein: kommen tun sie nur zur Nacht.

JUPITER Mach die Augen zu; dann haben wir´s dunkel genug.

ALKMENE Nein, nein, meine Nacht ist noch keine Nacht. Komm, erhebe dich, oder ich ruf die Dienerinnen.

Jupiter richtet sich auf und betrachtet die Landschaft, die vor den Fenstern funkelt.

JUPITER Was für eine göttliche Nacht!

ALKMENE Sehr einfallsreich bist du nicht heute morgen.

JUPITER Ich sagte „göttlich“.

ALKMENE: Wenn du sagst „ein göttliches Mahl“, „eine göttliche Ochsenlende“, das mag noch angehen; du brauchst nicht ununterbrochen sprachschöpferisch tätig zu sein ... Aber für diese Nacht, da hättest du schon etwas Besseres finden können.

JUPITER Was denn Besseres?

ALKMENE So ziemlich jedes andere Eigenschaftswort als dieses „göttlich“, das ist denn. doch zu abgebraucht. Hättest du gesagt „vollkommen“, oder auch „bezaubernd“ ... Oder „köstlich“, ja das, das drückt so vieles aus: was für eine köstliche Nacht!

JUPITER Gut, also dann: die köstlichste unserer Nächte, die allerköstlichste, nicht?

ALKMENE Das will ich nicht sagen.

JUPITER Was heißt das? Wieso nicht?

ALKMENE Hast du denn unsere Hochzeitsnacht vergessen, Liebster? Die schwache Last, die ich in deinen Armen war? Und wie wir unsere Herzen fanden, glücklich über den Fund inmitten der Finsternis, die uns zum erstenmal miteinander in ihren dunklen Mantel nahm? Das war die schönste, unsere schönste Nacht.

JUPITER Unsere schönste, nun gut. Aber die köstlichste war doch diese.

ALKMENE Findest du? Und die Nacht des großen Brandes unten in der Stadt, als du gegen Morgen heimkamst, morgenrotübergoldet und warm wie ein Brot aus dem Ofen? Das war die köstlichste Nacht, die und keine andere.

JUPITER Nun, dann vielleicht die wundersamste ... Nicht?

ALKMENE Die wundersamste? Wieso? Ja, vorletzte Nacht, als du das Kind aus der See gerettet hattest, das schon die Strömung davontrug, und du zu mir kamst, leuchtend von Tang und Mondlicht, am ganzen Körper noch das Salz der Götter, und mich die ganze Nacht im Schlaf auf deinen Armen retten wolltest ... Das war wundersam! Aber diese Nacht, Liebster? Nein, wenn ich ihr ein Prädikat geben sollte, so müßte ich sagen: ehelich war sie. Es war in ihr eine Sicherheit, die mich erheitert hat. Noch nie war ich so gewiß, dich am Morgen rosig und kerngesund wiederzufinden, mit einem rechtschaffenen Frühstückshunger; es fehlte ganz dieses göttlich Erschauern, das ich sonst allemal wieder spüre: du könntest jeden Augenblick in meine Armen sterben.

JUPITER Es gibt, wie ich sehe, auch Frauen, die das Wort „göttlich“ gebrauchen?

ALKMENE Vor dem Wort „Erschauern“ immer.

 

Rainer Maria Rilke  - Leda

Als ihn der Gott in seiner Not betrat,

erschrak er fast, den Schwan so schön zufinden;

er ließ sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.

Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,

 

bevor er noch des unerprobten Seins

Gefühle prüfte. Und die Aufgetane

erkannte schon den Kommenden im Schwane

und wußte schon: er bat um Eins,

 

das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,

nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder

und halsend durch die immer schwächere Hand

 

ließ sich der Gott in die Geliebte los.

Dann erst empfand er glücklich sein Gefieder

und wurde wirklich Schwan in ihrem Schoß.

 

Heinrich Heine - Unterwelt 1

Blieb ich doch ein Junggeselle! -

Seufzet Pluto tausendmal -

Jetzt, in meiner Ehstandsqual,

Merk ich, früher ohne Weib

War die Hölle keine Hölle.

 

Blieb ich doch ein Junggeselle!

Seit ich Proserpinen hab,

Wünsch ich täglich mich ins Grab!

Wenn sie keift, so hör ich kaum

Meines Zerberus Gebelle.

 

Stets vergeblich, stets nach Frieden

Ring ich. Hier im Schattenreich

Kein Verdammter ist mir gleich!

Ich beneide Sisyphus

Und die edlen Danaiden.

 

Sten Nadolny - Ein Gott der Frechheit

Athene hatte sich nach Anteros umgesehen und ihn an seinen großen Füßen gleich wiedererkannt, obwohl ihre letzte Begegnung lange her war. Damals hatte sie ihn gebeten, die Finger von ihr zu lassen, auch wenn sich immer wieder Götter in sie verliebten und Anteros zwingen wollten, in ihr die Gegenliebe zu entfachen – einer von ihnen war Hephäst gewesen. Anteros hatte standgehalten und nichts Unerwünschtes versucht, sie wußte das zu schätzen.

„Anteros, mich interessiert, was du mit Hermes angestellt hast. Jahrtausendelang hat er mich geliebt, was mir keineswegs unangenehm war. Jetzt sucht er mich noch auf, um von Helle und dem Wunder der Monogamie zu reden – hast du etwa des Guten zuviel getan?“

„Du verwirrst mich. Ich dachte, du willst die stolze Jungfrau sein und auf immer alleine bleiben?“

„Im Prinzip. Aber ich mag das auch nicht, wenn das neuerdings so respektiert wird. Und an Hermes liebe ich gerade, daß er alle Frauen liebt. Und daß er es sich mit mir durchaus vorstellen könnte, ohne aber darüber zu sprechen.“

„Du bist ein schwieriger Fall, Athene! Zurücknehmen kann ich nichts. Aber ich könnte ihn natürlich bei irgendeiner Gelegenheit etwas in deine Richtung ... eine Winzigkeit nur ... ich muß es mir noch überlegen. Ich bin nicht damit vertraut, Durcheinander zu stiften“

„Übe ein bißchen“, lächelte Athene.

 

Homerischer Hymnos – An Aphrodite

(...)

Zeus aber weckte in Kypris selber süßes Verlangen,

sich einem sterblichen Mann zu ergeben, damit sie aufs schnellste

nicht mehr getrennt bliebe vom sterblichen Lager der Menschen;

daß sie sich nicht rühme im Kreise der ewigen Götter,

Aphrodite, die liebliche Göttin mit fröhlichem Lachen:

Himmlische habe sie ja mit den Sterblichen vereinigt,

die dann sterbliche Söhne den ewigen Göttern geboren,

Göttinnen habe sie gar gesellt zu sterblichen Männern.

Nach Anchises weckte er ihr süßes Verlangen,

der da auf den ragenden Höhen der Gipfel des quelligen Ida

weidete seine Rinder, so schön wie einer der Götter.

Wie die lächelnde Göttin nun diesen erblickte, da liebte

sie ihn gleich, ihre Sinne befiel eine brennende Sehnsucht.

Und sie eilte nach Kypros und schritt in den duftenden Tempel (...)

und es badeten sie die Chariten und salbten die Göttin

mit ambrosischem Öl, dem Schmelz der ewigen Götter,

das ambrosisch und süß ihr immer duftend bereitlag.

Herrlich sodann den Leib gehüllt in köstliche Kleider,

goldgeschmückt verließ die lächelnde Aphrodite

das schönduftende Kypros und schwang sich nach Troias Gefilden. (...)

 

Selber gelangte die Göttin zu den trefflichen Hütten,

und, allein von den andern gelassen, fand in den Hürden

sie den hehren Anchises in gottgespendeter Schönheit

Und da trat vor ihn hin die Tochter des Zeus, Aphrodite,

als eine reine Jungfrau gestaltet an Größe und Ansehn,

daß er am Ende nicht gar beim Anblick der Göttin erschräke.

Als Anchises sie sah, da faßte ihn wunderndes Staunen

über ihr Ansehn und auch ihre Größe und lichten Gewänder.

Trug sie doch ein Kleid, das hell wie Feuer erstrahlte,

reich umwunden mit Schmuck und leuchtenden Ohrgehängen.

Ihren Nacken umschlang ein köstliches Geschmeide

goldig und schön und schimmernd in Buntheit, und über den zarten

Brüsten glänzte es gleich dem Mond, ein Wunder zu schauen.

Liebe erfüllte das Herz des Anchises.

(...)

 

Ludwig Heinrich Christoph Hölty - Apoll und Dafne

 

Apoll, der gern nach Mädchen schielte,

wie Dichter thun,

sah einst im Thal, wo Schatten kühlte,

die Dafne ruh'n.

 

Er nahte sich mit Stutzertritten,

mit Ach und Oh,

als Dafne schnell mit Zephirschritten

dem Gott entfloh.

 

Sie flog voran; Apollo keuchte

ihr hitzig nach,

bis er die Schöne fast erreichte

am Silberbach.

 

Da rief sie: Rettet mich, ihr Götter!

Die Thörin die!

Zeus winkt und starre Lorbeerblätter

umfliegen sie.

 

Ihr Füßchen, sonst so niedlich, wurzelt

im Boden fest;

Apollo kömmt herangepurzelt

und schreyet: Pest!

 

Dann lehnt er seine Wangen

ans grüne Holz:

Jüngst eine Nimfe, sein Verlangen,

der Nimfen Stolz!

 

Er girrt ein Weilchen, sinnt, und pflücket

sich einen Kranz,

der seine blonden Scheitel schmücket

bey Spiel und Tanz.

 

Du arme Dafne! Tausend pflücken

nun Kränze sich

von deinen Haaren, sich zu schmücken!

Du dauerst mich!

 

Die Krieger und die Dichter zausen

in deinem Haar,

wie Stürme, die den Wald durchbrausen!

Die Köche gar!

 

Ja, ja, die braunen Köche ziehen

dir Locken aus,

zum lieblichen Gewürz der Brühen

beym Hochzeitsschmaus!

 

Laßt, Mädchen, euch dieß Beyspiel rühren,

das Warnung spricht,

und flieht, solang' euch Reitze zieren

uns Dichter nicht!

 

 

Marie Luise Kaschnitz – ANTIOPE

 Dem König Nykteus von Theben wuchs eine Tochter heran, deren Anmut so groß war, daß man sich auf den Märkten der Stadt, in den einsamen Dörfern des Gebirges, auf den Hafenplätzen und selbst auf den fern im Meer dahinsegelnden Schiffen von ihr wie von einem Wunder erzählte. Solcher Ruhm war nur dem der Helena vergleichbar, und manch einen mag das Übermütig-Verhängnisvolle einer so göttergleichen Bildung des Leibes zu trüben Prophezeiungen gestimmt haben. In der Tat war Antiopes Los sehr verschieden von den Erwartungen, die man in den Bauernhäusern und Hafenschenken wie in den Fürstenschlössern der Großen des Landes hegte, und ihr Vater, dessen Gedanken seit langem um eine ehrenvolle Verbindung und Stärkung seiner eigenen Macht kreisten, wurden aufs bitterste enttäuscht.

          Die junge Antiope nämlich wartete keineswegs auf den königlichen Freier, der ihr bestimmt war. Als sie, kaum erwachsen, einmal der Zucht der Hüterinnen entkam und die Stadt verließ, um sich neugierig in den Wäldern Böotiens zu verlieren, wurde sie von dieser neuen Freiheit, von dem Rauschen der Blätter, dem dunklen Gemurmel der Bäche und dem Glitzern der Sonnenstrahlen in einen solchen Rausch der Freude versetzt, daß sie sich dem ersten besten hingab, den sie auf ihrem Wege traf. Dieser erste beste war Zeus, und Antiope ahnte es wohl. Sie ließ sich von seiner Stimme umschmeicheln, von seinen Armen umfangen, von seinen Lippen küssen, und alle diese Liebkosungen waren für ihre unschuldige Empfindung so wenig verschieden von der süßen und schmerzhaften Berührung der Natur, daß sie ihr nur wie eine Krönung der seltsamen Erfahrungen dieses Tages erschienen.

          Als sie heimkam, zitternd von ihren Erlebnissen Kunde gab, scheute sie nicht, den Namen des allen Wesen innewohnenden Höchsten zu nennen und diese Kühnheit ließ die Scheltenden verstummen. Nur der Vater blieb ungläubig und hart, in namenloser Enttäuschung verfluchte er die Tochter und bedrohte sie mit so heftigen Worten und Gebärden, daß die Erschrockene entfloh und sich verbarg, um dann des Nachts weiterzuwandern, voll von Erstaunen und Trauer über ihr so jäh verwandeltes Geschick. Denn es war nun alles anders, als man es ihr versprochen hatte, und statt mit fürstlichem Gefolge und reich ausgestattet, auf prächtigem Wagen einer neuen Heimat entgegenzufahren, wanderte sie als Bettlerin , zog ins Ungewisse und war allein. Und auch der wunderbare Fremde, der satyrgestaltige mit den zarten Händen und dem sanften und glühendem Blick,  zeigte sich nicht. Feindlich und leer umgab sie die Wildnis der Wälder, die sie durchmaß, und wie allmählich die Erinnerung an das wunderbare Geschehen verblaßte, fühlte Antiope sich selbst geschändet und entehrt.

 

Lukian, Meergöttergespräche – Tyro.

Enipeus und Poseidon

 

ENIPEUS Das ist aber gar nicht schön von dir, Poseidon – die Wahrheit darf man ja noch sagen!-: meine Gestalt anzunehmen und dann dich an meine Geliebte heranzumachen; und sogar entjungfert hast du das arme Mädchen! Sie aber glaubte, ich sei es, und nur deswegen hat sie es sich gefallen lassen.

POSEIDON Du hast es nicht besser verdient, du hast dich ganz schnöde benommen und wie ein rechter Klotz. Da kommt ein so hübsches Mädchen Tag für Tag zu dir, ganz närrisch vor Liebe, du aber übersiehst sie glatt, ja machst dir einen Spaß daraus, sie zu kränken; und so irrt sie ziellos am Ufer hin und her, geht  ein bißchen ins Wasser hinein, planscht drin herum und hat bei alledem nur den einen Wunsch, dir selber zu begegnen, du aber läßt sie einfach hängen.

ENIPEUS Und wie? War es deswegen nötig, daß du mir die Liebe vor der Nase wegschnappst und dabei auch noch so tust, als ob du Enipeus wärst und nicht Poseidon und auf solche Art die arme Tyro, unschuldig wie das Mädchen war, hinters Licht führst?

POSEIDON Deine Eifersucht kommt nun zu spät, mein guter Enipeus; du hättest vorher nicht so hoffärtig tun sollen. Übrigens ist der Tyro gar nichts Arges widerfahren, da sie den, der ihr den Gürtel löste, für dich hielt.

ENIPEUS Als ob du ihr, als du davongingst, nicht selbst gesagt hättest, daß du Poseidon warst? Das war es eben, was ihr am wehesten tat. Aber auch mir hast du Unrecht getan, da du die Freuden, die mir zugedacht waren, verstohlenerweise dir zueignetest und hinter der purpurnen Woge, die euch beide verbarg, statt meiner mit dem Mädchen beisammen warst.

POSEIDON  Allerdings, aber du selber hast es ja nicht anders gewollt.

 

MOSCHOS (Bukoliker, um 150 v.u.Z.) Der Ausreißer

 

Kypris rief Eros, ihr Söhnchen, so aus:

„Wer hat einen Jungen am Kreuzweg gesehen,

der sich dort herumtrieb? Das ist der meinige,

das ist der Ausreißer, der mir entwischt ist.

Wer Meldung mir erstattet, kriegt etwas Besondres:

von Kypris einen Kuß, doch wer ihn bringt,

nicht nur den Kuß, o nein, mein Lieber;

in diesem Falle kannst du mehr erwarten.

Man findet ihn aus zwanzig Jungen leicht heraus.

Sein Leib ist nicht weiß, er ist wie Feuer.

Die Augen sind scharf und sprühen Flammen.

Sein Herz ist bös, aber süß sein Geplauder;

er denkt ganz anders; die Stimme wie Honig,

doch bitter wie Galle ist seine Gesinnung.

Ein wilder Geselle, ein arger Betrüger,

sagt niemals die Wahrheit, ein listiger Bursche,

der grausam sein Spiel treibt.

Winzig sind die Händchen, aber werfen kann er in die Weite,

werfen bis zu Hades´ Schlosse, werfen bis zum Acheron.

Nackt ist er am ganzen Körper; was er denkt, das ist verborgen,

und mit Schwingen wie ein Vogel fliegt er bald zu dem, zu jenem,

bald zu Männern, bald zu Frauen, sitzt dann nahe ihrem Herzen.

Einen kleinen Bogen hat er, von dem Bogen schnellt er Pfeile.

Klein ist das Geschoß, doch es fliegt weit hinaus bis in den Äther.

Hinten auf dem Rücken trägt er einen Köcher ganz von Golde;

drin sind seine scharfen Waffen, die gar oft auch mich verwunden.

Alles wilde, schlimme Dinge, mehr noch ist es seine Fackel –

diese kleine, kleine Fackel setzt selbst Helios in Flammen.

Packst du ihn, feßle ihn ohne Erbarmen.

Siehst du ihn weinen, laß dich nicht täuschen.

Lacht er, so schlepp ihn mit! Laß dich nicht küssen!

Sagt er >nimm hin, ich schenk dir meine Waffen>,

berühr sie nicht, getaucht sind sie in Feuer.“

 

Cesare Pavese: Leukothea und Ariadne

 ...Ariadne: Wie heißt du, Nymphe?

Leukothea: Leukothea. Verstehst du mich, Ariadne? Das schwarze Segel ist für immer davon. Diese Geschichte ist aus.

Ariadne. Sie ist mein Leben, das endet.

Leukothea: Etwas anderes wartet auf dich. DU bist töricht. Ehrest du keinen Gott in deinem Lande?

Ariadne: Welcher Gott kann mir das Schiff zurückgeben?

Leukothea: Ich frage dich, welchen Gott du gekannt hast?

Ariadne: Es gibt einen Berg in der Heimat, der auch denen des Schiffes Schrecken einjagte. Auf ihm sind große Götter geboren. Wir beten sie an. Ich rief sie schon allesamt auf, doch keiner hilft mir. Was werde ich tun? Sag mir.

Leukothea: Was erwartest du von den Göttern?

Ariadne: Ich erwarte nichts mehr.

Leukothea: So höre denn zu. Du hast jemanden bewegt.

Ariadne: Was willst du sagen?

Leukothea: So wahr ich mit dir spreche, hast du jemanden bewegt.

Ariadne: Du bist nur eine Nymphe.

Leukothea: Es kann geschehen, dass eine Nymphe einen großen Gott ankündigt.

Ariadne: Wen, Leukothea, wen denn?

Leukothea: Denkst du an den Gott oder an den schönen Knaben?

Ariadne: Ich weiß nicht. Wie sagst du? Ich werfe mich den Göttern zu Füßen.

Leukothea: Also hast du verstanden. Es ist ein neuer Gott. Er ist der jüngste von allen Göttern. Er hat dich gesehen, und du gefällst ihm. Dionysos wird er genannt.

Ariadne: Ich kenne ihn nicht.

Leukothea: Er ist in Theben geboren und zieht durch die Welt. Er ist ein Freudengott. Alle folgen ihm nach und jubeln ihm zu.

Ariadne: Ist er mächtig?

Leukothea: Er tötet lachend. Stiere und Tiger begleiten ihn Sein Leben ist ein Fest, und du gefällst ihm.

Ariadne: Aber wie hat er mich gesehen?

Leukothea: Wer kann es sagen? Bist du je in einem Weinberg gewesen, an den das Meer säumenden Flanken der Hügel, in der saumseligen Stunde, wo die Erde ihren Duft ausströmt? Einen rauen und zähen Duft zwischen Feige und Pinie? Wenn die Traube reift und die Luft schwer ist von Most? Oder hast du je einen Granatbaum, seine Frucht und Blüte betrachtet? Da herrscht Dionysos, auch in der Kühle vom Efeu, in den Pinienhainen und auf den Tennen.

Ariadne: Gibt es keinen Ort, der so einsam ist, dass uns die Götter nicht sehen?

Leukothea: Meine Liebe, die Götter sind doch der Ort, sind die Einsamkeit, sind die Zeit, die vorbeigeht. Dionysos kommt, und dir wird es scheinen, als raube dich ein mächtiger Windstoß, ähnlich jenem Wirbelsturm, der über die Tennen und durch die Weinberge hinbraust.

(…)

 

Peter Hacks - Endymion

 

Einst in einer Nacht, die klar,

Doch natürlich mondlos war,

Schlief ich im Gehölz, dem warmen,

Und alsbald in meinen Armen

Wie vom Mond herabgestiegen,

Fand ich eine Dame liegen.

Ihren Silberarsch, den kleinen,

Schien ihr angebracht auf meinen

Oberschenkel hinzubetten

Und damit vor Schmerz zu retten.

Voller Piniennadeln lag

Nämlich Latmos’ Hain und Hag.

 

Hiernach hob sie selbstbewusst

Ihren Kopf von meiner Brust.

Wissen Sie, so sprach sie, dass

Höchste Huld ich walten lass,

Und da? Ich Selene bin,

Die beliebte Mondgöttin.

Ich besah sie oft von oben,

Ohne sie zu sehr zu loben,

Aber mein Intresse galt

Ihrer schmucken Mannsgestalt.

 

Wie des Sommers Brise leidet,

Waren wir nur leicht bekleidet,

Mein Besuch mit einem losen

Schleier, ich mit Baumwollhosen.

Und sehr rasch sind uns im nächtlich

Lauen Dunkel die geschlechtlich

Beiderseits erregten Mitten

Zueinander vorgeschritten.

 

Nähres lässt sich nicht erzählen.

Denn sie übte einen Seelen-

Zauber, dass, auch wenn ich wollte,

Ich mich nicht erinnern sollte.

Deutlich ist mir, was geschah,

Bloß vom wie ist nichts mehr da.

Fünfzig Mal, so viel steht fest,

Hat sie hier im Liebesnest,

Rittlings über mich gebeugt,

Eine Tochter sich gezeugt.

Just die fünfzigste erst neulich.

Gar kein Streit, es war erfreulich.

Doch ich kann bei dieser Frau

Mir nicht merken, was genau

Zwischen mein- und ihrem Fleisch lief,

Als sie mir im Walde beischlief.

 

Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz

 

Ich hatte liebenswürdige Gesellschaft.

          Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die wahrhafte Liebesgöttin.

Sie saß im Fauteuil und hatte prasselndes Feuer angefacht, dessen Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen sucht.

Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.

„Ich begreife nicht, gnädige Frau“, rief ich, „es ist doch wahrhaftig nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr. Sie sind offenbar nervös.“

„Ich danke für euer Frühjahr“, sprach sie mit tiefer steinerner Stimme und nieste gleich darnach himmlisch, und zwar zweimal rasch nacheinander; „da kann ich es wahrlich nicht aushalten, und ich fange an zu verstehen –”,

„Was, meine Gnädige?“

„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und die deutsche Philosophie, ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was Liebe ist.“

„Erlauben Sie, Madame“, erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen wahrhaftig keine Ursache gegeben.“

„Nun, Sie –“, die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“

„Wie könnte ich das vergessen“, sagte ich, „Sie hatten damals reiche braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser Marmorblässe – Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit Fehpelz besetzt.“

„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie waren.“

„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ mich zwei Jahrtausende vergessen.“

„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“

„Nun, was die Treue betrifft –“

„Undankbarer!“

„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“

„Sie nennen grausam“, erwiderte die Liebesgöttin lebhaft, „was eben das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes ist, sich hinzugeben, wo es liebt, und alles zu lieben, was ihm gefällt.“

„Gibt es für den Liebenden eine größere Grausamkeit als die Treulosigkeit der Geliebten?“

„Ach!“ – entgegnete sie – „wir sind treu, solange wir lieben, ihr aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß, wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? – Ihr nehmt im Norden die Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“

„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle  und dauerhafte Verhältnisse.“

„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten Heidentum“, fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. Sobald ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein. Euch erscheint die Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus den lachenden Göttern Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür barfuß im Pilgerhemd nach Rom und erwartet Blüten von einem dürren Stock, während unter meinen Füßen zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; beliebt nur in eurem nordischen Nebel und christlichen Weihrauch; laßt uns Heiden unter dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“

 

 

 

 

 

Home | Bacchus | Etrusker | Odysseus und Penelope | Wen(n) Götter lieben | Poseidon | Über uns | LINKS | Gartenfotos