Goethes Farbenlehre in der Rezeption Rudolf Steiners
ein philosophischer Rekonstruktionsversuch
von Dr. Dr. Werner König
3.2.2. Empfindungen und Wahrnehmungen
3.2.2.1. Referatsteil
Rohrachers Selbstverständnis zufolge (aber) ist das 'bewußte Erleben' der spezifische Gegenstand psychologischer Forschung, wobei darunter so unterschiedliche Gegebenheiten wie Empfindungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Triebe und Willenserlebnisse fallen.
Im folgenden soll nun von jenen Formen des 'bewußten Erlebens' die Rede sein, die für eine (philosophische) Arbeit über die Farben von besonderer Bedeutung sind: von den Empfindungen und Wahrnehmungen.
Rohracher geht es dabei - und dies entspricht ganz seiner 'Biogenetischen Theorie des Seelischen' - nicht so sehr um die Frage, was Empfindungen und Wahrnehmungen sind, sondern vielmehr darum, wie sie entstehen und im übrigen wozu sie dienen.
Was zunächst die Einbindung in einen sogenannten Zweck betrifft, so vertritt Rohracher - auch das wurde schon erwähnt - die Auffassung, daß die Wahrnehmung, ebenso wie das Gedächtnis und das Denken, dazu veranlagt sind, "die Ziele zu erreichen, die ihnen von den Trieben, Interessen und Willenserlebnissen" (Rohracher, 1963, 97) gesetzt werden und daß sie daher diesen gegenüber bloß funktionalen Charakter haben. So würden beispielsweise die Wahrnehmungen insofern dem Nahrungs- und Geschlechtstrieb dienen, als durch sie die Lebewesen überhaupt erst in die Lage versetzt werden, Nahrung und Geschlechtspartner zu finden.
Hinsichtlich der Entstehung der Empfindungen bzw. des Empfindungsanteils in den Wahrnehmungen ist es so, daß es - wie bereits angedeutet - im wesentlichen auf zweierlei Faktoren ankommt, nämlich auf die atomare bzw. molekulare Außenwelt und die apparative Ausstattung des Menschen mit Sinnesorganen.
Was den ersten Faktor angeht, so nimmt Rohracher - und zwar ausdrücklich in Übereinstimmung mit den "Lehren der Physik" (Rohracher, 1963, 97) - an, daß das Universum objektiverweise aus Atomen und Molekülen besteht, die ständig in Bewegung sind und dadurch Schwingungen und Strahlungen erzeugen. Diese Welt chemischer und physikalischer Vorgänge wäre an sich ein völlig qualitätsloser Bereich.
Die real um uns herum vorhandenen Substanzen und Energien würden hingegen erst dadurch mit Qualitäten wie hell und dunkel, still und laut, hart und weich, rauh und glatt ausgestattet, daß sie auf den zweiten Faktor, also auf die Sinnesorgane samt den dazugehörigen nervösen Systemen, auftreffen; dort komme es nämlich, und zwar in den Ganglienzellen unserer Sinnesorgane, zu sogenannten Erregungen, aus denen dann im Gehirn die Empfindungen entstehen. Wie dieser Vorgang sich des näheren abspielen soll, wird am Beispiel des Farbensehens noch zu beschreiben sein. In diesem Zusammenhang genügt es anzumerken, daß Rohracher zufolge es die Sinne sind, die "aus der stummen und farblosen Welt die laute, leuchtende, prächtige Natur" (Rohracher, 1963, 97) machen, die uns umgibt; freilich wäre es dann so, daß es sich nicht mehr um etwas Objektives handeln würde, sondern eben um unsere subjektiven Erlebnisse.
Dennoch ist diese empfundene Welt - so Rohracher ausdrücklich - die für uns 'wahre Wirklichkeit', soferne man berücksichtigt, daß die Empfindungen von den Wahrnehmungen sozusagen überhöht werden. Wir hätten es nämlich - was die Empfindungen betrifft - zunächst nur mit einem "farbigen, tönenden und duftenden Durcheinander" (Rohracher, 1963, 97) zu tun; erst das Gedächtnis würde in dieses Empfindungschaos dadurch Ordnung bringen, daß "es die Erfahrungen, die wir seit frühester Kindheit damit gemacht haben, zur Verfügung stellt" (Rohracher, 1963, 97). Die Erfahrung würde demnach bewirken, daß aus den Empfindungen die Wahrnehmungen werden, also Wahrnehmungen von Dingen, "die wirklich existieren und sich zu bestimmten Zwecken verwenden lassen" (Rohracher, 1963, 97) und die insgesamt 'unsere Außenwelt' bilden. In diesem Sinne unterscheidet Rohracher daher zwischen der allein objektiven Welt chemisch-physikalischer Vorgänge, die das eigentliche 'Außen' bildet, und einer Außenwelt bloß für die Lebewesen, also einer Außenwelt, die gewissermaßen nur den Status einer 'relativen Wirklichkeit' trägt.
Das Bisherige zusammengefaßt ergibt, daß sich der Prozeß, der zum Aufbau 'unserer Außenwelt' führt, etwa folgendermaßen abspielt: "Atome, Moleküle oder Schwingungen erzeugen in den Sinnesorganen nervöse Erregungen, aus denen Empfindungen entstehen, die dann im Zusammenwirken mit den bisherigen Erfahrungen die Wahrnehmungen hervorbringen" (Rohracher, 1963, 100).
Darauf ist nun des näheren einzugehen:
Im Zusammenhang mit dem Reiz-Empfindungsmodell macht Rohracher auf das Paradoxon aufmerksam, daß wir (weil die äußeren Reize die inneren Empfindungen verursachen) "über die wirkliche Beschaffenheit der Außenwelt" eigentlich "nichts wissen" können (Rohracher, 1963, 98). Das, was wir wissen können, wäre nur, daß "irgend etwas" (Rohracher, 1963,98) auf unsere Sinnesorgane wirkt; niemals aber würden wir durch diese Wirkung erfahren, was dieses 'irgend etwas' unabhängig von unseren Sinnesempfindungen ist.
Allerdings wäre die Physik zu der Auffassung gekommen, daß sich dieses unbekannte, unzugängliche 'irgend etwas' am besten dadurch erklären läßt, daß man sich "die Außenwelt aus Atomen und Molekülen zusammengesetzt denkt" (Rohracher, 1963, 99).
Es handle sich hier also bloß um eine Hypothese und wäre dies daher auch stets zu berücksichtigen, wenn näherhin zwischen solchen Reizen unterschieden wird, die aus bewegten Atomen und Molekülen bestehen und Druck-, Stoß- oder Tastempfindungen auslösen und solchen, die aus Schwingungen und Strahlungen bestehen und die in uns durch ihre Wirkung z.B. auf die Netzhäute der Augen die Licht- und Farbempfindungen hervorbringen.
Auf der Basis solcher Anschauungen hätten nun Psychologen wie Fechner, Weber, Hering, Ebbinghaus vom Grundgedanken her durchaus zielführend versucht, Reiz und Empfindung in eine meßbare Beziehung zu setzen. Das Grundgesetz, das dabei diese als 'Psychophysik' bezeichnete Forschungsrichtung entdeckt hätte, wäre folgendes: "Eine Reizverstärkung erzeugt dann eine gerade merkbare Empfindungsverstärkung, wenn zum vorausgegangenen Reiz ein bestimmter Bruchteil seiner Stärke hinzukommt - dieser Bruchteil bleibt immer gleich" (Rohracher, 1963, 107). So hätte z.B. eine Versuchsreihe mit Gewichten ergeben, daß eine Zunahme jeweils um 1/3 des vorangegangenen Gewichts notwendig ist, damit es zu einer solchen Empfindungsverstärkung kommt.
Freilich müsse man - so die einschränkende Anmerkung Rohrachers - berücksichtigen, daß sich nur der geometrische Anstieg der Reizstärken, nicht aber der arithmetische Anstieg der Empfindungsstärken messen läßt. Dazu kommt, daß es natürlich auch subjektive, in den Versuchspersonen liegende Faktoren wie z.B. die Grade der Ermüdung, aber auch der Übung und der damit zusammenhängenden Aufmerksamkeit gibt, so daß es genaugenommen eben unbeweisbar sei, daß die Schritte von einer gerade merkbaren Stärkeempfindung zur nächsten immer gleich sind.
Abgesehen davon sieht Rohracher aber das Grundgesetz als Ausdruck der biologisch relevanten Tatsache, daß die Empfindlichkeit unserer Sinnesorgane für Stärkeunterschiede um so größer wird, je stärker die Reize sind, bzw. um so geringer, je schwächer sie sind. Damit ließe es sich auch erklären, warum die "Unterschiede zwischen hell und dunkel, laut und leise, in einem mittleren Bereich konstant bleiben" (Rohracher, 1963,107): es gäbe nämlich das zu erklärende Faktum, daß die Gegenstände unserer Umgebung ihre Hell-Dunkel-Unterschiede im hellen Sonnenlicht und in der Dämmerung in annähernd gleichem Maße beibehalten. Darauf wird im Zusammenhang mit der Erörterung des Farbensehens zurückgekommen.
Vom Grundsätzlichen her hält Rohracher jedenfalls den von G. Th. Fechner eingeschlagenen Weg deshalb für zielführend und fortsetzungswürdig, weil damit bewiesen wurde, daß sich auch mit subjektiven Erlebnissen experimentieren läßt.
Nun zur Erfahrung (bei Rohracher) als Konstituante der Wahrnehmung:
Auch hier steckt - nach dem Selbstverständnis des Autors - ein Stück Psychologiegeschichte drin. Daß der Faktor Erfahrung überhaupt ins Auge gefaßt wurde, hänge nämlich mit einem Schulenstreit um die Frage zusammen, welcher Art das unsere Außenwelt aufbauende Geschehen eigentlich ist. Ausgangspunkt war - so Rohrachers Sicht dieser Auseinandersetzung - der von W. Wundt und Ernst Mach vertretene Standpunkt, daß sich alles Seelische auf Empfindungen reduzieren lasse und diese somit jene Elemente bilden, aus denen sich unsere Welt zusammensetzt.
Dagegen wandten Helmholtz und später E. Hering ein, daß "die Art, in welcher wir die Außendinge sehen, in zuweilen überwältigender Weise durch die Erfahrungen mitbestimmt wird" (Rohracher, 1963, 117), so daß es oft "recht schwer werden kann, zu beurteilen, was in unseren durch den Gesichtssinn gewonnenen Anschauungen unmittelbar durch die Empfindung, und was im Gegenteil durch Erfahrung und Einübung bedingt ist" (Rohracher, 1963, 117).
Rohracher unterstreicht dies noch mit der Feststellung, daß man zumindest als Erwachsener - sieht man von solchen Ausnahmesituationen wie z.B. im Falle eines ungewohnten, kurzfristigen Schmerzes ab - gar nicht mehr in der Lage ist, sogenannte 'reine Empfindungen' zu erleben. Dazu komme, daß auch die Empfindungen einer bestimmten Empfindungsart gar nicht isoliert von den Empfindungen anderer Empfindungsarten auftreten, es also schon einer bestimmten Abstraktion bedürfe, um die Empfindungen einer bestimmten Art überhaupt ins Auge fassen zu können.
Worin besteht aber die durch die Erfahrung bewirkte Veränderung der Empfindungen? Der Erfahrungsprozeß ergibt sich dieser für Rohracher einfach daraus, daß das Gedächtnis frühere Empfindungen mit gegenwärtigen verbindet, wodurch - und darin bestünde die angesprochene Veränderung - aus einem Konglomerat von Sinnesempfindungen ein Ding mit Bedeutung wird. So werde beispielsweise aus einem Konglomerat von "gelblich-rötlich, glatt, rundlich, hart, geschmacklos beim Abschlecken" (Rohracher, 1963, 113) als das ein Apfel von einem kleinen Kind erlebt wird, aufgrund eines solchen Erfahrungsprozesses ein Ding mit der allmählichen Bedeutung Apfel. Allerdings wäre es so - und das ist für die Rohrachersche Konzeption signifikant -, daß "Wissen und Bedeutung" (Rohracher, 1963, 114), also alle bisherigen Erfahrungen, die wir von einem Gegenstand gemacht haben, nicht als abstrakte Denk- und Begriffskomponente in der Wahrnehmung enthalten wäre, sondern als anschauliche Vorstellung. Wir würden es nämlich dem Apfel ansehen, daß er innen weiß und saftig ist, daß er ein Kerngehäuse und eine Rückseite hat. D.h., daß alles, was wir von einem Gegenstand aus früherer Erfahrung wissen, in ihn "hineinempfunden" (Rohracher, 1963, 114) wird. Die von einem Reiz erzeugten Einzelempfindungen würden daher aus der Erfahrung vorstellungsmäßig ergänzt werden und in die allgemeine Erfahrung eingeordnet werden.
Dieses vorstellungsmäßige Ergänzen würde - so Rohracher - aufgrund eines physiologischen Hirnprozesses stattfinden und deshalb ein unbewußter und zwingender Vorgang sein. Aus diesem Grunde würde der Reiz bzw. die von ihm ausgelöste Empfindung im Alltag auch nur eine wahrnehmungsauslösende Rolle spielen und es wäre so, daß "die Einzelheiten der Empfindungen von der Wahrnehmung, die sie auslösen, vollkommen überdeckt werden" (Rohracher, 1963, 115). Darauf beruhe im übrigen die sogenannte Dingkonstanz, also z.B. die Tatsache, daß ein Tisch trotz verschiedener Netzhautbilder und Empfindungen immer als der gleiche gesehen wird.
Aber nicht nur auf die Erfahrung komme es an, um das begreiflich machen zu können, was einem als Gegenstandswelt entgegentritt, sondern auf noch etwas anderes. Dieses andere, von Christian Ehrenfels als Gestaltqualität bezeichnet, bewirke beispielsweise, daß eine Melodie auch dann gleichbleibt, wenn sie in verschiedenen Tonarten und mit verschiedenen Instrumenten gespielt wird. Damit ging (nach Rohracher) Ehrenfels in der Überwindung der wundtschen Empfindungspsychologie noch einen Schritt weiter als Helmholtz und Hering: so konnte gezeigt werden, daß auch jemand, der nicht weiß, was ein Quadrat ist - diesbezüglich also erfahrungslos ist - vier in einem Quadrat angeordnete Punkte aber sofort als Quadrat sieht.
Wenngleich nun diese Einsichten durchaus richtig seien, so habe die Gestaltspsychologie als Ganzes - das, was Ehrenfels begonnen hat, wurde später von Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Kofka, Felix Krueger und Wolfgang Metzger fortgesetzt - übers Ziel geschossen; es wäre eben keinesfalls so, daß die Empfindungen "in der biologischen Wirklichkeit so gut wie bedeutungslos" (Rohracher, 1963, 118) sind. Damit würde man nämlich übersehen, daß es auch o etwas wie Kälte-, Hitze-, 'Laut-leise'-Eindrücke, singuläre Schmerzempfindungen, die Empfindung starker Lichtintensität etc. gibt. Da aber aus der Sicht Rohrachers auch das andere Extrem, nämlich die von Wundt und Mach vertretene Empfindungslehre unzutreffend ist, ergibt sich für ihn als Konsequenz, neben Empfindung und Erfahrung auch in der Gestaltqualität ein Element zu sehen, das unsere Wirklichkeit mitbestimmt.
Was dieses 'unsere' betrifft, so sei noch folgendes angemerkt:
Der prinzipiell subjektive Charakter dessen, was wir als Welt bezeichnen, rührt Rohrachers naturwissenschaftlicher Auffassung zufolge also davon her, daß die Empfindungen nichts mehr mit den sie hervorbringenden und allein objektiven chemisch-physikalischen Vorgängen gemeinsam haben. Dazu komme, daß es natürlich auch von der Art der sinnesapparativen Ausstattung der Lebewesen abhängt, welcher Reizbereich sich ihnen als Außenwelt erschließt; so brauche man beispielsweise nur an einen Hund mit seinem besseren Geruchsorgan oder an eine Biene mit ihrem spezifischen Sehapparat zu denken, um einzusehen, daß immer nur ein ganz kleiner Ausschnitt des um uns herum sich befindlichen objektiv-atomaren Geschehens Empfindungen auslöst. Aber nicht nur die sinnesbedingte Selektion eines bestimmten Reizbereiches bewirke zusätzlich die Relativität der 'empfundenen' Welt, sondern auch die Art der Umsetzung des Reizgeschehens in die Sinnesqualitäten. So würde ein und derselbe Reiz z.B. bei einem Menschen eine andere Empfindung auslösen, als bei irgendeinem Tier.
Was die Wahrnehmungen betrifft, so wären sie - wie ausgeführt - bloß deshalb 'unsere' Wahrnehmungen, weil ihnen ein subjektiver Erfahrungsprozeß zugrunde liegt. Ein Erfahrungsprozeß, der - und diesen Aspekt gelte es ebenfalls zu beachten - dazu führe, daß es viele Dinge gibt, die lediglich für uns, nicht aber für die Tiere von Bedeutung sind. So wäre z.B. "ein Buch, ein Tisch, ein Sessel in der Welt der Fliege, des Vogels oder des Wurmes kein Buch, kein Tisch, kein Sessel, sondern ein Gegenstand, der ihrem Körper Halt bietet, wenn sie sich darauf niederlassen" (Rohracher, 1963, 98). Das gelte freilich nicht nur im Verhältnis Mensch-Tier, sondern auch innerhalb des menschlichen Bereiches, wenn man bedenkt, daß die eben angeführten Gegenstände z.B. für Kinder keine oder eine andere Bedeutung. Außerdem würde jeder Mensch schon deshalb "in seiner eigenen, individuellen Welt" (Rohracher, 1963, 98) leben, weil "in den weltgestaltenden Faktoren der Erfahrung die individuellen Triebe und Interessen enthalten sind" (Rohracher, 1963, 98) und es von daher zu einer "Auswahl nach ganz persönlichen Gesichtspunkten" (Rohracher, 1963, 98) kommt.
3.2.2.2. Replik
Auch zu diesem Abschnitt gleich einige kritische Anmerkungen grundsätzlicher Art:
Es wurde gesagt, daß der Mensch als Sinneswesen die "an sich" (Rohracher, 1963, 97) seienden Reize in etwas völlig Anderes, nämlich in die subjektiven Empfindungen transformiere. Dieses Transformieren wäre aber kein der menschlichen Willkür unterliegender Akt, sondern werde damit nur umschrieben, daß der Mensch als Sinneswesen in ein beim atomaren Reiz beginnendes und bei der Empfindung endendes Kausalgeschehen als subjektivierender Faktor eingegliedert ist.
An das anknüpfend ergibt sich zunächst ganz allgemein die Frage, wie es überhaupt denkbar sein soll, daß ein kausales Geschehen objektiv beginnt und subjektiv ausläuft. Kausalität im naturwissenschaftlichen Sinn - und nur das versteht Rohracher unter Kausalität - setzt zumindest implizit einen einheitlichen Gegenstandsbereich voraus.
Naturwissenschaftliche Kausalität hebt sich daher spätestens dann auf, wenn mit ihr (wie auch bei Rohracher) das in Erklärung zu ziehen versucht wird, was aber ihre eigene Voraussetzung als ein empirisches Erklärungsinstrumentarium betrifft: das Phänomenale. Dem Einwand, daß die Quantenphysik das Gegenteil beweist, wäre aus ( wirklichkeitsphilosophischer Sicht Steiners) in zweierlei Hinsicht zu entgegnen: Erstens ist der außerphänomenale Gegenstandsbereich der Quantenphysik nur scheinbar außerphänomenal, tatsächlich aber (wenn überhaupt/ vgl. insbesonders 4.2.4.) nur eine (Art von) Hypostasierung aus (der phänomenalen Wirklichkeit entnommenen) Vorstellungselementen. Zweitens aber ist naturwissenschaftliche Kausalität in der Quantenphysik (bereits) probalistisch bzw. indeterministisch und ist es von daher umso widersprüchlicher, wenn (etwa auch) Rohracher (noch dazu hypothetisch) einen 'deterministischen' Zusammenhang zwischen einem 'indeterministischen Atombereich' und dem Bereich der phänomenalen Wirklichkeit annimmt.
Daß es hier bei Steiner ein Analogon dazu gibt, wonach "die Logik (zwecks Vermeidung von Trugschlüssen wie die Kreter-Antinomie) auf alles anwendbar ist, nur nicht auf sich selber" (Vortrag von Steiner vom 2O.10.1908 über Logik I/Formale Logik), sei am Rande angemerkt.
Abgesehen davon ergeben sich aber noch andere Komplikationen: Wie ist es z.B. mit einer (an Hume orientierten) radikalempiristischen Auffassung vereinbar, davon zu reden, daß die objektive Wirklichkeit der chemischen und physikalischen Vorgänge unabhängig davon existiert, ob "wir sie wahrnehmen können oder nicht" (Rohracher, 1963, 100); dies umso mehr, als es sich hiebei um eine prinzipielle Wahrnehmungsunfähigkeit dessen handelt, was die Empfindungen als deren (zwangsläufig) empfindungslose Ursache überhaupt erst entstehen läßt. Wie soll man denn - so müßte sich Rohracher konsequenterweise und mit ähnlichen Argumenten wie bei der für ihn 'nicht greifbaren' Seele fragen - von etwas wissen, das sich gar nicht beobachten läßt?
Rohracher selbst rekurriert freilich auf den bloß hypothetischen Charakter des 'bewährten naturwissenschaftlichen Weltbildes' und glaubt so das Dilemma vermeiden zu können, in dem sich eine Erfahrungswissenschaft befindet, wenn sie etwas Erfahrungsunabhängiges annimmt. Tatsächlich aber ist es nur ein scheinbares Vermeiden, weil Rohracher zwar nur hypothetisch von der atomaren Wirklichkeit spricht, aber übersieht, daß dann eigentlich auch die These von der Subjektivität der Empfindungen nur hypothetisch sein kann. Beharrt man nämlich, so wie Rohracher, apodiktisch auf der Behauptung, daß die Empfindungen subjektiv sind, dann setzt dies eben doch die Annahme eines real existierenden Atombereiches voraus; in bezug darauf aber besteht aus empiristischer Sicht eben die Aporie, um die Existenz von etwas zu wissen, das man nicht beobachten kann.
Im übrigen kommt man gerade bei der naturwissenschaftlichen Hypothesenbildung schon deshalb nicht um die Rückbindung an die (angeblich) subjektive Empirie herum, weil sie (zumindest nach dem Popperschen Verständnis von Wissenschaftstheorie) prinzipiell falsifizierbar sein muß: Falsifizierbarkeit aber impliziert ein Scheitern-Können an der (im weitesten Sinn) empirischen Wirklichkeit.
Dazu kommt, daß sich auch der Naturwissenschaftler selbst als Sinneswesen einbringt, er also widersprüchlicherweise davon abstrahieren muß, daß er selbst ein Subjektivierungsfaktor ist.
Daß die Sinnesorgane ihrerseits als objektive Sinneswahrnehmungen angenommenen werden müssen, um die These von der Subjektivität der Sinneswahrnehmungen überhaupt aufrechterhalten zu können, hat schon Steiner als Widerspruch der atomistischen Naturwissenschaft seiner Zeit entgegengehalten.
(Unter Annahme der Vorstellung einer Wirklichkeitskonstruktion im Wege der Sinneswahrnehmungen) wurde dieser Gedanke als Zirkularitätsproblematik durch die beiden Neurobiologen Maturana und Varela neu diskutiert. Insofern sie aber bei der Zirkularität als ein unaufhebbares Paradoxon stehen bleiben, ziehen sie genau nicht die Konsequenz, die Steiner als common sense-Denker zieht: das Verwerfen einer Annahme der Wirklichkeitskonstruktion im Wahrnehmungsakt. Daß sich Steiner damit aber nicht naiv dem (um einen Ausdruck von Sellars zu gebrauchen) Mythos vom unmittelbar Gegebenen ausliefert, zeigt sich darin, daß er seine Philosophie auf die Erfahrung des Denkens als eine mittelbare Gegebenheit hin gründet. Daß er damit das common sense - Verständnis der Wirklichkeit durch einen Akt außerhalb des common sense - Verständnisses absichert, macht seine Philosophie zur Erlebnisphilosophie.
Weil also Rohracher als naturwissenschaftlich orientierter Psychologe keinesfalls schlüssig zeigen kann, daß die Empirie speziell in Form der Empfindungen subjektiven Charakter haben, ist auch die behauptete Zweiteilung der Welt in einen subjektiven Bereich der Empfindungen und einen objektiven Bereich des Atomaren hinfällig. Der Bereich des Atomaren läßt sich nämlich dann als solcher eben nicht mehr vom Bereich der Empfindungen abgrenzen und würden folglich beide Bereiche (ontologisch gesehen) zusammenfallen.
Genaugenommen fällt aber der wegen seines transempirischen Charakters als objektiv angenommene Atombereich ohnehin mit dem Empfindungsbereich zusammen: als (zwar) kleinstmöglicher Teil der Welt ist er eben doch Teil der Welt, die uns als Sinneswesen zugänglich ist. Dem entspricht, daß Rohracher zum sinnlich Beobachtbaren auch das rechnet, was sich, wie das Atomare, nur instrumentell beobachten läßt. Berücksichtigt man also, daß das Atomare eigentlich so vorgestellt wird, als ob es Empfindungscharakter hätte bzw. auch so behandelt wird wie ein Empfindungsmäßiges, dann erscheint das, was als Reiz-Empfindungszusammenhang bezeichnet wird, als nichts anderes als eine Deskription dessen, was sich im Zusammenhang mit der Empfindung auf dieser Ebene insgesamt abspielt. Daß physikalisch gesehen z.B. die Empfindung 'Rot' bei 400 Billionen elektromagnetischer Schwingungen entsteht, heißt diesen Überlegungen zufolge also nur folgendes: während jemand die Empfindung 'Rot' hat, stellt ein anderer Empfindender, nämlich der naturwissenschaftliche Beobachter (und Experimentator), ein damit offensichtlich verbundenes Geschehen fest, das er dann (noch dazu) sinnesanalog als Schwingungen etc. deutet. Entscheidende Prämisse einer solchen Sichtweise aber ist die Feststellung, daß auch und gerade der naturwissenschaftliche Beobachter je schon im Sinnlichen steht bzw. immer schon mit Sinnlichem operiert.
Mit der Charakterisierung des 'Reiz-Empfindungszusammenhanges' als einer bloßen Relation von Empfindungen soll allerdings nicht ausgesagt werden, daß es sich dabei doch um Kausalität handelt. Ganz im Gegenteil. Gerade, weil der naturwissenschaftliche Beobachter und der 'offiziell Empfindende' zwei Empfindende sind, ist es nicht möglich, daß dasjenige eintritt, was bei der Feststellung von Kausalität Voraussetzung ist: das Faktum (nämlich), daß alle Glieder einer Ursachenreihe (zumindest prinzipiell) im Wahrnehmungshorizont ein und derselben Person liegen. Es sind also - die vorhin gemachten Überlegungen miteinbezogen - mehrere Gründe, weshalb es nicht möglich ist, Reiz und Empfindung in einem naturwissenschaftlichen Kausalzusammenhang zu denken.
Zu behaupten, daß es einen Kausalzusammenhang zwischen (atomaren) Reiz und (Sinnes-)Empfindung gibt, scheitert folglich auf zwei Ebenen:
1.) als Argument, daß ein (prinzipiell) Unsinnliches ein Sinnliches kausiert und
2.) aber daran, daß es hier keinen Beobachter gibt, der (wie bei Feststellung von Kausalzusammenhänge aber vorausgesetzt) beide Glieder des postulierten Kausalzusammenhanges erfassen kann.
Damit ist aber bereits gesagt, warum auch die Psychophysik sozusagen auf Sand baut. Ihr Anliegen, Reiz und Empfindung in eine meßbare Beziehung zu bringen, fußt nämlich auf der Annahme, daß Reiz und Empfindung im Sinne eines solch 'undenkbaren' Kausalzusammenhanges schon etwas miteinander zu tun haben.
Aber auch was das Spezifische der psychophysischen Forschungsbemühungen betrifft - Rohracher hält sie, wie gesagt, mit gewissen Einschränkungen für durchaus zielführend - ergeben sich Unklarheiten bzw. Widersprüchlichkeiten. So mutet es überhaupt eigenartig an, daß ausgerechnet der Psychophysiker, der ja auf die ohnehin quantifizierende Physik baut, es sich zum Ziel setzt, Reiz und Empfindung in eine meßbare Beziehung zu setzen. Um was sonst, als um einen meßbaren Bezug soll es sich denn handeln, wenn der Physiker beispielsweise feststellt, daß bei 400 Billionen elektromagnetischer Schwingungen die Empfindung 'Rot' entsteht.
Der Psychophysiker selbst sieht dies freilich anders; ihm geht es offensichtlich darum, auch die Empfindungsseite sozusagen in den Griff zu bekommen. Er geht nämlich davon aus - und das trifft auch auf Rohracher zu - daß das, worauf sich das physikalische Reizgeschehen bezieht, die Empfindung, etwas Unmeßbares bzw. Unbestimmbares ist. Diesen vermeintlichen Mangel an Operationalität versucht der Psychophysiker nun dadurch zu kompensieren, daß er die Empfindungen zueinander in Relation bringt und auf dieser Basis einen Bezug zu den (meßbaren) Reizrelationen herstellt. Damit aber wird - und das ist der zentrale Kritikpunkt - das Problem keinesfalls gelöst, sondern höchstens verschleiert. Denn auch und gerade das Herstellen einer Relation setzt immer schon die Kenntnis der Relaten voraus. Konsequenz daraus: genauso wie für den Physiker, ist auch für den Psychophysiker es Prämisse seiner Forschungstätigkeit, daß Empfindungen schon durch sich etwas Bestimmtes sind; wären sie es nämlich nicht, dann hätte ihre Forschungstätigkeit nichts, wo sie ansetzen könnte.
Dem könnte nun von Rohracher entgegengehalten werden, daß damit auf die überholte Auffassung von Ernst Mach zurückgegriffen wird, wonach die eigentlichen Elemente des Seelenlebens die Empfindungen sind. In Wahrheit wäre dies allerdings kein Einwand, und zwar nicht nur deshalb (nicht), weil die Machsche Empfindungslehre im Kontext mit dem unschlüssigen Reiz-Empfindungsmodell steht, sondern auch deshalb (nicht), weil mit der Feststellung, daß es den sozusagen ontischen Eigenwert der Empfindungen zu berücksichtigen gilt, noch keinerlei Aussage darüber getroffen wird, wie sich das Seelenleben tatsächlich zusammensetzt.
Daß das Seelenleben (selbst dann wenn man in der Empfindung keinen Komplementärbegriff zum 'Reiz' sieht) nicht von der Empfindung her konstituiert wird, darin ist Rohracher in seiner Ablehnung des Machschen Standpunktes sicherlich recht zu geben.. Nicht gefolgt werden kann Rohracher allerdings in seiner Argumentation, daß dies ausschließlich mit der Erfahrung zusammenhängt.
Darauf ist im Hinblick auf eine kritische Hinterfragung des rohracherschen Wahrnehmungsbegriffes im folgenden des näher einzugehen.
Rohracher geht es - um es gleich vorweg zu sagen - in der Überwindung der Machschen Empfindungslehre keinesfalls darum, das ihr zugrunde liegende Reiz-Empfindungsmodell in Frage zu stellen. Ganz im Gegenteil: das, was er will, ist, aufzuklären, warum wir es - entgegen der Annahme des Reiz-Empfindungsmodells - nicht mit Empfindungen, sondern immer nur mit Dingen zu tun haben. So gesehen ist also seine Wahrnehmungslehre nichts anderes als eine Art Zusatzhypothese zur Aufrechterhaltung eben dieses Modells. Das aber heißt, daß auch die Rohrachersche Wahrnehmungslehre schon vom Fundament her unbrauchbar ist.
Wie aber steht es nun mit dem, worauf es bei dieser Wahrnehmungslehre eigentlich ankommt, mit der 'Erfahrung'? Zur Erinnerung: für Rohracher ist die Wahrnehmung nichts anderes als das Produkt eines Erfahrungsprozesses, der darin besteht, daß das Gedächtnis frühere mit gegenwärtigen Empfindungen verbindet. Genau da aber liegt schon die erste Verständnisschwierigkeit: wie kann aus der bloßen Verbindung von Empfindungen, also aus der Verbindung gleicher Elemente, etwas gänzlich Neues - wie die Wahrnehmungen es angeblich sind - entstehen? Das heißt, daß sich Rohracher eigentlich genau den Vorwurf gefallen lassen muß, den er Wundt gegenüber macht und der darauf hinausläuft, daß sich die Tatsache, daß wir es nicht mit einem Empfindungschaos, sondern mit Einheiten zu tun haben, nicht damit wegerklären lassen kann, daß man von einer bloß 'schöpferischen Synthese' der Empfindungen spricht. Rohracher würde demgegenüber vielleicht einwenden, daß es einen Unterschied macht, ob man sich vorstellt, daß die Empfindungen sich gewissermaßen von selbst synthetisieren, oder ob man - wie er es tut - annimmt, daß dies auf rein physiologischer Ebene stattfindet. Ein solcher Einwand aber wäre - abgesehen von dem bereits angeschnittenen Problem des Reduktionistischen - deshalb ein nur scheinbarer, weil es im Grunde genommen gleichgültig ist, wie es zur Verbindung von Empfindungen kommt; wesentlich ist, daß es sich um die bloße Verbindung von Empfindungen handelt und daß eine solche Verbindung, substantiell gesehen, das ist, was sie aber nicht sein dürfte, nämlich ein Konglomerat von Empfindungen im Mach-Wundtschen Sinn. Genaugenommen ist auch Rohracher dieser Auffassung; denn er versteht unter Wahrnehmung nichts anderes als einen - wie er sich ausdrückt - Komplex von Empfindungen, also eine bloß äußerliche Zusammenfügung von Empfindungselementen. Daran ändert natürlich auch nichts, daß er nur die Wahrnehmung, also gewissermaßen den output des physiologischen Prozesses als Empfindungskomplex, den input hingegen als Empfindungskonglomerat bezeichnet. Es ist vielmehr das Gegenteil der Fall: auch rein sprachlich wird mit Komplex dasselbe ausgedrückt wie mit Konglomerat, nämlich eine im Gegensatz zu einem Ganzen stehende Summe von Teilen.
Daß Rohrachers Wahrnehmungsbegriff jedenfalls nur auf die Konglomeration von Empfindungen abstellt, ergibt sich aber vor allem aber daraus, daß dasjenige, worauf es bei der Wahrnehmung als ein Wissen und Bedeutung eigentlich ankommt, keinesfalls als Denk- und Begriffskomponente abstrahierbar ist. Die Wahrnehmung eines Gegenstandes würde sich vielmehr so abspielen, daß wir alles, was wir von ihm aus früherer Erfahrung wissen, in ihn hineinempfinden. Damit aber reduziert Rohracher eben ganz eindeutig die Wahrnehmung auf ein Kompositum aus Empfindungen.
Dies ist offensichtlich auch der Grund, warum er nicht - wie man meinem könnte - davon spricht, daß das Gedächtnis frühere Wahrnehmungen mit gegenwärtigen Empfindungen verbindet, sondern immer nur davon, daß das Gedächtnis Verknüpfungsschauplatz bloß der Empfindungen ist.
Was im übrigen die Konstruktion des 'Hineinempfindens' selbst betrifft, so zeigt sich auch darin, daß Rohracher mit sich selbst in Widerspruch kommt. Denn gerade von seinem Standpunkt aus, wonach die um uns herum befindlichen Gegenstände überhaupt erst im Wahrnehmungsakt entstehen, erscheint es einfach zirkulär, davon zu reden, daß wir im Wahrnehmungsakt in einen Gegenstand etwas hineinempfinden. Aus demselben Grund ist es auch unsinnig, wenn Rohracher seine These, daß auch jeder Erwachsene nur in seiner eigenen, individuellen Welt lebt, damit begründet, daß in den weltgestaltenden Faktoren der Erfahrung die individuellen Triebe und Interessen enthalten sind und es von daher zu einer "Auswahl nach ganz persönlichen Gesichtspunkten" (Rohracher, 1963, 98) kommt. Eine solche Auswahl wäre nämlich nur denkbar, wenn es die Gegenstände - die aber erst im (erfahrungsbedingten) Wahrnehmungsakt entstehen sollen - schon vorher gäbe. Zu der Hypothese, daß sich die Verknüpfungsaktivität des Gedächtnisses als ein physiologischer Hirnprozeß, also als ein unbewußter und zwingender Vorgang, abspielt, sei noch folgendes bemerkt: Wenn Rohracher die Empfindung im Sinne der Theorie der letzten Wirkung als ein selbst wirkungsloses Epiphänomen materiell-physiologischer Vorgänge versteht, dann paßt es eben mit dieser Theorie nicht zusammen, wenn sie sozusagen nochmals in einen physiologischen Wirkungszusammenhang versetzt wird; abgesehen davon ist es natürlich unvorstellbar, welche Rolle eine in Wirklichkeit akausale Bewußtseinsgegebenheit wie die Empfindung in einem im Unbewußten verlaufenden Kausalvorgang spielen soll.
Eine weitere Inkonsequenz Rohrachers liegt darin, daß er einerseits davon ausgeht, daß sich der Erfahrungsvorgang bei Mensch und Tier in grundsätzlich gleicher Weise abspielt, er aber andererseits ausdrücklich betont, daß Erfahrung immer nur menschliche Erfahrung bedeutet und es erfahrungsbedingt viele Dinge gibt, die nur in unserer, nicht aber in der Welt der Tiere eine Rolle spielen. Würde aber das Tier tatsächlich Erfahrungen haben und würden diese genauso zustande kommen wie beim Menschen, dann wäre es eigentlich unerklärlich, warum nicht auch das Tier z.B. einen Tisch als Tisch erfahren könnte und nicht bloß als einen Gegenstand, der ihm Halt bietet.
Daß natürlich auch der Mensch nicht auf diese Art (nämlich über die Wahrnehmung) z.B. den Tisch als Tisch erfaßt, wurde indirekt schon gesagt: als bloße Empfindungsentitäten sind sie nämlich nicht als Wissens- und Bedeutungsträger einzustufen. In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, daß auch die sogenannte Dingkonstanz eine bloße Fiktion ist; es ist eben keinesfalls so, daß die Wahrnehmungen - so wie Rohracher sie versteht - dasjenige sind, was als ein den Empfindungen gegenüber Neues diese überformt und daß es darauf beruht, daß z.B. ein Tisch trotz verschiedener Netzhautbilder und Empfindungen immer als der gleiche gesehen wird. Außerdem frägt es sich, welcher Stellenwert einer solchen Dingkonstanz zukommt, wenn das Ding, auf das sich diese Konstanz bezieht, ausdrücklich als Funktion eines subjektiven Erfahrungsprozesses verstanden wird. Damit soll freilich nicht übersehen werden, daß auch Rohracher nicht umhin kommt, eine subjektsunabhängige Dingbedeutung anzunehmen. Gerade in der den Subjektsbezug zum Ausdruck bringen sollenden Formulierung, im Erfahrungsprozeß werde beispielsweise ein Apfel zu einem Ding mit der allmählichen Bedeutung Apfel, steckt nämlich drinnen, daß es so etwas wie eine subjektsunabhängige, eigentliche Bedeutung des Apfels gibt.
Soviel also zum Themenkomplex 'Entstehung der Empfindungen und Wahrnehmungen'.
Was die Rohracher zufolge gegebene Einbindung derselben in den vor allem den Trieben immanenten Zweck betrifft, das Leben zu erhalten und es fortzupflanzen, so ist dazu folgendes zu bemerken:
Geht man im Sinne der 'biogenetischen Hypothese' davon aus, daß die Empfindungen und Wahrnehmungen ein bloßes Epiphänomen des Organischen sind, dann ist es eigentlich unverständlich, warum man sie auch noch in einen sogenannten Zweck einzubinden sucht, noch dazu in einen solchen, der zirkulärerweise das ermöglichen sollte, was Basis ihres eigenen Zustandekommens ist, nämlich das Organische.
Nun ließe sich argumentieren, daß gerade vom biogenetischen Standpunkt aus ja auch die Zweckträger, die psychischen Kräfte, nur epiphänomenalen Charakter haben, sie also gar nicht in einem (ontischen) Gegensatz zu den Empfindungen und Wahrnehmungen stehen. Genau damit würde - die Frage unberührt, ob sich die psychischen Kräfte überhaupt 'zweckhaft' interpretieren lassen - der Zweckbegriff zum Verschwinden gebracht; der Zweck wäre dann nämlich als letztes Glied einer naturwissenschaftlichen Kausalreihe gerade kein Zweck, sondern das Gegenteil, nämlich ein naturwissenschaftliches Faktum. Beharrt man also in aller Konsequenz auf der biogenetischen Hypothese, dann verflüchtigt sich der Zweck in ein ontisch irrelevantes Gebilde und es wird klar, daß sich der biogenetische Standpunkt und die teleologisch zumindest anmutende These von der Einbindung der Empfindungen und Wahrnehmungen in den Zweck des Lebens einander ausschließen. Klammert man hingegen, was den Zweck betrifft, den biogenetischen Gesichtspunkt aus, dann ergibt sich die besagte Unverständlichkeit; eine Unverständlichkeit, die auch deshalb eine ist, weil dann die Empfindungen und Wahrnehmungen gleichzeitig Funktion der psychischen Kräfte und des Organischen sein müßten.
Daß Rohracher mit seiner Auffassung, daß die Empfindungen etc. nur den Zweck haben, das Leben zu ermöglichen und zu perpetuieren, nicht recht haben kann, ergibt sich im übrigen schon daraus, daß es auch Lebewesen gibt, die nicht mit Sinnesorganen ausgestattet sind, d.h. empfindungslos sind.
Auch am Schluß dieses Abschnittes ist anzumerken, daß auf einige von Rohracher eingebrachte Gesichtspunkte - wie z.B. die Unterschiedlichkeit der den einzelnen Lebewesen eigenen 'Welten oder der Faktor 'Gestaltsqualität' bei der Wahrnehmung - entweder nur am Rande oder gar nicht eingegangen wurde. Diese Gesichtspunkte werden aber - sofern von Belang - in anderen Zusammenhängen bzw. im Resümee mitbesprochen.
3.2.3. Das Sehen (Referat inklusive Replik)
In aller Kürze sei erwähnt, daß Rohracher ausführlich auf 'Aufbau und Arbeitsweise des Sehapparates' eingeht und in diesem Zusammenhang ausführlich die physiologischen Vorgänge in der Netzhaut (Duplizität von Tages-Zapfen und Stäbchen-Dämmerungssehen) und in den Sehsphären der Hirnrinde beschreibt, wobei er ganz im Sinne Maxwells davon ausgeht, daß es elektromagnetische Schwingungen sind, die im Organismus 'Sehempfindungen' auslösen.
Das ist als Darstellung rein medizinischer Forschungsergebnisse nicht weiter zu kommentieren. Das, was zu kommentieren ist, sind vielmehr die Schlußfolgerungen, die Rohracher aus diesen Forschungsergebnissen zieht respect. der theoretische Kontext, in dem er diese Resultate sieht.
Eine wesentliche Schlußfolgerung besteht nun darin, daß aus dem Phänomen der Rindenblindheit gefolgert wird, daß im Rindenbereich der eigentliche Entstehungsort des Sehens zu suchen ist. Genau diese Schlußfolgerung aber ist unhaltbar, und zwar nicht nur deshalb, weil sie an sich falsch ist, sondern auch deshalb, weil sie in Widerspruch zu dem steht, was Rohracher im Zusammenhang mit der Gehirnforschung als die allein zielführende Fragestellung ansieht. Er vertritt nämlich - wie erwähnt - die Auffassung, daß wegen der derzeitigen Aussichtslosigkeit, die biogenetische Hypothese zu verifizieren, anstelle der Frage nach der Entstehung des Psychischen aus dem Organischen die Frage zu treten habe: "Was geschieht im Gehirn, während wir etwas erleben?" (Rohracher, 1963, 20). Eine Fragestellung, die insofern konträr zu der Annahme ist, daß das Sehen in der Rindenregion zustandekommt, als damit das Sehen wie jeder andere Akt des 'bewußten Erlebens' in seiner Faktizität als etwas Zustandegekommenes bereits vorausgesetzt wird; nach dem zu fragen, was im Gehirn vorgeht, während wir etwas erleben, heißt eben nichts anderes, als von dieser Faktizität aus nach dem zu fragen, was sich dabei auf physiologischer Ebene sonst noch abspielt.
An sich falsch ist diese Schlußfolgerung aber deshalb, weil es ja nicht nur Fälle von Rindenblindheit, sondern auch andere Formen von Blindheit gibt, die alle nicht eintreten dürfen, wenn Sehen stattfinden soll. Das aber heißt nichts anderes, als daß das gesamte physiologische Geschehen, also auch dasjenige, das Rindenblindheit verhindert, - wenn überhaupt - nur notwendige, nicht aber hinreichende Bedingung für das Sehen ist; 'wenn überhaupt' deshalb, weil von besagter Faktizität aus es gerade keine Bedingung im Sinne einer Zustandekommensbedingung geben und das physiologische Geschehen gerade nicht als (Bedingungs-)Ursache des Sehens begriffen werden kann.
Außerdem ist es natürlich schon deshalb nicht möglich - von welcher Form von Blindheit aus auch immer - das Phänomen des Sehens abzuleiten, weil 'Blindheit' als der Negativbegriff zu 'Sehen' selbst nur vom 'Sehen' her begriffen werden kann. Dazu kommt, daß sich - was Rohracher aber offensichtlich annimmt - aus dem, wie etwas entsteht, niemals erklären läßt, was dieses 'etwas' ist. Die Frage nach der Entstehung von 'etwas' setzt vielmehr schon voraus, daß ich dieses 'etwas' kenne; würde ich es nämlich nicht kennen, so hätte ich gar kein Objekt, nach dessen Entstehung ich fragen kann. Es ist daher schon aus diesem Grund einfach nicht nachvollziehbar, wenn sich Rohracher von einer wie auch immer genauen Kenntnis der physiologischen Entstehungsfaktoren des Psychischen Aufschluß über die wahre Beschaffenheit dieses Psychischen erwartet; ebenso wie es selbstverständlich auch unschlüssig ist, wenn er - noch dazu, wo er selbst das Leben als etwas bezeichnet, das durch Fortpflanzung, Wachstum und Regeneration gekennzeichnet ist - im Organischen deshalb ein Rätsel sieht, weil man nicht weiß, wie es entsteht.
Noch eine Bemerkung grundsätzlicher Art sei in diesem Zusammenhang angebracht: Rohracher beschreibt das physiologische Geschehen ganz im medizinisch-naturwissenschaftlichen Sinn als ausschließlich chemisch-physikalische Vorgänge. Das bedeutet, daß auch so gesehen von der 'biogenetischen Hypothese' de facto nichts übrigbleibt, dies um so mehr, als er im Widerspruch zu eben dieser Hypothese, sogar prinzipiellerweise davon spricht, daß die am Zustandekommen z.B. des Sehens beteiligten Nervenzentren im Gehirn "auch nach rein physikalischen Gesetzen arbeiten" (Rohracher, 1963, 37). Außerdem ist es so, daß das 'physiologische Geschehen' insofern schon physikalistisch verstanden wird, als die Reiz-Empfindungstheorie, und zwar in der Maxwell'schen Version, ja unausgesprochene Prämisse für das Erklärungsmodell des Sehens ist; darauf, aber auch auf damit zusammenhängende Fragen, wird bei Besprechung des Farbensehens vom Konkreten her nochmals einzugehen sein.
3.2.4. Das Farbensehen
3.2.4.1. Referatsteil
Was nun das 'Farbensehen' selbst angeht, so hat sich bisher folgendes als Grundauffassung Rohrachers abgezeichnet:
Durch "elektromagnetische Schwingungen wird in den Netzhäuten eine Substanz (oder mehrere solche) zersetzt, wodurch Erregungen entstehen, deren Eintreffen in den Sehsphären der Hirnrinde eine Farbempfindung auslöst" (Rohracher, 1963, 154). Daraus folgt, daß sich für ihn das Farbensehen nur erklären läßt, wenn man das Ineinandergreifen von physikalischen Reizen, physiologischen Netzhaut- und Gehirnprozessen sowie psychischen Erscheinungen, eben in Form der Farbempfindungen, berücksichtigt. So stellt Rohracher ausdrücklich fest, daß entgegen den Anschauungen von J. Müller (1826) und Hering (1879) die Sinnesphysiologie keinesfalls der alleinige Erkärungsschlüssel für die Farbwahrnehmungen ist.
Genauso würde freilich - und auch das wird von Rohracher explizit bemerkt - eine einseitig psychologische Sicht "höchstens zu einer psychologischen Farbordnung", nicht aber zu dem führen, was ihm wesentlich erscheint, nämlich "zu einem Einblick in das Zustandekommen der Farben" (Rohracher, 1963, 154).
Wie spielt sich nun dieses Zustandekommen seiner Auffassung nach (und hier bei diesem Zentralkapitel wird Rohracher ausführlicher zu zitieren sein) des näheren ab?
Was zunächst die physikalischen Erscheinungen betrifft, so stellt er folgendes fest:
"Das Licht der Sonne kann man bekanntlich zerlegen. Ein Glasprisma hat die Eigenschaft, verschiedene Wellenlängen verschieden stark zu brechen; läßt man das Tageslicht durch ein solches Prisma fallen, so sieht man in kontinuierlicher, streifenförmiger Aufeinanderfolge die Farben von Rot bis Violett (Farbenspektrum). Dieselbe Erscheinung ist jedem als Regenbogen bekannt, der ebenfalls eine Zerlegung des Sonnenlichtes darstellt. Das unzerlegte Sonnenlicht empfinden wir als sehr helles Weiß; diese Farbe entsteht aus dem Zusammenwirken aller von der Sonne ausgehenden Lichtstrahlen, also, wie das Prisma zeigt, aller jener Schwingungen, deren gesonderte Einwirkung auf das Auge die übrigen Farben erzeugt" (Rohracher , 1963, 154).
Wenn - so Rohracher weiters - "Tageslicht auf einen Gegenstand auftrifft, so werden die in ihm enthaltenen Schwingungen entweder absorbiert (verschluckt) oder reflektiert (zurückgeworfen). Die absorbierten Strahlen werden in Wärme verwandelt; daher sind schwarze Kleider, die sehr viel absorbieren, wärmer als weiße, die viel reflektieren. Welcher der beiden Vorgänge (Absorption oder Reflexion) eintritt, hängt von der molekularen Beschaffenheit des Gegenstandes ab: gewisse Stoffe reflektieren nahezu das ganze auffallende Licht - sie erscheinen uns daher weiß; reflektieren sie nur wenig des auftreffenden Lichtes, absorbieren sie also sehr viel davon, so ist der Gegenstand für uns schwarz. Es kann aber auch sein, daß bestimmte Schwingungen des Tageslichtes absorbiert, andere reflektiert werden; das Tageslicht erfährt dadurch eine Zerlegung, es treffen nur bestimmte Schwingungsarten auf die Netzhaut und daraus entstehen, wie uns der Prismenversuch zeigt, die Farbempfindungen: Gegenstände, die nur bestimmte Schwingungsarten reflektieren, erscheinen uns daher farbig, und zwar verschiedenfarbig, je nach der Art der Schwingungen, die sie zurückwerfen. Eine Schwingung von der Wellenlänge 760 Millionstel Millimeter (= 400 Billionen Schwingungen pro Sekunde) erzeugt für unser Auge das Rot, eine solche von 577 das Gelb, 500 Grün, 477 Blau, 390 Violett. Diese Werte variieren individuell in mäßigen Grenzen. Eine grüne Wiese erscheint uns deshalb grün, weil das Gras nur die im Tageslicht enthaltenen Schwingungen von etwa 0,0005 mm reflektiert, während die übrigen absorbiert werden" (Rohracher, 1963, 155).
Es könne aber auch sein, daß eine Netzhautstelle nicht nur von einer Schwingungsart (homogenes Licht), sondern gleichzeitig von mehreren getroffen wird. Die Empfindung, die daraus entsteht, ist - so Rohracher - "ebenfalls eine Farbempfindung, aber ihre Reizgrundlage ist eine Mischung verschiedener Schwingungen (physiologische Farbenmischung)" (Rohracher, 1963, 155). Werde nämlich von einem Gegenstand nur der blau-violette Teil des Spektrums absorbiert, so entstehe dadurch, daß die reflektierten Rot-Grün-Wellenlängen gleichzeitig auf die Netzhaut wirken, die Empfindung 'Gelb'; und werde nur Grün absorbiert, so ergäbe die Mischung von Rot und Blau ein Violett. Ja es könne sogar sein, daß durch die Mischung Farben entstehen, die durch einen bestimmten einzelnen Wellenbereich gar nicht erzeugt werden können; so ergäbe die Mischung von Rot und Violett die Purpurfarbe, die durch eine einzelne Wellenlänge (monochromatisch) gar nicht hervorgerufen werden könne, also nur polychromatisch entstehe. Die Untersuchung der Farbenmischungen habe "eine Reihe von Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt, die für die Theorie der Farbentstehung von Bedeutung sind" (Rohracher, 1963, 155).
Doch auf Einzelheiten ist hier nicht weiter einzugehen. Erwähnt sei aber "eine wichtige Folgerung: wenn man drei Farben hat, bei denen die komplementäre von jeder zwischen den beiden anderen liegt, so kann man durch Mischung alle Farbentöne, die es gibt, herstellen. Rot, Grün und Blauviolett eignen sich hierzu am besten" (Rohracher, 1963, 156).
Was es im übrigen heiße, daß alle Farbentöne aus der Mischung von nur drei 'Grundfarben' erzeugt werden können, werde erst klar, wenn man ihre Anzahl berücksichtige: v. Kries habe sie mit 230, Ostwald mit 500 angegeben.
Wichtig wäre diese Tatsache für die Theorie des Farbensehens aus folgendem Grund: Wenn man aus drei Grundfarben alle anderen Farben herstellen könne, so läge "die Annahme nahe, daß sich auch in der Netzhaut bei der 'physiologischen Farbenmischung' etwas Ähnliches vollzieht - daß also in ihr aus einigen wenigen Prozessen durch 'Mischung', d.h. durch ihr gleichzeitiges Auftreten infolge der Einwirkung bestimmter Schwingungen die ganze Farbenreihe entsteht" (Rohracher, 1963, 156).
Die von Young (1807) und v. Helmholtz (1852) aus solchen Überlegungen heraus aufgestellte 'Dreikomponenten-Theorie' der Farbentstehung habe sich allerdings nicht halten lassen; genaugenommen könne man nämlich aus Rot, Grün und Blauviolett wohl alle Farbtöne erzeugen, "nicht aber alle Grade der Sättigung ('Fülle' und Klarheit) - einer Eigenschaft, die sich nicht beschreiben, sondern nur unmittelbar im Sehen oder durch Vergleich (etwa von Prismen- und Papierfarben)" (Rohracher, 1963, 157) feststellen lasse.
Die Tatsachen in Zusammenhang mit der Farbenblindheit und dem sogenannten 'negativen Nachbild' würden jedenfalls dafür sprechen, daß "die vier Farben Rot, Grün, Blau und Gelb die Grundfarben darstellen, aus denen sich die übrigen durch Mischung bilden" (Rohracher, 1963, 157).
Der wichtigste Beweis für die Sonderstellung der Farben Rot, Blau, Gelb und Grün ergäbe sich freilich aus rein psychologischen Feststellungen: Versuche man nämlich, aus der Fülle aller Farben diejenigen herauszufinden, "in denen auch nicht die geringste Spur einer anderen Farbe mitempfunden wird" (Rohracher, 1963, 152), so zeige sich, daß nur Rot, Blau, Gelb und Grün diese Bedingung erfüllt; in allen anderen Farben wären mehrere Komponenten enthalten (in Orange Gelb und Rot, in Violett Rot und Blau usw.).
Es gibt also Rohracher zufolge nur vier 'reine' Farben: ein 'Ur-Rot', ein 'Ur-Blau', ein 'Ur-Gelb' und ein 'Ur-Grün'. Diese vier (im übrigen bereits von Leonardo da Vinci als solche verstandenen) - Ur- oder Grundfarben würden sich nach den oben dargestellten wechselseitigen Beziehungen, nämlich Farbenpaar-Blindheit und Komplementarität, in zwei Urfarben-Paare - Rot-Grün und Blau-Gelb - zusammenfassen lassen.
Wie aber verhält es sich - so frägt sich Rohracher - mit Weiß und Schwarz? Zunächst wäre folgendes festzuhalten: "Diese beiden Farben - zusammen mit den dazwischenliegenden Graustufen als 'unbunt' bezeichnet - verhalten sich im Nachbild genauso wie die oben erwähnten Farbenpaare: auf eine intensive Weißempfindung folgt ein schwarzes (genauer: graues) Nachbild" (Rohracher, 1963, 158). Es läge also auch hier offenbar ein innerer Zusammenhang vor. Trotzdem könne man zweifeln, ob man es hier mit Urfarben derselben Art zu tun habe wie bei Rot-Grün und Blau-Gelb; denn während das Weiß aus diesen Farben durch Mischung herstellbar ist, scheint das Schwarz "überhaupt nicht die Wirkung eines Reizes, also einer Strahlung, sondern vielmehr der Effekt des Fehlens einer solchen zu sein" (Rohracher, 1963, 158).
Daraus würde sich eine Sonderstellung dieser beiden Farben ergeben, zu deren Erklärung recht komplizierte Hypothesen notwendig wären.
Zunächst zum Schwarz: Rohracher geht differenzierenderweise davon aus, "daß Schwarz nicht etwa bloß das Fehlen von Farbe ist" (Rohracher, 1963, 158), sondern vielmehr eine eigene Empfindung; dies werde am deutlichsten, wenn man die Augen schließe, also Reizwirkungen von außen her absperre. Man sehe nicht 'nichts', sondern eine graue Farbe, das 'subjektive Augengrau'. Das Zustandekommen desselben ist - so Rohracher - "unklar: Beobachtungen an Blinden und Augenkranken, bei denen die Nervenleitung vom Auge zum Gehirn unterbrochen ist - sie sehen aber immer noch das Augengrau - haben G. E. Müller zu der Auffassung geführt, daß es zentral, also in der Sehregion der Hirnrinde, zustande komme" (Rohracher, 1963, 158). Mit dem Augengrau würden sich jedenfalls bei offenen Augen alle Stellen des Gesichtsfeldes füllen, "von denen keine oder nur schwache Reize ausgehen, also die Stellen jener Gegenstände, die das Licht zum größten Teil absorbieren und nur wenig reflektieren" (Rohracher, 1963, 158). Zur Empfindung des Schwarz komme es dabei durch 'Kontrastwirkungen'; dies besage folgendes: "Je heller die Umgebung solcher Stellen ist, desto dunkler empfindet man sie selbst" (Rohracher, 1963, 158). Die sogenannte Heringsche Grauskala würde dies insofern in eindrucksvoller Weise beweisen als die auf gleicher Höhe liegenden Rechtecke objektiv alle dieselbe Grauqualität haben und dennoch - und zwar durch ihre Umgebung - bald hell, bald schwarz erscheinen. Das Schwarz wird also - so Rohracher weiters - "nicht durch äußere Reize erzeugt, sondern in die 'reizarmen' Stellen des Gesichtsfeldes hineingesehen und durch äußere Reize im Wege des Kontrastes nur verstärkt oder abgeschwächt" (Rohracher, 1963, 158). Das 'Eigengrau' würde sozusagen 'hinausgesehen' und liefere den Untergrund, auf welchem sich unser optisches Wahrnehmen abspiele; Orte, die keine Reize aussenden, würden demnach grau bleiben und in ihrer Helligkeit lediglich durch den Einfluß der Umgebung verändert werden.
Während das Schwarz also "nicht durch äußere Reize (Schwingungen), sondern durch das vermutlich zentral entstehende und durch den Weiß-Prozeß kontrastiv beeinflußte Eigengrau" (Rohracher, 1963, 160) zustandekommen würde, entstehe das Weiß hingegen nur durch Strahlung, und zwar durch das Zusammenwirken aller oder vieler Schwingungsarten. Nun wisse man aber, daß die Farbempfindungen nur durch Veränderung der Zapfensubstanz entstehen und daß diese Veränderung bei herabgesetzter Beleuchtung - im Dämmerungssehen - nicht mehr eintritt; Weiß - wenigstens in der Form verschiedener Helligkeiten und Graustufen - sehe man aber auch noch in der Dämmerung; "also bei einer Beleuchtung, in welcher das Sehen nur mehr vom Stäbchenapparat besorgt wird" (Rohracher, 1963, 159). Es liege daher im Anschluß an die Duplizitätstheorie nahe, die Zersetzung des Sehpurpurs für diese Weiß- bzw. Hellempfindungen verantwortlich zu machen.
Im Tagessehen hingegen ist - so Rohrachers weitere Überlegungen - "der Sehpurpur ausgebleicht, die dort gegebenen Weißempfindungen müssen daher durch die Zapfen entstehen und man könnte annehmen, daß sie durch Mischung der farbigen Lichter zustande kommen" (Rohracher, 1963, 159).
Gegen diese Annahme spreche jedoch die Tatsache, daß in den Farben selbst außer ihrer Farbigkeit eine Weißkomponente, nämlich ihre Helligkeit, enthalten ist. Es gäbe nämlich eine totale Farbenblindheit, "bei welcher auch im Tagessehen nur Hell und Dunkel unterschieden wird (meist mit geringen Farbresten), obwohl die Fovea und ihre Zapfen vorhanden sind und funktionsfähig zu sein scheinen" (Rohracher, 1963, 160). Man würde daher seit Hering annehmen, "daß jeder farberzeugende Reiz immer auch eine Hellempfindung erzeuge und daß diese für die Sättigung der Farbe entscheidend sei" (Rohracher, 1963, 160). Daß die Farben eine 'spezifische', d.h. an ihre Eigenart gebundene Helligkeit besitzen, habe Hillebrand nachgewiesen; die Farbenreihe wäre also zugleich eine Helligkeitsreihe, "wobei die Helligkeit von Gelb über Rot und Grün zu Blau abnimmt" (Rohracher, 1963, 160).
Rohracher neigt dazu, der Auffassung des schwedischen Physiologen Ragnar Granit recht zu geben: Auf Grund umfassender Untersuchungen über die elektrischen Netzhautprozesse kam er zur Annahme, daß es zwei Arten von Netzhautreaktionen auf elektromagnetische Strahlung gebe: "eine, die nur Helligkeitsempfindungen erzeugt und das gesamte Spektrum anspricht ('Dominator-Reaktionen'), und eine, die zu spezifischen Farbempfindungen führt ('Modulator-Reaktionen')" (Rohracher, 1963, 161). Nach dieser Theorie gäbe es zweierlei Dominatoren: "die hell-erzeugende Zersetzung des Rhodopsins in den Stäbchen bei schwacher Beleuchtung und die ebenfalls hell-erzeugende Zersetzung eines Zapfenstoffes bei stärkerer Beleuchtung im Tagessehen" (Rohracher, 1963, 16 1 ). Werden alle Modulator-Zapfen gleichzeitig gereizt, ergibt sich die helle Weißempfindung. Die Modulator-Reaktionen müßten im übrigen nicht unbedingt Zersetzungsprozesse von Zapfensubstanzen sein, "sondern könnten auch Transformationen bestimmter Grade der Dominator-Reaktionen (also der Zapfen-Zersetzung) in spezifische Erregungen darstellen, aus denen die Farbempfindungen entstehen" (Rohracher, 1963, 161 ).
Nochmals zusammengefaßt stellt sich für Rohracher das Farbensehen - und zwar aus vor allem physiologischer Sicht - folgendermaßen dar:
"Sicher ist folgendes: es besteht im Farbensehen ein innerer Zusammenhang zwischen Rot und Grün, Gelb und Blau, Weiß und Schwarz. Es ist daher ebenso gewiß, daß ein solcher Zusammenhang auch zwischen den physiologischen Prozessen besteht, die diese Farben erzeugen - abgesehen von Weiß und Schwarz, denen eine Sonderstellung zukommt. Sicher ist ferner, daß man aus den genannten Farben alle übrigen Farbtöne herstellen kann; es ist daher nicht anzunehmen, daß im Sehapparat mehr als die drei, je ein Farbenpaar erzeugenden Einrichtungen vorhanden sind (außer der Weiß/Hell erzeugenden Funktion des Stäbchenapparates, die nach Tschermak von der Weiß-Schwarz-Erzeugung im Zapfensehen zu sondern ist)" (Rohracher, 1963, 161).
Insgesamt habe man - so Rohracher - jedenfalls den Eindruck, "daß die Dreikomponententheorie mit den bisher bekanntgewordenen Tatsachen am besten vereinbar ist, daß aber eine empirisch gesicherte allgemeine Theorie auch heute noch nicht aufgestellt werden kann" (Rohracher, 1963, 161); dies, obwohl den heutigen Farbentheoretikern - im Gegensatz zu den früheren Theoretikern wie z.B. Newton, Goethe oder Schopenhauer - "ein unvergleichlich größeres empirisches Material zur Verfügung steht, so vor allem Registrierungen der elektrischen Prozesse in der Netzhaut und in den Sehzentren sowie chemische Untersuchungen über Absorptionsvorgänge in den Zapfen" (Rohracher, 1963, 160).
Einer der Gründe für die Schwierigkeit einer in sich schlüssigen Erklärung für das Farbensehen liege aber zweifelsohne darin, daß eben auch "die Helligkeitsempfindungen beim Farben- (und damit auch Zapfen-) Sehen eine Erklärung finden muß" (Rohracher, 1963, 161).
Als Beispiel einer der Dreikomponenten-Theorie entsprechenden psychologischen Farbenordnung bringt unser Autor den Farben-Doppelkegel von Podestà, der weiß, Schwarz, Rot, Grün, Gelb und Blau in folgender Weise berücksichtigt: Die "vertikale Achse führt von Weiß über alle Graustufen zu Schwarz. Die vier 'Urfarben' Rot, Grün, Gelb, Blau sind als Pole einer Ellipse dargestellt, die so um die Vertikalachse gelegt ist, daß jede Farbe in derjenigen Höhe zwischen Weiß und Schwarz liegt, die ihrer Helligkeit entspricht, die Ellipse steht daher schief, Gelb liegt viel höher als Blau. Die Verbindungslinien muß man sich mit allen dazwischenliegenden Farben ausgefüllt denken, die Farbe jedes auf ihnen liegenden Punktes ist durch ihre Abstände von den Endpunkten bestimmt. Auf diese Weise kann man alle denkbaren Farben nach ihrer psychologischen Ordnung in dem Doppelkegel unterbringen (Podestà 1941 )" (Rohracher, 1963, 162).
Zwischen den Farben, die sich bei dieser Anordnung gegenüberliegen, würden bestimmte, "biologisch höchst bedeutsame Beziehungen" (Rohracher, 1963, 162) bestehen, die sich "subjektiv in den Kontrastwirkungen auswirken" (Rohracher, 1963, 162); diese Erscheinungen, "die für die Deutlichkeit des Sehens und für die Wiedererkennbarkeit der Gegenstände an ihrer Farbe trotz veränderter Beleuchtung (Farbenkonstanz der Dinge)" (Rohracher, 1963, 162) außerordentlich wichtig sind, würden allgemeinen Gesetzen der Wahrnehmung, besonders dem (schon besprochenen) Weber-Fechnerschen Gesetz unterstehen.
Farbenkonstanz bedeutet nämlich für Rohracher - das sei noch angefügt - keinesfalls ein "wirkliches Gleichbleiben der Farben" (Rohracher, 1963, 165), sondern eben einfach folgendes: "weil wir wissen, womit wir es zu tun haben, deshalb behalten die Gegenstände ihre Farbe und Größe; nicht damit wir sie wiedererkennen (wie Helmholtz meinte), sondern weil wir sie wiedererkennen, erscheint ihre Farbe und Größe, trotz Änderung der reizmäßigen Grundlagen, ungefähr gleich" (Rohracher, 1963, 167).
Mit anderen Worten Rohrachers: Farbenkonstanz ist nichts anderes als die Folge der Dingkonstanz.
3.2.4.2. Replik
Was ist nun zu dem zu sagen, wie Rohracher das 'Farbensehen' erklärt?
Rohracher geht mit Maxwell davon aus, daß den Licht- und Farberscheinungen (nach Wellenlängen unterscheidbare) elektromagnetische Schwingungen zugrunde liegen. Er ist also ganz im Sinne der Reiz-Empfindungshypothese der Auffassung, daß es eine durchgängige Kausalität vom atomaren Reiz über die chemisch-physikalischen Prozesse im Sehapparat bis hin zu den Farbempfindungen gibt. Daß er dabei de facto auch von seiner 'biogenetischen Hypothese' abrückt, derzufolge das Psychische nicht von etwas Anorganischem, sondern von etwas Organischem hervorgebracht wird, nimmt Rohracher - wie schon bemerkt - mit der Begründung in Kauf, daß sich diese Hypothese wegen der 'Organismus-Problematik' dzt. ohnehin nicht verifizieren läßt.
Freilich scheint Rohracher auch die Reiz-Empfindungs-Hypothese mehr vom Grundsätzlichen her zu verstehen; denn in der Konkretion - und damit soll nun direkt auf sein Erklärungsmodell für das 'Farbensehen' eingegangen werden - gibt es offensichtlich Widersprüche zu dem, was diese Hypothese ausmacht.
So ist es ein Charakteristikum der Reiz-Empfindungs-Hypothese, daß der Reiz als ein atomares Geschehen als etwas vorzustellen ist, das sich prinzipiell der sinnlichen Beobachtung entzieht bzw. sich außerhalb des sinnlich Beobachtbaren abspielt. Das aber heißt nichts anderes, als daß der Vorgang des Zustandekommens der Empfindungen sozusagen immer im Dunklen liegt. Hält man das fest, dann erscheint es unverständlich, wenn Rohracher davon spricht, daß der Newtonsche Prismenversuch zeigt, wie die Farbempfindungen entstehen. Denn der Prismenversuch als solcher spielt sich ja immer schon im Horizont des sinnlich Beobachtbaren ab und kann somit niemals zur Erklärung dafür herangezogen werden, wie die Farbempfindungen zustande kommen. Demgegenüber könnte nun eingewendet werden, daß der wesentlichste Faktor in diesem Versuch, nämlich das Licht, selbst gar nicht beobachtbar ist. Dieser Einwand wäre - zumindest was Rohracher betrifft - sicherlich kein Einwand; denn gerade er definiert das Licht als sehr 'helles Weiß', also eindeutig als Farbempfindung und somit als etwas, das sehr wohl in die Sinne fällt. Es ist daher - diese Konsequenz aber hat Rohracher eben nicht gezogen - aus dem Prismenversuch auch nicht ableitbar, daß das Licht durch die Summation der Spektralfarben entsteht und somit auch nur in der Summe dieser Spektralfarben besteht. Dies würde nämlich entgegen die Reiz-Empfindungslehre bedeuten, daß eine Empfindung, nämlich die Lichtempfindung, nicht von einem Reiz verursacht wird, sondern sozusagen durch andere Empfindungen, nämlich durch die Spektralfarben, zustande kommt.
Rohracher würde dem wahrscheinlich - und zwar ganz im Sinne Maxwells - entgegenhalten, daß sich das Licht selbstverständlich nicht aus den Spektralfarben, sondern aus den diese Farben erst verursachenden atomaren Schwingungen zusammensetzt. Dann aber dürfte er nicht - wie gerade kritisiert - davon sprechen, daß uns der Prismenversuch zeigt, wie Farben bzw. Farbempfindungen entstehen. Das, was uns der Prismenversuch zeigt, ist eben etwas, das sich uns zeigt und das daher mit den sich nicht zeigenden, für die Farbentstehung aber Maxwell zufolge konstitutiven Schwingungsvorgängen nichts zu tun hat. Rohracher kommt jedenfalls als Reiz-Empfindungstheoretiker mit sich in Widerspruch, wenn er den Prismenversuch als Erklärungsmodell für die das atomare Reizgeschehen näher aufschlüsselnde Absorptions-Reflexionstheorie nimmt. Ein Widerspruch, der - vereinfacht gesagt - darin besteht, daß zirkulärerweise das Reizgeschehen durch ein Empfindungsgeschehen und das Empfindungsgeschehen durch ein Reizgeschehen erklärt werden soll.
Damit soll natürlich nicht behauptet werden, daß auch Newton das, was sich im Prismenversuch zeigt, als Empfindungsgeschehen qualifiziert. Es ist im Gegenteil vielmehr so, daß Newton das empfindende Subjekt überhaupt aus seinen Überlegungen ausklammert und daher auch immer nur von Licht, nicht aber von Lichtempfindungen spricht. Das aber heißt nichts anderes, als daß es für den Reiz-Empfindungstheoretiker auch von dieser Seite her eigentlich unmöglich sein müßte, an Newton anzuknüpfen. Denn der Reiz-Empfindungstheoretiker spricht eben nicht nur vom Reiz, sondern auch von Empfindungen bzw. vom empfindenden Subjekt und ist somit zwangsläufig mit dem subjektsabstrahierenden Standpunkt Newtons unvereinbar. Dazu kommt, daß Rohracher - abgesehen von seinem ohnehin erlebnispsychologischen Ansatz - dem empfindenden Subjekt insofern einen besonderen Stellenwert beimißt, als er die erlebte Welt ausschließlich als Produkt unseres Bewußtseins, also als subjektsgeschaffen begreift.
Mit all diesen Überlegungen soll selbstverständlich nicht der Eindruck erweckt werden, als ob die Reiz-Empfindungstheorie oder die Rohrachersche Wahrnehmungslehre doch richtig wäre, sondern es soll nur die Inkompatibilität derselben mit den Newtonschen Forschungsprämissen aufgezeigt werden; eine Widersprüchlichkeit, die um so mehr eine ist, als der Newtonsche Prismenversuch auch für sich genommen, also das Problem der Subjektsabstraktion ausgenommen, als Anknüpfungspunkt ungeeignet erscheint. Es erhebt sich angesichts der Reversibilität des Versuches - einmal 'entstehen' die (Spektral-)Farben aus dem Licht, das andere Mal 'entsteht' das Licht aus den Farben - die Frage, ob hier 'Entstehung' die richtige Kategorie ist; es ist nämlich offensichtlich sinnwidrig, davon zu reden, daß das Licht aus dem Farbenspektrum und das Farbenspektrum aus dem Licht entsteht. Ist dem aber so, dann läßt sich auch nicht mehr behaupten, daß das Licht zerlegbar ist; und zwar deshalb nicht, weil das Licht eben zirkulärerweise als ein Entstehungsprodukt dessen verstanden wird, in das es zerlegt werden soll. Damit soll freilich nicht der Prismenversuch als solcher, sondern nur eine bestimmte Deutung desselben in Frage gestellt werden; eine Deutung, die - wie im Zusammenhang mit Goethe/Steiner noch zu zeigen sein wird - gerade deshalb unrichtig ist, weil vom Prismenversuch als solchem zu sehr abstrahiert wird und . nicht alle diesen Versuch ausmachende Faktoren angemessen berücksichtigt werden.
Daß die Rohrachersche Wahrnehmungslehre und die von ihm zumindest de facto vertretene Reiz-Empfindungstheorie in mehrfacher Hinsicht, auch untereinander unschlüssig sind, wurde bereits herausgestrichen und wird davon im Schlußkapitel zusammenfassend nochmals die Rede sein. Hier soll angesichts dieser Unschlüssigkeiten lediglich festgehalten werden, daß die vorerwähnte Absorptions-Reflexionstheorie schon deshalb unbrauchbar ist, weil sie als eine Theorie des Zustandekommens des Reizgeschehens nichts anderes als eine Differenzierung der Reiz-Empfindungstheorie ist. Damit ist aber zugleich auch das Brauchbarkeitsurteil über dasjenige abgegeben, was als 'physiologische Farbenmischung' bezeichnet wird. Die 'physiologische Farbenmischung' hängt - wie geschildert - nämlich damit zusammen, daß von einem Gegenstand beispielsweise der blau-violette Teil des Spektrums absorbiert, der rot-grüne Teil hingegen reflektiert wird. Aber nicht nur wegen dieser Koppelung mit der Absorptions-/Reflexionstheorie erscheint die 'physiologische Farbenmischung' unbrauchbar, sondern noch aus anderen Gründen:
So stellt sich die Frage, wie es denn mit dem 'an sich seienden' Charakter des Reizgeschehens zusammenpaßt, wenn eine bestimmte Konfiguration eines solchen Geschehens durch einen physiologischen Vorgang, also durch etwas zustandekommt, das offensichtlich nicht diesem 'Ansich-Bereich' angehört. Natürlich würde Rohracher auch hier replizieren, daß es - um beim eben gebrachten Beispiel zu bleiben - auf die dem Rot-Grün-Anteil des Spektrums zugrunde liegenden Wellenlängen und somit auf ein objektives Reizgeschehen ankommt. Dann allerdings dürfte er nicht davon sprechen, daß durch eine in der Netzhaut erfolgende und demnach physiologische Mischung verschiedener Schwingungsarten eine besondere Reizgrundlage entsteht. Entweder spricht man also von physiologischer Mischung und läßt die Kategorie 'Reiz' fallen oder man spricht von Reizgeschehen und verzichtet auf den Terminus 'physiologische Farbenmischung'. Außerdem übersieht Rohracher, daß gerade auch im Sinne der Biogenetischen Hypothese des Psychischen die zu den Farbempfindungen führenden physiologischen Prozesse vom angenommenen Reizgeschehen überhaupt erst in Gang gesetzt werden; Reiz in diesem Sinn wäre also nicht nur die Grundlage der Empfindungen, sondern auch der physiologischen Vorgänge, nicht aber umgekehrt. Zu all dem kommt noch, daß der Terminus 'Farbenmischung' auch insofern irritiert, als hier nicht Farben, sondern ausdrücklich nur Wellenlängen gemischt werden und erst aufgrund der dadurch entstehenden Reizkonstellation eine - mit einer Mischung von Farben freilich nichts zu tun habende - Farbempfindung zustandekommt.
Was die aus naturwissenschaftlicher Sicht gegebene Möglichkeit betrifft, daß ein und dieselbe Farbempfindung, z.B. 'Gelb' sowohl durch 'physiologische Farbenmischung' (Mischung des 'Rot-Grün-Anteils') als auch monochromatisch (Reizung des Sehapparates mit einer Schwingung von der Wellenlänge von 577 Millionstel Millimeter) entstehen kann, so sei im Nachhang zur Reiz-Empfindungsproblematik angemerkt, daß sich eigentlich auch daraus die Unhaltbarkeit der Auffassung ergibt, daß das Reizgeschehen für das Zustandekommen der Farbempfindungen etwas Konstitutives ist. Konstitutiv könnte das Reizgeschehen nämlich nur dann sein, wenn identischen Farbempfindungen identische Reizkonstellationen zugrunde lägen; liegen hingegen - wie angenommen - ein und derselben Farbempfindung unterschiedliche Reizkonstellationen zugrunde, dann wird dadurch der postulierte Kausalzusammenhang sozusagen offiziell in Frage gestellt.
Der Grundirrtum jedoch, der im theoretischen Konzept einer physiologischen Farbenmischung drinnen steckt, wird erst klar, wenn man sich vor Augen hält, wie es zu dieser Auffassung kam.
Young und v. Helmholtz gingen nämlich - so zumindest die Sicht Rohrachers - von der Überlegung aus, daß sich auch in der Netzhaut bei der 'physiologischen Farbenmischung' etwas Ähnliches vollzieht wie bei der Farbenmischung draußen, wo durch Mischung von nur drei Grundfarben, z.B. Rot, Grün und Violett - sogenannte additive Farbenmischung - alle Farbtöne hergestellt werden können. Eine solche Überlegung ist nun deshalb falsch, weil dabei übersehen wird, daß es gerade vom naturwissenschaftlich-physiologischen Standpunkt aus gar keine 'nichtphysiologische' Farbenmischung gibt. Eine 'nichtphysiologische' Farbenmischung würde ja gegen jenen Standpunkt implizieren, daß es auch subjektsunabhängige Farbempfindungen gibt. Es handelt sich hier also um die prinzipiell gleiche Widersprüchlichkeit wie im Falle der Erklärung der Absorptions-Reflexionstheorie durch das Phänomen des Farbenspektrums; hier wie dort werden nämlich auf subjektsabstrahierende Weise gewonnene Forschungsergebnisse zur Erklärung bzw. Begründung einer die subjektsabstrahierende Position zu überwinden trachtenden Auffassung herangezogen.
Genau aus diesem Grund ist es daher auch verfehlt, wenn Rohracher glaubt, daß sich die '3-Farbenmischtheorie' u.a. deshalb nicht habe halten können, weil sich mit der additiven Farbenmischung nicht alle Farbphänomene herstellen lassen. Auch und gerade wenn dies nämlich so wäre, sich also z.B. auch die Sättigungsgrade der Spektralfarben mittels der additiven Farbenmischung herstellen lassen würden, würde sich dennoch nichts an dem Widersinn ändern, bestimmte physiologische Vorgänge durch etwas erklären zu wollen, das durch eben diese Vorgänge bedingt ist. Damit ist aber auch schon gesagt, warum auch eine '4-Farbenmischtheorie' falsch ist. Es bleibt nämlich vom Prinzipiellen her gleich, ob man annimmt, daß die durch physiologische Prozesse erzeugten Farben durch die Mischung von - summarisch gesehen - drei oder vier Grundfarben geschieht. In beiden Fällen handelt es sich jedenfalls um eine Art petitio principii, wonach das zu Erklärende durch etwas erklärt wird, das seinerseits genau der Erklärung bedarf, um die es geht. Daß sich auch die '4-Farbenmischtheorie' aus der Sicht Rohrachers wirklich auf Farben und nicht auf Wellenlängen bezieht, ergibt sich dabei daraus, daß seiner Auffassung nach diese Theorie vor allem durch farbpsychologische Feststellungen, also durch Feststellungen im Bereich der gesehenen Farbe, gestützt wird; farbpsychologische Feststellungen im übrigen des Inhalts, daß 'Rot', 'Grün', 'Blau' und 'Gelb' Farben sind, denen insofern eine Sonderstellung innerhalb der Farbskala zukommt, als bei ihnen auch nicht die geringste Spur einer anderen Farbe mitempfunden werden kann.
Rohracher geht es freilich nicht um eine farbpsychologische Feststellung an sich, sondern eben um die Relevanz einer solchen Feststellung für eine Theorie der Farbentstehung. Relevant erachtet Rohracher nun diese erwähnten farbpsychologischen Feststellungen deshalb, weil sie mit Tatsachen korrespondieren würden, denen zufolge es gewiß wäre, daß die aufgezählten Farben "Grundfarben darstellen, aus denen die übrigen Farben durch Mischung entstehen" (Rohracher, 1963, 157). Es gäbe nämlich immer nur eine Rot-Grün-Blindheit oder Blau-Gelb-Blindheit, aber keine gesonderte Rotblindheit bei intakter Grünempfindung oder Blaublindheit bei intakter Gelbempfindung. Dazu komme der sogenannte Nachbildeffekt, wonach einem Roteindruck ein grünes Nachbild (und umgekehrt) und einem Blaueindruck ein gelbes Nachbild (und umgekehrt) folgt. Rohracher sieht darin Erscheinungen, die "auf innere Zusammenhänge zwischen den Farbenpaaren Rot-Grün und Blau-Gelb" (Rohracher, 1963, 157) hinweisen und woraus sich die Gewißheit ergäbe, daß "ein solcher Zusammenhang auch zwischen den physiologischen Prozessen besteht, die diese Farben erzeugen" (Rohracher, 1963, 16 1 ).
Auch dazu ist nun einiges anzumerken:
So stellt sich die Frage, wie es denn zusammenpaßt, wenn einerseits aus der 'Farbenblindheit' (mit)abgeleitet wird, daß alle (übrigen) Farben durch 'physiologische Mischung' von nur vier Grundfarben entstehen, andererseits aber die Farbenblindheit sich als etwas zeigt bzw. als etwas begriffen wird, wodurch immer nur ungemischte Farben - nämlich Rot/Grün oder Blau/Gelb - ausfallen. Der Widerspruch besteht also darin, daß sich die Annahme einer 'physiologischen Farbenmischung' auf ein Phänomen stützt, das mit einer solchen Farbenmischung gerade nichts zu tun hat, sondern Gegenteiliges beweist. Außerdem steht diese Annahme natürlich unter der aus unserer Sicht irrigen Prämisse, daß Empfindungen von einem Reiz verursacht werden; nur unter dieser Prämisse ist es nämlich möglich, anzunehmen, daß den Farbenblindheit-Farben Rot/Grün und Blau/Gelb Wellenlängen zugrunde liegen, die sich eventuell physiologisch mischen lassen. Genau mit dieser Prämisse scheint es freilich wiederum unvereinbar, wenn Rohracher sich zur Begründung der 'Mischtheorie' auch auf den Nachbildeffekt beruft; beim Nachbildeffekt ist es nämlich so, daß das, was als Nachbild empfunden wird - die Nachbildempfindung - ja nicht von einem 'atomaren Reiz' verursacht wird.
Im übrigen ist es natürlich auch unrichtig, wenn Rohracher deshalb einen 'inneren Zusammenhang' zwischen den Farbenpaaren Rot/Grün und Blau/Gelb sieht, weil bei der Farbenblindheit immer eines dieser Paare ausfällt und auch der Nachbildeffekt - das Zustandekommen von Nachbildern - diesen Farbenpaaren korreliert. Ein 'innerer Zusammenhang' bezieht sich nämlich niemals auf das Zustandekommen respektive Wegfallen der Bezugsgrößen, sondern setzt als ein 'innerer Zusammenhang' von etwas das Existieren bzw. Zustandegekommensein dieses 'etwas', also der Bezugsgrößen, voraus.
Eigenartigerweise rückt Rohracher selbst insofern von der Auffassung ab, daß es einen 'inneren Zusammenhang' zwischen einem Farbeindruck und seinem Nachbild gibt, als er das Zustandekommen von Weiß und Schwarz - trotzdem sie in Nachbildrelation zueinander stehen - auf völlig andere Weise erklärt. Rohracher macht sich nämlich - und damit soll auch dieser Teilaspekt seiner Theorie kritisch beleuchtet werden - jene naturwissenschaftliche Hypothese zu eigen, wonach das Weiß als etwas zu verstehen ist, das durch das Zusammenwirken aller oder vieler Strahlungen entsteht, das Schwarz hingegen als etwas, das "überhaupt nicht die Wirkung eines Reizes, also einer Strahlung, sondern vielmehr der Effekt des Fehlens einer solchen ist" (Rohracher, 1963, 158). Dieser Effekt würde darin bestehen, daß sich bei offenen Augen alle Stellen des Gesichtsfeldes mit dem sogenannten 'subjektiven Augengrau' füllen. Zur Empfindung des Schwarz komme es dabei durch 'Kontrastwirkung', wonach es so wäre, daß man solche vom 'subjektiven Augengrau' ausgefüllte Stellen desto dunkler empfindet, je heller die Umgebung ist. Die Heringsche Grauskala würde dies insofern in eindrucksvoller Weise beweisen, als die auf gleicher Höhe liegenden Rechtecke objektiv alle dieselbe Grauqualität haben und dennoch - und zwar durch ihre Umgebung - bald hell, bald schwarz erscheinen. Genau das ist nun der springende Punkt: Welchen Wert sollte denn der auf das 'subjektive Augengrau' abgestellte Beweis mit der Heringschen Grauskala haben, wenn es eine Voraussetzung dieser Beweisführung ist, daß es so etwas wie ein 'objektives' Grau gibt? Darüber hinaus erscheint es gerade vom 'physiologischen Standpunkt' aus unbegreiflich, wie eine sozusagen ständige Überlagerung mit dem 'subjektiven Augengrau' ohne Behinderung der anderen, gleichfalls physiologisch bedingten, Farbentstehungsprozesse stattfinden soll.
Was die Annahme betrifft, daß das Weiß durch die Strahlung aller oder vieler Schwingungsarten entsteht, so wurde bereits festgestellt, daß diese Annahme deshalb falsch ist, weil ihr die inkohärente Reiz-Empfindungstheorie zugrunde liegt und im übrigen eine atom-physikalische bzw. reizbezogene Interpretation des Newtonschen Prismenversuches zu Widersprüchen führt.
Aber nicht nur von der 'Reizseite', sondern auch von der 'physiologischen Seite' her scheint die Zustandekommenstheorie des Weiß in Frage zu stellen sein. So macht Rohracher selbst auf folgendes Problem aufmerksam: Physiologisch-anatomische Grundlage des Farbensehens sind im Sinne der Duplizitätstheorie die nur bei Tageslicht funktionierenden Zapfen der Netzhaut. Daraus würde nun folgen, daß auch das Weiß als Mischung von den den Farben zugrunde liegenden Reizen nur am Tage sichtbar wäre. Tatsächlich sähe man aber das Weiß - wenigstens in der Form verschiedener Helligkeiten und Graustufen - auch noch in der Dämmerung, "also bei einer Beleuchtung, in welcher das Sehen nur noch vom Stäbchenapparat besorgt wird" (Rohracher, 1963, 159). Man kann dies natürlich so interpretieren - und Rohracher spielt es gedanklich auch durch - daß der Stäbchenapparat für die Weißempfindungen in der Dämmerung, der Zapfenapparat hingegen für die bei Tageslicht zuständig ist. Damit wird freilich impliziert - genau das aber übersieht Rohracher - daß die auf "Mischung der farbigen Lichter" (Rohracher, 1963, 159) beruhende Zustandekommenstheorie falsch ist; falsch ganz einfach deshalb, weil Weiß eben auch auf eine andere Art als durch diese Mischung zustande kommen kann. Auch Rohracher rückt von obiger Mischungstheorie ab, allerdings nicht aus diesem Grund, sondern aus anderen - freilich auch dieses Problem berührenden - Überlegungen. In den Farben selbst wäre nämlich eine Weiß-Komponente, ihre Helligkeit, enthalten bzw. es wäre so, daß die Farbenreihe zugleich eine Helligkeitsreihe wäre. Diese Helligkeit käme sozusagen 'pur' bei der totalen Farbenblindheit zum Vorschein, die bekanntermaßen darin bestehe, daß auch beim Tagessehen nur zwischen 'hell' und 'dunkel' unterschieden werden kann.
Diese Überlegungen berühren nun insofern unser Problem, als damit eben auch angenommen wird, daß das Weiß nicht unbedingt durch (physiologische) Mischung aller Schwingungsarten zustandekommen muß. Genau deshalb ist es auch unverständlich, wenn sich Rohracher der Auffassung des schwedischen Physiologen Granit anschließt; auch er kennt nämlich nicht nur die auf physiologischer Mischung vieler oder aller Schwingungsarten beruhende Weißerzeugung, sondern - und zwar in Form der helligkeitserzeugenden Dominatorreaktionen des Stäbchen- und Zapfenapparates - noch zwei weitere Arten von Weißerzeugung, die gerade nicht auf einer solchen Mischung beruhen.
Genaugenommen ist sich aber auch Rohracher dieser Problematik insofern bewußt, als er einen der Gründe für die Schwierigkeit, eine in sich schlüssige Theorie des Farbensehens zu finden, gerade darin sieht, daß "die Helligkeitsempfindung beim Farben- (und damit auch Zapfen-) Sehen eine Erklärung finden muß" (Rohracher, 1963, 16 1 ). Es wäre daher so, daß auch heute "eine empirisch gesicherte allgemeine Theorie" (Rohracher, 1963, 161) noch nicht aufgestellt werden kann. Daß Rohracher dennoch an der auf die Urfarbenpaare Rot/Grün, Blau/Gelb und weiß/Schwarz bezogenen 'Dreikomponententheorie' festhält, begründet er damit, daß diese Theorie noch am besten mit den bisher bekanntgewordenen Tatsachen vereinbar ist.
Wie referiert bringt Rohracher als Beispiel einer dieser Theorie entsprechenden psychologischen Farbenordnung den Farben-Doppelkegel von Podestä. Dazu bzw. zu den damit in Zusammenhang stehenden Ausführungen Rohrachers (insbesondere) hinsichtlich der biologischen Relevanz der Kontrasterscheinungen sei zum Schluß dieses Kapitels noch folgendes kritisch bemerkt:
Was zunächst die Darstellungsweise von Podestä, den Farben-Doppelkegel, betrifft, so erscheint es gerade im Sinne der Rohracherschen bzw. Heringschen Auffassung (wonach jeder Farbe eine bestimmte Helligkeit immanent ist) eigenartig, wenn diese 'immanente Helligkeit' in Relation zu einer nicht immanenten Helligkeit, dem äußeren Weiß bzw. der Farbe Weiß gebracht wird. Letzteres ist nämlich der Fall, wenn die vier 'Urfarben' Rot, Grün, Gelb und Blau als Pole einer Ellipse so um die vertikale Weiß/Schwarz-Achse gelegt werden, daß jede Farbe in derjenigen Höhe zwischen Weiß und Schwarz liegt, die ihrer Helligkeit entspricht.
Aber auch hinsichtlich dessen, was Rohracher unter biologischer Relevanz der Kontrasterscheinungen versteht, gibt es Ungereimtheiten und Widersprüche. Zur Erinnerung: Rohracher spricht davon, daß zwischen den Farben, die sich im Doppelkegel gegenüberliegen - also z.B. Rot/Grün und Blau/Gelb - bestimmte, "biologisch höchst bedeutsame Beziehungen" (Rohracher, 1963, 162) bestehen, "die sich subjektiv in den Kontrasterscheinungen auswirken" (Rohracher, 1963, 161); "diese Erscheinungen, die für die Deutlichkeit des Sehens und für die Wiedererkennbarkeit der Gegenstände an ihrer Farbe trotz veränderter Beleuchtung (Farbenkonstanz der Dinge) außerordentlich wichtig sind" (Rohracher, 1963, 162), würden dabei allgemeinen Gesetzen der Wahrnehmung, besonders dem Weber-Fechnerschen Gesetz, unterstehen. Subjektiv wären sie deshalb, weil sie - auch wenn sie, entgegen der früheren Ansicht von Helmholtz, keine Urteilstäuschungen sind - physiologischen Ursprungs und damit angeboren sind, wobei im übrigen die meisten Hypothesen die Entstehung derselben nicht in die Netzhäute, sondern in die Sehsphäre der Hirnrinde verlegen würden.
Eine mehr prinzipielle Ungereimtheit besteht nun darin, daß Rohracher angesichts einer solchen Charakterisierung der Kontrasterscheinungen übersieht, daß gerade seiner Auffassung nach nicht nur diese, sondern auch die Empfindungen physiologischen Ursprungs und damit subjektiv sind; es ist daher aus seiner Sicht - abgesehen davon, daß es zwischen Farben überhaupt keine biologisch bedeutsamen Beziehungen geben kann - eine unerlaubte Hypostasierung, von den Farben als von etwas zu reden, das in Gegensatz zu subjektiven Kontrastwirkungen steht. Damit zusammenhängend erscheint es auch nicht einsichtig, warum diese Kontrasterscheinungen allgemeinen Gesetzen der Wahrnehmung wie dem Weber-Fechnerschen Gesetz unterstehen sollten; dies wäre nämlich nur dann zutreffend, wenn Rohracher sie eben nicht von den Farben bzw. Farbempfindungen abgrenzen würde. Beim Weber-Fechnerschen Gesetz handelt es sich - wenn überhaupt - ja dezidiert um ein Gesetz der Wahrnehmung, also desjenigen, was empfunden wird; dem entspricht im übrigen auch, wenn Rohracher dieses Gesetz als Umschreibung der Tatsache versteht, daß es die Empfindlichkeit unserer Sinnesorgane - und nicht etwas anderes - ist, das sich entsprechend der Änderung der Reize ändert. Symptomatischerweise führt Rohracher auch nicht näher aus, inwiefern die 'subjektiven Kontrasterscheinungen' dem Weber-Fechnerschen Gesetz unterstehen. Das, was er darlegt, ist nur, daß bestimmte Konstanzphänomene, nämlich die Konstanz von Kontrasten - also z.B. das Phänomen, daß schwarze Buchstaben auf dem weißen Papier sich in der Mittagssonne ungefähr in gleicher Weise abheben wie in der Morgendämmerung oder daß die Grauskala bei allen Beleuchtungen ungefähr gleiche Helligkeitsunterschiede aufweist - durch dieses Gesetz bzw. durch das Gleichbleiben der Unterschiedsempfindlichkeit bei Helligkeitszuwachs erklärbar sind. Genau diese äußeren, sinnlich wahrnehmbaren Kontraste aber haben - wie mit anderen Worten gerade gesagt - mit der aus einem Sinneseindruck und seinem negativen Nachbild bestehenden 'subjektiven Kontrasterscheinung' nichts zu tun. Es ist daher auch nicht möglich - und das berührt nun die Rohrachersche Argumentation im Konkreten - , daß solche Kontrasterscheinungen in irgendeiner Weise für das relevant sind, was er mit der Farbenkonstanz gleichsetzt, nämlich die Wiedererkennbarkeit der Gegenstände an ihrer Farbe trotz veränderter Beleuchtung. Relevant in diesem Sinne könnten die subjektiven Kontrasterscheinungen eben nur dann sein - allerdings auch nur, was besagten Sonderfall der Farbenkonstanz, nämlich die Konstanz von Kontrasten, betrifft - wenn sie nicht subjektiv wären.
Aber auch hinsichtlich des anderen Aspektes der von Rohracher angenommenen biologischen Relevanz der subjektiven Konstrasterscheinungen, der Relevanz für die Deutlichkeit des Sehens, gibt es - wie bereits angedeutet - Unklarheiten. Rohracher geht von der Annahme aus, daß die Krümmungs- und Zentrierungsfehler der lichtbrechenden Medien, vor allem des Glaskörpers, sowie die Mängel in der Reinheit der brechenden Substanz (des Linsenkörpers und des Kammerwassers) so groß sind, daß von einem Lichtpunkt aus auch bei optimaler Akkomodation nicht ein einzelnes Netzhautelement, sondern eine ganze Gruppe von solchen gereizt, der Punkt als kleine Fläche abgebildet und sogar die ganze Retina von seiner Strahlung mitbetroffen wird, kurzum daß also auf der Netzhaut kein scharfes Bild entsteht. Eine solche Annahme ist aber - die Frage ausgeklammert, ob man im Sinne der Reiz-Empfindungstheorie überhaupt von (objektiven) Lichtpunkten reden kann - nun einfach deshalb irrig, weil auf der Netzhaut - anders als auf der lichtempfindlichen Schicht eines Films - gar kein Bild entsteht; auch Rohracher selbst ist insofern dieser Auffassung, als er das Zustandekommen des Bildes bzw. der Empfindungen nicht in der Netzhaut, sondern in den Sehsphären der Hirnrinde lokalisiert, wobei er im übrigen ausdrücklich feststellt, daß das 'Wie' dieses Zustandekommens nach wie vor ein unlösbares Rätsel für die Wissenschaft ist. Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß es nicht auch physikalisch-optische Bedingungen des Sehens gibt, die erfüllt sein müssen, damit ein präzises Sehen zustande kommt. Genau diese aber haben mit dem von Rohracher bzw. Tschermak vermuteten 'physikalischen Astigmatismus' unseres Auges deshalb nichts zu tun, weil dieser trotz optimaler Akkomodation - also trotz optimaler optischer Sehbedingungen - gegeben ist.
Es gibt demnach - selbst, wenn man die Reiz-Empfindungstheorie als richtig voraussetzt - keinen Grund zur Annahme, daß durch Aberration von Lichtstrahlen auf der Netzhaut ein unscharfes Bild entsteht, das einer entsprechenden Korrektur bedürfe. Dazu kommt, daß der subjektive Kontrast als zeitliches Nachbild einer Empfindung diese in ihrer 'Bestimmtheit' bzw. Deutlichkeit immer schon voraussetzt respective es so ist, daß auch die Qualität des Nachbildes eine Funktion der Qualität des Vorbildes, also der Empfindung, ist. Außerdem bildet das Nachbild - insofern es genau an der 'Stelle' des Vorbildes zustandekommt bzw. dieses nur an den Rändern übergreift, sozusagen nur nebenbei einen Kontrast zu eben diesem Vorbild.
So viel also an kritischen Überlegungen zur von Rohracher behaupteten 'biologischen Relevanz der sogenannten subjektiven Kontrasterscheinungen.
Was die vorhin erwähnte Farbenkonstanz betrifft, also (nach Rohracher) die Tatsache, daß trotz geänderter Reizbedingungen die dadurch hervorgerufene Änderung der Farben und Helligkeiten nicht gesehen wird, so wäre dazu noch folgendes auszuführen:
Wie erwähnt, glaubt Rohracher, daß die wichtigste Ursache der Farbenkonstanz in der Geltung des Weber-Fechnerschen Gesetzes zu suchen ist. Durch sie also könne z.B. erklärt werden, daß sich schwarze Buchstaben auf einem weißen Papier deshalb in der Mittagssonne in der konstant gleichen Weise wie in der Morgendämmerung abheben, weil sich die Empfindlichkeit unserer Sinnesorgane entsprechend der Änderung der Reize ändert. Eine Erklärung im übrigen - das sei hier ausdrücklich angemerkt - die natürlich nur solange eine ist, als nicht die Unhaltbarkeit der Reiz-Empfindungstheorie durchschaut wird (oder nur dann eine ist, wenn man 'Reiz' als etwas versteht, das objektiverweise in die Sinne fällt). Aber wie auch immer. Das, worum es hier geht, ist, jene andere Ursache der Farbenkonstanz ins Auge zu fassen, von der Rohracher auch spricht. Es gäbe nämlich einen 'problematischen Rest' von Farbkonstanz - Erscheinungen, die sich nicht im Sinne des besagten Gesetzes als Konstanz von Kontrasten erklären ließen. Als Beispiele für Erscheinungen mit solch einem 'Unbestimmtheitscharakter' nennt Rohracher das Weißbleiben einer Blume unter grünem Laubdach oder das Weißbleiben eines Papiers auch wenn darauf ein Schatten fällt; unser Autor spricht dabei deshalb von einem problematischen Rest bzw. Unbestimmtheitscharakter solcher Erscheinungen, weil die Blume oder das Papier für uns zwar weiß bleibt, aber doch nicht ganz so weiß wie bei normaler Beleuchtung. Erklären lasse sich nun diese Art der Farbenkonstanz durch folgendes: weil wir wissen, daß es sich bei der weißen Blume unter dem grünen Laubblatt um eine weiße Blume handelt oder weil wir wissen, daß ein weißes Papier auch im Schatten ein solches ist, sehen wir diese auch dann als weiß, wenn sich die reiz- bzw. empfindungsmäßigen Grundlagen geändert haben. Die Farbenkonstanz wäre demnach nichts anderes als eine Folge der durch das 'Wissen' konstituierten Dingkonstanz.
Genau an diesem Punkt setzt unsere Kritik ein. Denn das 'Wissen', das hier angesprochen wird, ist eben das Rohrachersche Wissen, also (wie gezeigt) lediglich die Summe dessen, was in einen Gegenstand (freilich widersprüchlicherweise) hineinempfunden wird. Das aber heißt wiederum nichts anderes, als daß die Interpretation der Konstanz der Empfindung Farbe als Funktion der Dingkonstanz zirkulär ist; zirkulär eben deshalb, weil die (durch das Wissen konstituierte) Dingkonstanz ihrerseits als eine von den Empfindungen abhängige Größe zu verstehen ist.
Aber selbst, wenn man das unberücksichtigt läßt, gibt es weitere Widersprüchlichkeiten. So ist es gerade dann, wenn man die Farbenkonstanz als Folge der durch das 'Wissen' konstituierten Dingkonstanz versteht, unverständlich, sie auch als dasjenige zu begreifen, was das Wiedererkennen der Gegenstände ermöglicht; entweder ist nämlich die Farbenkonstanz eine Funktion des 'Wissens' oder umgekehrt das Wissen bzw. das Wiedererkennen eine Funktion der Farbenkonstanz. Beides miteinander verträgt sich nicht. Unklar ist weiters, warum die Farbenkonstanz - obwohl es nicht auf die tatsächliche Empfindung, sondern auf das Erfahrungswissen, die Wahrnehmung, ankommt - unter gewissen Empfindungsumständen, wie z.B. im Rotlicht einer photographischen Dunkelkammer, nicht besteht. Kommt es nämlich wirklich auf das Erfahrungswissen an, dann ist es prinzipiell gleichgültig, ob ich mir das 'Grün' der weißen Blume unter dem Laubdach oder das Rotlicht wegsuggeriere. Daß es tatsächlich ein Wegsuggerieren ist, demonstriert der Maler, der diese Blume zu malen hat; er sieht und malt diese Blume natürlich mit der Grünnuance, die sie eben unter einem Laubdach hat. Damit ist aber - zugleich als Fazit zum Thema Farbenkonstanz - auch festgestellt, daß es überhaupt keine Farbenkonstanz gibt.
Zuallerletzt noch eine Bemerkung zu dem, in dessen Kontext Rohracher auch die Farbenkonstanz bespricht, nämlich zur psychologischen Farbenordnung. Rohracher ist dabei der grundsätzlichen Auffassung, daß eine psychologische Farbenordnung solange wertlos ist bzw. einer bloß einseitigen psychologischen Betrachtungsweise entspricht, als sie nicht mit dem korrespondiert, was wir über das Zustandekommen der Farben wissen. Daß Rohracher die (psychologische) Farbenordnung von Podestä heranzieht, liegt daher auch darin begründet, daß sie der von ihm vertretenen Zustandekommenstheorie, seiner Dreikomponententheorie, entspricht.
Dahinter steckt - wie in anderem Zusammenhang schon ausgeführt - aber die Auffassung Rohrachers, daß das Essentielle einer Sache nur dann berührt wird, wenn man um ihr Zustandekommen weiß. Gerade darin aber liegt der Irrtum. Man kann nämlich gar nicht nach der Entstehung von etwas fragen, ohne daß man nicht dieses 'etwas' (als ein jedem naturwissenschaftlichen Erklären vorangehendes Verstehen im Sinne etwa v. Wrights) schon kennt.
3.2.5.Resümee
3.2.5.1.Zusammenfassung
3.2.5.1.1. Zusammenfassung unter ontologischen Gesichtspunkten
Rohracher bezeichnet die von ihm vertretene Psychologie als naturwissenschaftlich orientierte Erlebnispsychologie, die sich durch die Betonung des 'bewußten Erlebens' scharf von den Formen der sogenannten 'bewußtseinsfreien Psychologie' wie Behaviorismus und Reflexologie abgrenzt Die 'Farben' sind demnach nicht nur in ihrer möglichen körperlichen Auswirkung oder als etwas, das in irgendeiner Weise das menschliche Verhalten prägt, Gegenstand psychologischer Forschung sein können, sondern primär als 'bewußtes Erleben'.
Allerdings gehe es um kein Erleben, dem so etwas wie eine Seele subsistiert, sondern - und das macht 'sachlich' Rohrachers naturwissenschaftliche Orientierung aus - um ein solches, das aus dem Organischen heraus entsteht und auch nur in bezug darauf begriffen werden kann. Freilich würde es sich dabei lediglich um eine Hypothese handeln, eben die 'biogenetische Hypothese des Psychischen', deren Verifizierung zumindest derzeit auch deshalb aussichtslos sei, weil man gar nicht wisse, was das Organische ist bzw. wie es zustandekommt.
Das, woran man sich vielmehr halten müsse, wäre daher einerseits das rein Materielle in Form der atomaren Vorgänge und andererseits das 'bewußte Erleben', in unserem Fall also die Farbempfindungen. Rohracher vertritt demnach de facto die Reiz-Empfindungstheorie und versteht in diesem Sinne die atomaren Vorgänge, genauer die von Maxwell entdeckten elektromagnetischen Schwingungen und Strahlungen als die zwangsläufig qualitätslosen und objektiven Ursachen der dann zwangsläufig subjektiven Farbempfindungen. Aber nicht nur die Empfindungen welcher Art auch immer würden den Stempel unserer Subjektivität tragen, sondern auch die Wahrnehmungen, also dasjenige, was die Bedeutungen der Dinge ausmacht. Wir würden nämlich erst aufgrund eines im Unbewußten verlaufenden physiologischen Erfahrungsprozesses diese Bedeutungen in die Dinge hineinempfinden und sie zu solchen machen, die wirklich existieren und sich zu bestimmten Zwecken verwenden lassen. In diesem Sinne hätte natürlich jeder Mensch seine eigene, individuelle Welt und wäre es im übrigen auch so, daß die Lebewesen untereinander insbesonders aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausstattung mit Sinnesorganen verschiedene 'Welten' hätten. Wenngleich also auch die Welt des Menschen nur eine subjektive wäre, so wäre es doch seine Welt, d.h. die für ihn maßgebliche Wirklichkeit und keine Illusion. Weil der Mensch aber nur in dieser Welt zu Hause ist, so könne er genaugenommen auch nichts über den unwahrnehmbaren Atombereich sagen bzw. nur wissen, daß 'irgend etwas' existieren muß, das die Sinnesempfindungen hervorbringt. Es handle sich beim 'Atomaren' also bloß um eine Hypothese, allerdings um eine solche, die durch ihre Bewährung in Wissenschaft und Technik den Beweis erbracht hätte, daß sie in einem hohen Maße auf die Wirklichkeit zutrifft.
Was nun die Erklärung des Sehens bzw. Farbensehens betrifft, so geht Rohracher - wie gesagt - entsprechend der Reiz-Empfindungstheorie bzw. ganz im Sinne Maxwells davon aus, daß den Farbempfindungen die nicht absorbierten Schwingungen eines bestimmten Wellenlängenbereiches als deren Ursache zugrunde liegen, daß also z.B. die Farbempfindung 'Rot' bei 400 Billionen elektromagnetischer Schwingungen bzw. bei einer Schwingung von der Wellenlänge 760 Millionstel Millimeter entsteht. Freilich würde es sich hier nicht um eine einfache Ursache/Wirkung-Relation handeln, sondern habe man zu berücksichtigen, daß die atomaren Reize zunächst bestimmten Transformationsprozessen insbesonders physikalisch-chemischer Art unterliegen. Schlüsselpunkt dieser Prozesse wäre - abgesehen von dem für das eigentliche Zustandekommen der Sehempfindungen relevanten, nach wie vor aber weitgehend unbekannten Geschehen in den Sehsphären der Hirnrinde - dasjenige, was in der Netzhaut geschieht. Dort bzw. in einem bestimmten Teil der Netzhaut, den Lichtsinneszellen, würden nämlich die atomaren Reize in etwas anderes, die sogenannte 'nervöse Erregung' umgewandelt werden, von der freilich auch nicht viel mehr bekannt ist, als daß es sich dabei um einen 'elektrochemischen Vorgang' handelt. Da es nun zwei verschiedene Arten von Lichtsinneszellen gäbe, gäbe es auch - und das macht die Duplizitätstheorie aus - zweierlei Arten von Netzhautreaktionen, nämlich die für das Farben- bzw. Tagessehen zuständige Zapfenreaktion und die das Dämmerungssehen bewirkende Reaktion der Stäbchen. Diese Theorie kollidiere allerdings insofern mit der zweifellos richtigen Annahme Newtons, daß das Weiß nur durch Mischung der farbigen Lichter zustandekommt, als es auch in der Dämmerung - also auch dann, wenn nur der Stäbchenapparat funktioniert - Weißempfindungen gäbe. Rohracher schließt sich aus diesem Grund der Auffassung des schwedischen Physiologen Granit an, der die einzelnen Helligkeitsphänomene - einschließlich der den Farben immanenten Helligkeit - durch eine weitere Differenzierung der Netzhautreaktionen zu erklären versucht.
In der Netzhaut würden sich schließlich auch jene Einrichtungen befinden, die dem durch den Nachbild- bzw. Kontrasteffekt, Farbenblindheit und psychologische Feststellungen dokumentierten 'inneren Zusammenhang' zwischen den Urfarben Rot/Grün und Blau/Gelb entsprechen. Den gleichfalls in 'Kontrast' stehenden Urfarben Weiß und Schwarz käme hingegen insofern eine Sonderstellung zu, als Schwarz nicht durch Reiz, sondern dadurch zustandekomme, daß die reizarmen Stellen des Gesichtsfeldes kontrastiverweise mit dem physiologisch bedingten 'subjektiven Augengrau' ausgefüllt werden. Schwarz und Weiß wären aber eben auch Urfarben und somit neben Rot, Grün, Blau und Gelb jene Farben, von denen man mit Sicherheit annehmen könne, daß sich alle übrigen Farben aus ihnen durch 'physiologische Mischung' erzeugen lassen.
Was nun das eigentliche Zustandekommen der Sehempfindungen anbelangt, so ist dieser Vorgang Rohracher zufolge - wie gesagt - auch derzeit noch weitgehend unerforscht. Das, was wir wissen, wäre eben nur, daß die 'nervösen Erregungen' ins Gehirn fließen bzw. daß bei Zerstörung eines bestimmten Bereiches des Gehirns das Sehen auch dann ausfällt, wenn die Augen intakt sind. Zweifellos aber habe man in diesem Bereich des Gehirns, der Rindenregion an der Innenseite des Hinterhauptlappens, den Entstehungort dessen zu suchen, was das Sehen ausmacht. Dabei wäre allerdings zu berücksichtigen, daß die Sehempfindungen - auch wenn sie nicht, wie beispielsweise Ehrenfels meinte, biologisch bedeutungslos wären - im Alltag nur eine wahrnehmungsauslösende Funktion haben. Das, was wir bewußtseinsmäßig hätten, wären eben nicht die Empfindungen, sondern die Wahrnehmungen, also dasjenige, was von uns - wie gesagt - bedeutungsstiftend und so die Dingkonstanz schaffend in die Dinge aufgrund eines unbewußt und zwingend verlaufenden Erfahrungsprozesses hineinempfunden wird.
Soweit die Rohrachersche Theorie des Sehens, zusammengefaßt vor allem unter ontologisch-bedeutsamen Gesichtspunkten.
3.2.5.1.2. Zusammenfassung unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten
Was nun die mehr erkenntnistheoretischen Gesichtspunkte betrifft, so wäre abschließend folgendes zu sagen:
Rohracher ist entgegen Behaviorismus und Reflexologie der Auffassung, daß Selbstbeobachtung als Methode psychologischer Forschung möglich, ja sogar insofern die wichtigste Methode ist, als man durch sie überhaupt erst um das 'bewußte Erleben' wissen könne. Den Einwand, daß die Selbstbeobachtung es impliziere, daß dann zwei Bewußtseinsvorgänge gleichzeitig stattfinden, läßt Rohracher deshalb nicht gelten, weil - wie Dilthey zu Recht erkannt habe - es dem 'bewußten Erleben' immanent sei, sich selbst zu beobachten. Allerdings würde der Selbstbeobachtung - auch in Form der sogenannten Beobachtung aus frischer Erinnerung - unter anderem der Mangel anhaften, daß jeder eben nur sich selbst beobachten kann bzw. von außen her nicht beobachtbar ist. Um zu einem brauchbaren Forschungsresultat zu kommen, wäre es daher notwendig - und genau das habe Dilthey aber übersehen - viele Menschen 'unter gleichen Bedingungen' ihr eigenes Erleben beobachten zu lassen. Es handle sich hier um eine einem naturwissenschaftlichen Experiment analoge Situation, wodurch man induktiv allgemeingültige Ergebnisse zu erzielen versucht. Dabei könne es sich um Erlebnisse auf der Ebene der Sinnesempfindungen, aber auch um - in der Regel - einfache Denk- und Willenserlebnisse handeln; die Versuchspersonen hätten dann durch Beobachtung beispielsweise festzustellen, "wie groß der Unterschied zwischen Gewichten sein muß, daß er gerade noch bemerkt wird" oder "welche Farbe das Nachbild hat" (Rohracher,1963,80). Dabei gehe man von der Annahme aus, daß sich solche Erlebnisse in zumindest annähernd gleicher Weise bei jedem Menschen erzeugen lassen, daß also jeder Mensch "ein bestimmtes Maß an Intelligenz, Willenskraft und Gemütserregbarkeit" (Rohracher,1963,78) habe bzw. es außer den allfälligen Besonderheiten, wie z.B. mathematischer Begabung, künstlerischem Einfühlungsvermögen oder verbrecherischer Neigung so etwas wie allgemein-menschliche 'Funktionsprinzipien des seelisch-geistigen Geschehens' gibt. Nur so würde man nämlich dem Dilemma einer 'Psychologie des Einzelnen' entgehen: damit aber habe man überhaupt erst ein erschließbares Forschungsobjekt und könne im übrigen auch nur so erklärlich machen, welches 'Verstehen eines anderen' aus psychologisch-wissenschaftlicher Sicht brauchbar ist. Einen anderen verstehen hieße nämlich, entgegen dem Diltheyschen Standpunkt, nicht, daß ein beliebiger, sondern daß nur ein solcher Selbstbeobachtungsinhalt auf die Psyche eines anderen übertragen wird, der sich auf besagte Funktionsprinzipien bezieht.
Weitere Mängel der Selbstbeobachtungsmethode würden darin bestehen, daß man nicht mehr messen und zählen kann und daß sich keine scharfen Definitionen geben ließen. Aber auch dies ließe sich insofern kompensieren, als man statt Messen und Zählen z.B. feststellen kann, "ob etwas merklich stärker oder schwächer als ein anderes" ist und man sozusagen auch dadurch definieren kann, daß man beispielsweise Hunger als den Zustand beschreibt, den man hat, "wenn man lange nichts gegessen hat" (Rohracher,1963,73). Jedenfalls könne man im praktischen Leben nicht ohne die Verwendung von solchen Erlebniswörtern auskommen und sie würden ja auch ohne Schwierigkeiten verstanden werden.
Es ergibt sich also für Rohracher, daß man trotz mancher Einseitigkeiten die Selbstbeobachtung nicht überhaupt aufzugeben brauche, wenn sie mit Sorgfalt und Kritik an genügend vielen Personen unter gleichen Bedingungen sowie im Verein mit den anderen psychologischen Methoden durchgeführt werde; was letzteres betrifft, so handle es sich - abgesehen von den Hilfsmethoden insbesonders statistischer Art - auch um Leistungsexperimente und Verhaltensbeobachtung, vorausgesetzt man gehe auch hier vom 'bewußten Erleben' als der zentralen Kategorie psychologischer Forschung aus. So könne man beispielsweise die Versuchspersonen ihre Gefühle wie z.B. Haß, Liebe durch Farben ausdrücken lassen und auf diese Weise ihr Verhalten, aber auch die Ausdruckswirkung der Farben studieren.
Im übrigen müsse natürlich der methodische Stellenwert der Selbstbeobachtung richtig eingeschätzt bzw. dürfe nicht übersehen werden, daß eine einseitige psychologische Betrachtungsweise höchstens zu einer 'psychologischen Farbenordnung', nicht aber zu dem führt, was wesentlich wäre, nämlich zu einem Einblick in das Zustandekommen der Farben. In diesem Sinne entspreche auch die Farbenordnung von Podestä der auf den drei Urfarbenpaaren aufbauenden Zustandekommenstheorie, nicht aber umgekehrt, wobei - was die Charakterisierung der Farbenordnung als eine psychologische betrifft - ohnehin zu berücksichtigen wäre, daß zwischen den Farben biologisch bedeutsame Beziehungen hinsichtlich der Sehschärfe und Wiedererkennbarkeit der Gegenstände an ihrer Farbe (Farbenkonstanz) bestehen; dazu komme, daß auch die Farbempfindungen wie alle Sinnesempfindungen wesentlich in den lebenserhaltenden Zweck eingebunden sind, sich zu ernähren und zu vermehren.
3.2.5.2. Stellungnahme
Meine Stellungnahme zu all dem stützt sich nun im wesentlichen auf folgende Überlegungen:
Was das zuletzt Ausgeführte betrifft, so versuchte ich zu zeigen, daß auch und gerade eine genetische Betrachtungsweise der Farben bzw. Farbempfindungen immer schon die Kenntnis dessen voraussetzt, was zu erklären vorgegeben wird. Denn nur, wenn ich weiß, was Farben sind, kann ich überhaupt erst nach ihrer Entstehung fragen. Es ist daher auch nicht richtig, daß - und es mag verwundern, daß dies der Erlebnispsychologe Rohracher nicht sieht - eine rein psychologische Betrachtungsweise höchstens zu einer äußeren Entsprechung naturwissenschaftlich-genetischer Erklärungen führt. Diese naturwissenschaftlich-genetischen Erklärungsversuche stehen nämlich, wie gesagt, ihrerseits unter der Prämisse des 'Schon-Wissens', somit aber unter der Prämisse von etwas, was - Rohracherisch gesehen - eine rein psychologische Betrachtungsweise impliziert. Aber abgesehen davon, ist es auch unrichtig, anzunehmen, daß das Höchste, was eine rein psychologische Betrachtungsweise leisten kann, das Erstellen einer Farbenordnung wäre. Dahinter steht nämlich die Auffassung des Psycho-Physikers, daß sich die Empfindungen, wenn überhaupt, nur in ihrer Relation zueinander objektivieren lassen, während die einzelne Empfindung - und das erinnert an Locke - je schon etwas Indefinites ist. Diese Auffassung ist nun ganz einfach deshalb irrig, weil man nur dann eine Relation aufstellen kann, wenn man die Relate - hier die Farben - kennt und sie schon als etwas Bestimmtes erfaßt hat. Nicht die Farbenordnung ist daher das Höchste, was die angesprochene Betrachtungsweise leisten kann, sondern die Wahrnehmung dessen, was dieser Ordnung zugrunde liegt.
Weil dem so ist, also die einzelne Farbe und nicht die Farbenordnung das Primäre ist bzw. die Farbenordnung schon etwas Abgeleitetes darstellt, ist es auch unrichtig, zu glauben, daß eine Farbenordnung sozusagen einen objektiveren Erkenntnisgehalt aufweist als die Einzelfarbe. Mit anderen Worten: sieht man die Einzelfarbe als etwas Subjektives an, dann kommt man eben nicht umhin, auch die Relation von Einzelfarben als so etwas zu qualifizieren. Rohracher selbst scheint sich widersprüchlicherweise insofern darüber im klaren zu sein, als er die für das Aufstellen einer Farbenordnung relevante Feststellung eines 'gerade merkbaren' Empfindungsunterschiedes als letztlich doch subjektive 'Schätzung' versteht. Freilich sucht Rohracher die Objektivität in der falschen Richtung, nämlich gerade nicht in der Einzelempfindung - sie ist ihm ja als Empfindung bzw. Bewußtseinsakt des Einzelnen etwas Subjektives -, sondern auf dem Wege der Induktion. Genau da aber kann er sie schon deshalb nicht finden, weil ja auch die im Sinne einer intersubjektiven Überprüfung getroffene Feststellung, daß Selbstbeobachtungsresultate identisch sind, die Feststellung eines Einzelnen und somit seiner Auffassung nach etwas Subjektives ist.
Dazu kommt, daß die Identität von Selbstbeobachtungsresultaten keinesfalls impliziert, daß diese Selbstbeobachtungsresultate objektiv richtig bzw. allgemeingültig sind; das, was impliziert wird, ist vielmehr nur, daß etwas allgemein bekannt ist. Rohracher verwechselt also 'allgemein bekannt' mit 'allgemeingültig' und übersieht, daß das 'allgemeine Bekanntsein' von etwas das Allgemeingültige in Form eben dieses 'etwas' zwangsläufig voraussetzt. Unser Autor nimmt allerdings insofern eine differenzierte Haltung ein, als er zwar aus der Identität der Selbstbeobachtungsresultate auf deren Richtigkeit schließt, umgekehrt aber aus der Nichtidentität nicht unbedingt die Unrichtigkeit folgert; die Unterschiedlichkeit der Selbstbeobachtungsresultate könne nämlich im Gegenteil auch davon herrühren, daß sich jeder als eigene Persönlichkeit sehr gut beobachtet. Eine Auffassung, die natürlich ganz eindeutig in Widerspruch zum Induktionsprinzip steht, da eben trotz 'Nichtidentität' die Richtigkeit eines Selbstbeobachtungsresultates nicht ausgeschlossen bzw. diese Richtigkeit von der Identität mit anderen Selbstbeobachtungsresultaten nicht abhängig gemacht wird. Rohracher schwächt dies allerdings - um dem dann aus seiner Sicht gegebenen Dilemma einer Psychologie des Einzelnen zu entgehen - dadurch ab, daß er annimmt, daß jeder Mensch außer seinen 'individuellen' Sondereigenschaften, wie z.B. künstlerischem Einfühlungsvermögen, "ein bestimmtes Maß an Intelligenz, Willenskraft und Gemütserregbarkeit" (Rohracher, 1963, 78) hat; nur auf diese allgemein-menschlichen 'Funktionsprinzipien des seelisch-geistigen Lebens' würde sich daher die auf Induktion beruhende psychologische Forschung beziehen, wobei freilich auch hier persönlichkeitsbedingte Unterschiede zu berücksichtigen wären. Genau damit, nämlich mit der Annahme solcher allgemeinmenschlichen Funktionsprinzipien, macht Rohracher es aber überflüssig, induktiverweise festzustellen, daß es eben diese Funktionsprinzipien gibt bzw. es wird klar, daß die Rohrachersche Induktion nur dann funktioniert, wenn sie das voraussetzt, was es erst zu erforschen gilt, nämlich das Vorhandensein besagter Prinzipien.
Im übrigen ist es natürlich mit seiner aktualitätstheoretischen Auffassung des Psychischen unvereinbar, wenn unser Autor von Persönlichkeit bzw. Individualismen spricht. Aktualitätstheoretisch gesehen gibt es nämlich gar keine Persönlichkeit im Sinne einer dem Aktuell-Psychischen subsistierenden Seelensubstanz; die Persönlichkeit, das 'Ich', ist dann im Gegenteil ganz im Humeschen Sinn nichts anderes als die Summe dieses Aktuell-Psychischen.
Aber selbst, wenn man von all dem absieht, gibt es noch einen gewichtigen Grund, warum die auf Selbstbeobachtungsresultate bezogene Rohrachersche Induktion unbrauchbar ist. Rohracher kann nämlich - und auch darauf soll nochmals eingegangen werden - gar nicht konsistent darlegen, daß Selbstbeobachtung überhaupt möglich ist. Mit Dilthey zu argumentieren, daß die Selbstbeobachtung dem 'bewußten Erleben' immanent ist und daß sich von daher gar nicht die Aporie ergibt, daß bei der Selbstbeobachtung unmöglicherweise zwei Erlebnisvorgänge gleichzeitig stattfinden müßten, heißt übersehen, daß auch und gerade das 'Um-sich-selbst-Wissen' des Erlebnisaktes wie jeder andere Wissensakt - übrigens auch im Kontext bei Rohracher selbst - ein Akt des 'bewußten Erlebens' ist. Davon abgesehen ist es natürlich ein Widerspruch in sich selbst, ein 'Um-sich-selbst-Wissen' von etwas, also ein subjektsloses Wissen, überhaupt als ein Wissen zu bezeichnen bzw. es müßte auch ein solches 'Als-ob-wissen' vom Subjekt her, also durch einen eigenen Bewußtseinsakt, irgendwie erfaßt werden. Schließlich unterminiert Rohracher die Annahme einer bewußtsseinsimmanenten Selbstbeobachtung noch dadurch, daß er auch eine 'nicht bewußtseinsimmanente Selbstbeobachtung', nämlich die sogenannte Beobachtung aus frischer Erinnerung, annimmt. Dabei bedarf es gar nicht der Annahme einer 'bewußtseinsimmanenten Selbstbeobachtung', um besagter Aporie auszuweichen; es genügt vielmehr ins Auge zu fassen, daß jeder, der behauptet, daß sich das 'bewußte Erleben' deshalb nicht erfassen läßt, weil ansonsten unmöglicherweise zwei Erlebnisabläufe gleichzeitig stattfinden müßten, ja zwangsläufig schon wissen muß, was das 'bewußte Erleben' ist. Es ist - wie bereits festgestellt - signifikant, daß Rohracher dies nicht sieht; dies hängt nämlich mit seiner naiv-realistischen Grundhaltung zusammen, derzufolge es - auch, was die seelischen Gegebenheiten betrifft - bloß auf Beobachtung, nicht aber auf Erkenntnis bzw. auf eine Reflexion auf die Bedingungen der Erkenntnis ankommt.
Es richtig, daß auch Steiner seine Philosophie auf (Selbst-)beobachtung und Erlebnis gründet. Im Unterschied zu Rohracher geht es dabei aber erstens (nur) um die Selbstanschauung des Denkenden, und zweitens um den Erlebnisvollzug eines erkenntnistheoretischen Postulats. Daß die beiden Positionen zueinander im Verhältnis der Inversion stehen, hat genau darin seinen wesentlichen Grund (siehe auch Vergleichsgraphik am Ende der Arbeit).
Umso verwunderlicher ist es freilich, wenn Rohracher andererseits gegenüber Behaviorismus und Reflexologie argumentiert, daß wir durch Beobachtung respect. Selbstbeobachtung 'absolut sicher' um das Psychische bzw. das 'bewußte Erleben' wissen würden, wobei im übrigen derjenige, der daran zweifelt, durch eben diesen Zweifel, - einem psychischen Faktum, - widerlegt werde. Verwunderlich ist diese Argumentation folglich deshalb, weil sich das Psychische als etwas, das als ein (begrifflich) Allgemeines das Beobachtungskonkrete übersteigt, gar nicht beobachten läßt. Genau aus diesem Grund ist auch das Zweifelsargument - so wie es Rohracher bringt - kein Argument. Denn der Zweifel als solcher läßt sich in seiner Allgemeinheit eben auch nicht beobachten, sondern nur erkennen. Daß Rohracher ein solches Erkennen tatsächlich nicht kennt, ergibt sich dabei daraus, daß er in nominalistischer Weise den sogenannten Erlebniswörtern wie z.B. Zweifel, Haß usw. keinen anderen Wert beimißt, als den eines umgangssprachlichen Verständigungsmittels im Sinne einer 'facon de parler'; einer der Mängel der Selbstbeobachtungsmethode wäre nämlich, daß sie - wie Rohracher sich ausdrückt - keine scharfen Definitionen zuläßt, man also etwa Hunger gar nicht allgemein definieren , sondern höchstens als den konkreten Zustand beschreiben könne, den man habe, wenn man lange nichts gegessen hat.
Im übrigen ist es natürlich unverständlich, worin die behauptete 'absolute' Sicherheit des Selbstbeobachtungsresultates bestehen soll, wenn die Selbstbeobachtung der induktiven Bestätigung durch die Befragung vieler bedarf.
Daß Selbst-Beobachtung (so wie Rohracher sie postuliert) auch den induktiven Erkenntnisgewinn im Wege etwa über das psychologische Experiment verunmöglicht, wurde schon gesagt. Zu ergänzen wäre, daß dies auch für das Rohrachersche Verstehen gilt. Rohracher zufolge - und diesbezüglich übernimmt er einen Gedanken Diltheys - handelt es sich nämlich beim Verstehen um nichts anderes, als um die Übertragung dessen, was jemand an sich selbst beobachtet, auf die Psyche eines anderen. Aber auch unabhängig von der Selbstbeobachtungsproblernatik erscheint der Rohrachersche Verstehensbegriff - das Verstehen im formellen Sinn - unbrauchbar. Das Verstehen im formellen Sinn setzt nämlich - auch, wenn es sich auf die allgemeinen Funktionsprinzipien des seelisch-geistigen Lebens bezieht - genauso das 'An-sich-selbst-Erfahren', also einen angeblich subjektivierenden Sachverhalt, voraus, wie das Verstehen im materiellen Sinn. Außerdem läßt sich etwas, das man an sich selbst als ein solches Funktionsprinzip erfahren hat, nur insofern auf die Psyche eines anderen übertragen, als ich diese Psyche in ihrem diesbezüglichen Funktionieren auf eine nicht formelle Weise schon verstanden habe.
Als Quintessenz aus all dem ergibt sich, daß es Rohracher nicht gelingt, mittels 'Selbstbeobachtung' und auf Selbstbeobachtung beruhendem 'Verstehen' anderer das 'bewußte Erleben' als den eigentlichen Gegenstand psychologischer Forschung gewissermaßen dingfest zu machen und es ihm somit auch nicht gelingt, eine sogenannte Erlebnispsychologie methodisch, richtiger: erkenntnistheoretisch haltbar zu begründen. Dabei können auch Induktion, 'das Zueinander in Relation-Bringen' der Einzelempfindungen sowie das Geben von Beispielsdefinitionen das nicht kompensieren, was der Selbstbeobachtungsmethode scheinbar als Mangel anhaftet, nämlich, daß sie immer nur von jedem für sich gehandhabt werden kann, daß ihre Resultate nicht meßbar sind und daß sie keine scharfen Definitionen zuläßt.
Aber nicht nur von der vergleichsweise erkenntnistheoretischen Seite her hängt die Rohrachersche Erlebnispsychologie sozusagen in der Luft, sondern auch noch von einer anderen, mehr ontologischen Seite her. Rohracher vertritt nämlich mit seiner biogenetischen Hypothese des Psychischen einen Standpunkt, demzufolge es eigentlich auch von daher gar kein Objekt psychologischer Forschung geben kann. Anzunehmen, daß das Psychische letzte Wirkung insbesonders organischer Prozesse, also ein bloßes Epiphänomen solcher Prozesse ist, heißt nämlich nichts anderes, als das Psychische auf das Organische zu reduzieren. An dieser ontologischen Konsequenz ändert auch nichts, daß Rohracher rein formell eine trialistische Auffassung vertritt, also außer dem Materiellen und Organischen auch das Psychische als eigenen Seinszustand kennt. Eine Auffassung, die aber nicht nur deshalb rein formell ist, weil die biogenetische Hypothese und ein solcher Trialismus einander ausschließen, sondern auch deshalb, weil sich Rohracher angesichts der Rätselhaftigkeit des Organischen respect. der Rätselhaftigkeit des Zustandekommens des Organischen aus dem Anorganisch-Materiellen eigentlich nur an dieses Materielle hält. Dabei kommt es - bezogen auf die biogenetische Hypothese und auf die von Rohracher de facto vertretene Reiz-Empfindungstheorie zu einer Umkehr der Fragestellung. Es wird nämlich nicht mehr danach gefragt, wie die Empfindungen aus organisch-materiellen oder rein materiellen Vorgängen entstehen, sondern danach, welche Prozesse insbesonders physikalisch-chemischer Art im Gehirn stattfinden, während wir etwas erleben. Eine Fragestellung, die - und genau das übersieht Rohracher - insofern mit der biogenetischen Hypothese unvereinbar ist, als hier das 'bewußte Erleben', also das Psychische als etwas 'Nicht-Zustandegekommenes' vorausgesetzt wird. Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß nicht auch die biogenetische Hypothese zwangsläufig unter einer solchen Prämisse steht. Ganz im Gegenteil; wie bereits mehrmals festgestellt, kann man nach dem Zustandekommen von etwas ja nur fragen, wenn man dieses 'etwas' in seiner agenetischen Faktizität schon voraussetzt. Was besagte Umkehr der Fragestellung betrifft, ist es außerdem so, daß Rohracher vom Standpunkt seiner Wahrnehmungslehre aus auch nicht schlüssig nach dem physiologisch-materiellen Korrelat unseres bewußten Erlebens - egal übrigens, ob als Wirkung oder als Ursache im Sinne der Reiz-Empfindungstheorie verstanden - fragen kann. Denn gerade vom Standpunkt seiner Wahrnehmungslehre aus, wonach alles Wahrgenommene vom Wahrnehmungssubjekt her konstituiert wird, müßten eigentlich auch die physiologisch-materiellen Gegebenheiten sozusagen als etwas Psychisches begriffen werden.
Auch hier ist es signifikant, daß Rohracher dies nicht sieht. Denn seine Wahrnehmungslehre gründet widersprüchlicherweise gerade darauf, daß es auch 'nichtsubjektive' Wahrnehmungen gibt. Um nämlich sagen zu können, daß die wahrgenommene Welt durch das Wahrnehmungssubjekt bedingt ist, muß man annehmen, daß das Wahrnehmungssubjekt selbst (in diesem Sinne) unbedingt ist, also in einer Weise existiert, die ansonsten nur dem 'atomaren' Ansich-Bereich zugeschrieben wird, nämlich objektiv.
Im Klartext heißt dies: nur, wenn man annimmt, daß der Sinnesapparat und die darin sich abspielenden physiologischen Prozesse objektiv existieren, kann man ihnen die Eigenschaft zuschreiben, daß sie die Welt als bloß unsere Wahrnehmungswelt schaffen; genau das aber ist eben deshalb widersprüchlich, da ja auch der Sinnesapparat und die darin sich abspielenden Prozesse wahrgenommen werden müssen.
Schließlich darf auch nicht übersehen werden, daß Rohracher auch aus dem Grunde nicht berechtigt ist, die Welt der subjektiven Wahrnehmungen einer 'objektiven' Atomwelt gegenüberzustellen, weil er Empirist ist, für ihn also die prinzipielle Erfahrungsunzugänglichkeit dieser 'Atomwelt', ihr Ansich-Sein in der gleichen Weise eine Grenze des Sagbaren sein müßte wie das 'Ansich' einer göttlich-geistigen Welt.
Daran ändert auch nichts, daß Rohracher ganz im Sinne naturwissenschaftlicher Vorstellungen nur von einem hypothetisch anzunehmenden Atombereich spricht. Denn er selbst relativiert diese Feststellung dadurch, daß er der Auffassung von der Subjektivität der Wahrnehmungswelt als der Kehrseite dieser Hypothese keinesfalls bloß hypothetischen Charakter beimißt. Außerdem muß eine Hypothese in sich stimmig sein und genau diese Stimmigkeit ist schon deshalb nicht gegeben, weil im Rohracherschen Geltenlassen der Reiz-Empfindungstheorie (denk-)unmöglich ein objektiver mit einem subjektiven Seinsbereich in einen naturwissenschaftlichen Kausalzusammenhang gebracht wird. Nun sind, wenn man es durchdenkt, Reiz und Empfindung ohnehin auf der gleichen Ebene situiert, und zwar deshalb, weil ja auch das den Reiz ausmachende Atomare zwar als der kleinste, aber doch als Teil der Welt verstanden wird, die uns durch die Sinne zugänglich ist. Daraus aber folgt, daß sich die Reize von den Empfindungen ontologisch gar nicht unterscheiden lassen und entspricht dies im übrigen auch dem, daß Rohracher zur Sinneserfahrung alles dasjenige zählt, was sich nur instrumentell beobachten läßt. Nicht daraus folgt allerdings, daß das, was Reiz genannt wird, nun doch in Kausalrelation zur Empfindung zu denken ist. Der naturwissenschaftliche Reiz-Beobachter bringt sich nämlich genauso als ein Sinneswesen ein wie der eigentlich Empfindende und gibt es somit zwei voneinander gewissermaßen abgeschottete Empfindungsträger; nur, wenn der naturwissenschaftliche Beobachter und die Versuchsperson wechselseitig in sich hineinschauen könnten, wäre jene Situation hergestellt, die bei Feststellung naturwissenschaftlicher Kausalität zwangsläufig gegeben sein muß, nämlich die, daß ein und dieselbe Person Ursache und Wirkung prinzipiell zusammen erfassen kann.
Aufgrund all dieser Überlegungen, die - das sei auch an dieser Stelle gesagt - schon Rudolf Steiner den naturwissenschaftlich-(nach-bzw.)neukantianischen Denkern seiner Zeit mit ihrer mehr oder minder deutlichen Gleichsetzung von 'Ding an sich' und unerfahrbarer Atomwelt entgegenhielt - läßt sich also keinesfalls behaupten, daß unsere Empfindungen bloß subjektive Wirkungen von ganz andersgearteten objektiven Ursachen sind, also auch nicht behaupten, daß wir schon als Sinneswesen in einer bloß 'relativen' Wirklichkeit und somit 'eigenen Welt' leben.
Es erhebt sich überhaupt die Frage, welchen Sinn es hat, von 'Welt' zu reden, wenn Welt nicht das Gegenteil von Subjektivität ist. Dies trifft vor allem auch auf die Rohrachersche Wahrnehmungslehre zu, wonach es unabhängig von unserer als Gewohnheit begriffenen Erfahrung überhaupt keine Welt gibt, also die Welt aus dem 'Sinnesmaterial' heraus nicht etwa rekonstruiert, sondern (in einem nichtidealistischen Sinn) konstruiert wird. Dabei kommt Rohracher widersprüchlicherweise gerade dann, wenn er davon spricht, daß erst allmählich die Bedeutung z.B. von Apfel erfaßt werden kann, nicht darum herum, so etwas wie eine subjektsunabhängige Bedeutung von Apfel anzunehmen. Ein Widerspruch, den er auch nicht vermeiden kann, wenn er die Meinung vertritt, daß es von den individuellen Trieben und Interessen her zu einer ganz persönlichen Auswahl dessen kommt, was Wahrnehmung wird bzw. Bedeutung bekommt. Denn eine solche Auswahl ist ja nur denkbar, wenn es schon vor der Wahrnehmung objektiverweise das gibt, was durch die Wahrnehmung aber erst entstehen soll, nämlich die Dinge.
Im übrigen ist es ohnehin unbegreiflich, wie durch einen Erfahrungsprozeß, also durch bloße Synthese früherer mit gegenwärtigen Empfindungen, in Form der Wahrnehmungen etwas völlig Neues zustande kommen sollte und kommt genaugenommen auch Rohracher um diese Problematik nicht herum, wenn er davon spricht, daß 'Wissen und Bedeutung', dem Synonym für Wahrnehmung, in die Dinge hineinempfunden wird.
Diese in etwa ontologische Kritik an den Fundamenten seiner Erlebnispsychologie ist nun mitzuberücksichtigen, wenn es um die Beurteilung dessen geht, wie Rohracher das 'Farbensehen' - wie er es nennt - erklärt. Denn das Rohrachersche Farbensehen bezieht sich entgegen dem Wortsinn gerade nicht auf ein 'objektivistisches' Sehen von Farben, sondern entsprechend der biogenetischen Auffassung respect. der Reiz-Empfindungstheorie auf das Haben von subjektiven Farbempfindungen. Das aber heißt nichts anderes, als daß das Rohrachersche Erklärungsmodell angesichts der 'Widersprüchlichkeit in sich' und weitestgehenden Inkompatibilität von Biogenetischer Hypothese des Psychischen, der Reiz-Empfindungstheorie, der Wahrnehmungslehre und der Lehre von der auf den Lebenszweck abgestellten Unterscheidung von psychischen Funktionen und Kräften schon vom allgemeinen her unbrauchbar ist. Rohracher kann also keinesfalls davon ausgehen, daß die Farbempfindungen subjektiv sind, daß sie nur wahrnehmungsauslösenden Charakter haben bzw. von den Wahrnehmungen als ein prinzipiell Anderes überdeckt werden und daß sie im übrigen genauso wie die Wahrnehmungen, das Gedächtnis und das Denken bloße Funktion der psychischen Kräfte sind, also ausschließlich den Zweck haben, Leben zu erhalten und fortzupflanzen.
Aber selbst, wenn man das alles ausklammert, ergeben sich auch im Konkreten eine ganze Reihe von weiteren Ungereimtheiten und Widersprüchen. So geht Rohracher im Zusammenhang mit der Erklärung der physikalischen Erscheinungen von Newton bzw. vom Newtonschen Prismenversuch aus und übersieht dabei, daß dieser Versuch vom Standpunkt des Reiz-Empfindungstheoretikers nichts zur Klärung des Zustandekommens von Licht und Farbe im Sinne etwa der Absorptions-/Reflexionstheorie beitragen kann: die Spektralfarben haben nämlich in ihrer Eigenschaft als etwas Sichtbares (und somit. Empfundenes) gerade nichts mit einem Reizgeschehen zu tun, bedürften vielmehr ihrerseits (zirkulärerweise) einer Erklärung auf Ebene der Reiz-Empfindungstheorie. Abgesehen von seinen 'subjektsabstrahierenden' Forschungsprämissen - sie widersprechen ja nicht nur der Reiz-Empfindungstheorie, sondern vor allem auch der Auffassung, daß die Welt vom Wahrnehmungssubjekt her konstituiert wird -, ist aber Newton auch deshalb ein ungeeigneter Anknüpfungspunkt, weil angesichts der Reversibilität seines Versuches die Feststellung, daß sich das Licht in die Spektralfarben zerlegen läßt, ihren Sinn verliert; denn das Licht selbst ist gemäß dieser Reversibilität nur als die Summe der Spektralfarben zu verstehen, ist also - so gesehen - gar kein Licht.
Inkonsistent aber ist das Rohrachersche Erklärungsmodell des Farbensehens nicht nur in physikalischer, sondern vor allem auch in physiologischer und psychologischer Hinsicht. Zentrale Hypothese Rohrachers in diesem Zusammenhang ist zunächst, daß es in der Netzhaut - abgesehen von den Schwarz/Weißeinrichtungen - Einrichtungen gibt, die mit den Urfarbenpaaren Rot/Grün und Gelb/Blau korrelieren und die es ermöglichen, daß durch 'physiologische Mischung' aus den diesen Farben zugrunde liegenden Wellenlängen alle (übrigen) Farben zustande kommen können. Daran anknüpfend ergibt sich u.a. die Frage, worin das Physiologische dieser Mischung besteht, wenn durch sie nichts anderes als eine besondere Reizgrundlage entsteht. Außerdem würde ein so geartetes Entstehen einer Reizgrundlage - dem Standpunkt des Reiztheoretikers entgegengesetzt - implizieren, daß etwas, das dem atomaren 'An-sich-Bereich' zuzurechnen ist, aus einem Geschehen heraus auftritt, das nicht nur nicht diesem 'An-sich-Bereich' angehört, sondern seinerseits von dorther Impulse empfangen muß.
Zum Spezifischen dieser Hypothese, nämlich zur Annahme von drei Urfarbenpaaren wäre zusammenfassend folgendes kritisch zu bemerken:
Was zunächst die Urfarbenpaare Rot/Grün und Gelb/Blau betrifft, so gründet Rohracher zufolge die Annahme des zwischen diesen Farben bestehenden 'inneren Zusammenhanges' nicht nur auf rein psychologischen Feststellungen, sondern auch auf dem Phänomen Farbenblindheit - es gibt nur eine Rot/Grün- und eine Blau/Gelb-Blindheit - sowie auf dem Nachbildeffekt: Rot/Grün und Blau/Gelb stehen zueinander in Nachbild-Beziehung. Falsch ist eine so gegründete Annahme - andere mehr ins Detail gehende Widersprüchlichkeiten ausgeklammert - nun einfach deshalb, weil der innere Zusammenhang von etwas dieses etwas, also die Bezugsgrößen - hier die Farben - als ein Zustandegekommenes schon voraussetzt und genau das nicht berücksichtigt wird, wenn man als Kriterium für den 'inneren Zusammenhang' das gleichzeitige Zustandekommen von Farben beim Nachbildeffekt respect. das gleichzeitige Wegfallen derselben bei der Farbenblindheit nimmt. Wenn überhaupt, dann läßt sich also ein Urfarbenzusammenhang nur auf 'psychologischem' Weg feststellen.
Auch Rohracher rückt insofern von seiner Argumentation ab, als er beim Urfarbenpaar Weiß/Schwarz - obwohl sie in Nachbildrelation stehen - nicht davon spricht, daß diesem 'inneren Zusammenhang' ein solcher auch der physiologischen Prozesse entspricht; Schwarz und Weiß würden nämlich - physiologisch gesehen - auf völlig unterschiedliche Weise zustandekommen. Während nämlich Weiß durch das Zusammenwirken aller oder vieler Strahlungen entstehe, also die betreffenden physiologischen Prozesse als vom Reiz her kausiert zu denken seien, wäre Schwarz hingegen etwas, das überhaupt nicht die Wirkung eines Reizes, sondern vielmehr der Effekt des Fehlens einer solchen Wirkung ist. Daß diese Auffassung freilich nicht haltbar ist, gründet sich in etwa auf folgende Überlegungen: Was die Zustandekommenshypothese von Weiß betrifft, so wurde - abgesehen von der eigentlich auch hier zu berücksichtigenden Alogik der 'physiologischen Farbenmischung' - bereits deutlich gemacht, daß sich der Newtonsche Prismenversuch ohnehin einer im Zusammenhang mit der Reiz-Empfindungstheorie stehenden atomphysikalischen Interpretation entzieht. Dazu kommt, daß es Rohracher - dem schwedischen Physiker Granit folgend - nicht gelingt, die aus seiner Sicht gegebene Inkompatibilität der Newtonschen Zustandekommenstheorie des Lichts und der sogenannten Duplizitätstheorie aufzuheben; denn es läßt sich eben nicht gleichzeitig behaupten, daß das Weiß nur durch besagte physiologische Farbenmischung, also im Sinne der Duplizitätstheorie nur durch Reizung des Zapfenapparates zustandekommt, und daß es darüber hinaus - bezogen auf die den Farben immanente Helligkeit, sowie auf die Helligkeitsempfindungen in der Dämmerung - noch zwei andere 'Weißerzeugungsarten' gibt. Zur Zustandekommenshypothese von Schwarz wäre vor allem zu bemerken, daß es sich gerade nicht mit der Heringschen Grauskala beweisen läßt, daß die Empfindung Schwarz durch Kontrastwirkung zu dem entsteht, was mit dem rein physiologisch erzeugten 'subjektiven Augengrau' ausgefüllt sein soll. Der Beweis mit der Heringschen Grauskala setzt nämlich voraus, daß es so etwas wie objektive Graus gibt, als etwas, das es dieser Hypothese zufolge gar nicht geben kann.
Was weiters die physiologischen Prozesse in der Hirnrinde betrifft, so sieht Rohracher in ihnen - wie gesagt - deshalb das Schlüsselgeschehen für das Zustandekomrnen der Licht- und Farbempfindungen, weil es trotz intakter Augen zur Blindheit kommt, wenn diese Prozesse ausfallen bzw. die Rindenregion zerstört wird. Auch diese Argumentation ist freilich von Grund auf verfehlt; denn - abgesehen davon, daß sich unter dem Gesichtspunkt naturwissenschaftlicher Kausalität gar keine Brücke von den physiologischen Prozessen zu den Empfindungen schlagen läßt - ist jedes Glied einer Kausalkette insofern gleichwertig, als der Bestand der Kausalkette bzw. das kausale Geschehen an jedem einzelnen Glied hängt. So gesehen sind also z.B. auch die Prozesse in der Netzhaut nicht weniger relevant für das Zustandekommen der Empfindungen - sofern man sie irrigerweise eben als kausiert begreift -, wie das Geschehen in den Sehsphären der Hirnrinde; dem entspricht, daß es ja verschiedene Ursachen für Blindheit gibt, die alle nicht zutreffen dürfen, wenn Sehen stattfinden soll. Im übrigen ist es - gerade erlebnispsychologisch gesehen - unzulässig, aus den Ursachen für Blindheit das Phänomen des Sehens abzuleiten; eine solche Ableitung würde nämlich implizieren, daß das Nichtvorliegen besagter Ursachen eine nicht nur notwendige, sondern auch hinreichende Bedingung für das Sehen ist. Eine Implikation, die insofern gegen den erlebnispsychologischen Standpunkt verstößt, als damit der Bewußtseinsakt des Sehens auf die physiologischen Rahmenbedingungen seiner selbst reduziert wird.
Rohracher steht nun auf dem Standpunkt, daß es zugegebenerweise zwar so ist, daß sich derzeit noch keine allseits befriedigende Theorie des Farbensehens aufstellen läßt, daß aber zumindest der eingeschlagene Weg, empirisches Material vor allem durch Registrierungen der elektrischen Prozesse in der Netzhaut und in den Sehzentren, sowie durch chemische Untersuchungen über Absorptionsvorgänge in den Zapfen zu bekommen, der prinzipiell richtige Weg ist. Dieser Standpunkt ist aus unserer Sicht genau dann falsch, wenn man sich von der - wie auch immer detaillierten - Kenntnis der physiologischen Gegebenheiten Aufschluß darüber erwartet, was das Sehen ausmacht; denn ich muß ja um das Sehen oder die Sehempfindungen sozusagen 'a priori' schon Bescheid wissen, damit ich irgendwelche materiell-physiologische Gegebenheiten in welcher Form auch immer darauf beziehen kann. Das ist auch der Grund - das sei in diesem Zusammenhang nochmals gesagt - , warum Rohracher nicht recht hat, wenn er meint, daß eine rein psychologische Betrachtungsweise höchstens zu einer psychologischen Farbenordnung, nicht aber zu dem führt, was wesentlich wäre, nämlich zu einem Einblick in das Zustandekommen der Licht- und Farbempfindungen; denn das eben angesprochene 'schon wissen müssen' als das eigentlich Wesentliche ist - zumindest Rohracherisch gesehen - wie jedes Wissen Produkt einer psychologischen Betrachtungsweise. Rohracher selbst traut der psychologischen Betrachtungsweise freilich auch mehr zu als Farben zu ordnen. So spricht er ausdrücklich davon, daß der wichtigste Grund für die Richtigkeit der von ihm vertretenen Farbzustandekommenstheorie auf einer psychologischen Feststellung basiert; die Urfarben wären nämlich primär solche, weil sich bei ihnen keinerlei andere Farben mitempfinden lassen bzw. sie empfindungsmäßig 'reine' Farben sind. Daß er im Zusammenhang mit der Besprechung der Farbenordnung von Podestä das Gegenteil sagt, also sagt, daß der Wahrheitsgehalt einer solch psychologischen Farbenordnung von dem der naturwissenschaftlichen Zustandekommenstheorie der Farben abhängt, die psychologische Farbenordnung folglich den rein naturwissenschaftlichen Erkenntnissen insbesonders physiologischer Art zu entsprechen hat, ist nur eine weitere Inkonsequenz.
Zur Farbenordnung von Podestä selbst wäre zu sagen, daß die Anordnung der Urfarben als Pole einer um eine vertikale Weiß/Schwarz-Achse gelegten Ellipse insofern als problematisch erscheint, weil damit die sogenannte 'immanente Helligkeit' der Farben bzw. ihr immanenter Hell-/Dunkelcharakter auf das äußere Hell/Dunkel von Weiß/Schwarz, bezogen wird. Problematisch erscheint aber auch die Feststellung Rohrachers, daß zwischen den Farben "biologisch höchst bedeutsame Beziehungen" (Rohracher,1963,162) bestehen, die sich subjektiv in den dem Weber-Fechnerschen Gesetz unterliegenden Kontrasterscheinungen auswirken. Problematisch nicht nur deshalb, weil es - wenngleich charakteristisch für Rohrachers 'Biologismus' - natürlich gar keine 'biologisch bedeutsamen Beziehungen' zwischen Farben geben kann, sondern auch deshalb, weil Rohracher mit dem In-Gegensatz-Bringen von Farbe und subjektivem Nachbild übersieht, daß er die Farben entgegen seiner Grundauffassung 'objektiviert'. Außerdem ist es so, daß sich das Weber-Fechnersche Gesetz als ein Gesetz sozusagen der äußeren Wahrnehmung bzw. Empfindung gerade nicht auf solche in Gegensatz zu den Empfindungen stehende 'innere' Nachbilder bezieht; das aber heißt wiederum nichts anderes, als daß sich das, was mit Hilfe dieses Gesetzes erklärt werden soll, nämlich die Konstanz von Kontrasten, gar nicht im Konnex mit diesen 'inneren' Nachbildern erklären läßt. Aber auch die behauptete biologische Relevanz der subjektiven Kontrasterscheinungen für die Deutlichkeit des Sehens ist schon deshalb eine bloße Behauptung, weil sie unter der irrigen bzw. physikalistischen Prämisse steht, daß auf der Netzhaut - bedingt durch natürliche Qualitätsmängel des Sehapparates - ein unscharfes Bild entsteht; irrig bzw. physikalistisch ist diese Auffassung deshalb - Rohracher selbst spricht im übrigen von einem angeborenen physikalischen Astigmatismus - weil auf der Netzhaut, auch rein naturwissenschaftlich gesehen, gar kein Bild entsteht bzw. der Sehapparat in seinem Funktionieren als etwas 'Lebendiges' gar nicht auf etwas Optisch-Physikalisches reduziert werden kann.
Zum Thema 'Farbenkonstanz' - Rohracher bespricht sie im Zusammenhang mit den subjektiven Kontrastwirkungen - wäre abschließend festzuhalten, daß es unverständlich ist, wenn unser Autor Farbenkonstanz einerseits als die Wiedererkennbarkeit der Gegenstände an ihren Farben, andererseits aber als Folge der Dingkonstanz bezeichnet. Unverständlich einfach deshalb, weil die Dingkonstanz ihrerseits in dem diese Wiedererkennbarkeit ermöglichenden Erfahrungswissen gründet.
Resümee aus dem eben Besprochenen ist nun, daß es Rohracher - entgegen seiner programmatischen Zielsetzung - nicht gelingt, die Forschungsresultate der diversen Disziplinen so zu integrieren, daß aus Sicht einer (bedingt) essentialistischen Betrachtungsweise eine schlüssige Theorie des Sehens sichtbar würde.
Daß eine spezifisch wissenschaftstheoretische Betrachtungsweise aber keinesfalls zu dieser Beurteilung kommen würde, ist schon deshalb richtig, weil Rohrachers naturwissenschaftlich orientierte (Erlebnis-)psychologie in Übereinstimmung mit der wissenschaftstheoretischen Position (etwa von Popper) antiessentialistisch ist und (von daher auch schlüssig) am Postulat der Intersubjektivitätfesthalten kann. Das aber besagt nichts anderes, als daß die hier versuchte (bedingt) essentialistische Kritik an Rohracher zum Zwecke der Darstellung der (besonderen) Philosophie Steiners zugleich eine (abgrenzende) Auseinandersetzung mit der wissenschaftstheoretischen Position einschließt.
Helmut Kiene hat übrigens den grundlegend-umfänglichen Versuch unternommen, die Erkenntnistheorie Steiners den Wissenschaftstheorien nicht nur von Karl R. Popper, sondern auch von Rudolf Carnap, Thomas 5. Kuhn, Helmut Spinner und Paul Feyerabend entgegenzusetzen und so eine sozusagen aktuelle Standortbestimmung Steiners vorzunehmen. Der Akzent dieser Standortbestimmung liegt, dem Thema entsprechend, darauf, seine Philosophie als Wissenschaftstheorie besonderer Prägung, nämlich als eine 'essentiale' zu begreifen. Demgegenüber wird in dieser Arbeit, freilich in nuce, ein Akzent mehr in die Richtung gesetzt, daß Steiners Philosophie 'paradigmatisch' auf eine bestimmte Art der Konvergenz von 'Philosophie' und 'Psychologie' hinausläuft. Ein Akzent, von dem aus gesehen es übrigens auch nicht angebracht erscheint, die Philosophie Steiners so wie etwa Bernhard Kallert im Untertitel seiner aus dem Jahre 1941 stammenden Dissertation 'Die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners' als 'objektiven Idealismus' zu bezeichnen. Steiner ist zweifellos - auch nach gelegentlicher Selbstbetitelung - 'objektiver Idealist', doch kommt in dieser Bezeichnung das nicht mit Deutlichkeit zum Ausdruck, was der hier eingeschlagenen Sichtweise zufolge eben das philosophische Grundanliegen Steiners ist, nämlich - um es mit Worten Kallerts selbst zu sagen - "vom Denken zum Erleben des Denkens überzugehen" (Kallert, 1971, 39).
Das, was sichtbar wird, ist vielmehr ein bloß äußerliches Nebeneinanderstellen von Forschungsresultaten der Einzeldisziplinen, wobei es so ist, daß Rohracher bei der Auswahl bzw. Interpretation dieser Resultate ganz offensichtlich 'reduktionistisch' in dem Sinne vorgeht, daß er das 'Psychische' stets vom 'Organischen' und das 'Organische' stets vom 'Anorganischen' her versteht. Dies entspricht natürlich ganz seiner Grundauffassung, wonach das 'Anorganische', also der Bereich des Atomar-Materiellen, zwar nicht direkt erkennbar, aber das einzig Wirkliche bzw. Absolute ist, demgegenüber alles andere Seiende lediglich den Charakter einer relativen Wirklichkeit, deren Relativität wir aber nur erschließen können, trägt.
Daß Rohracher tatsächlich eine sozusagen 'verkürzte Ontologie' vertritt und darin auch der Grund dafür liegt, warum seine 'subjektivistische' Auffassung der Farben unhaltbar ist, soll nun zum Schluß unserer Auseinandersetzung mit diesem Autor nochmals dadurch verdeutlicht werden, daß seine Psychologie - was die Grundkonzeption betrifft - mit der von Aristoteles verglichen wird.
Wie einleitend hervorgehoben, charakterisiert Rohracher seine Psychologie zwar als eine solche, die im 'bewußten Erleben' den eigentlichen Gegenstand psychologischer Forschung sieht, betont aber zugleich, daß sie als eine explizit naturwissenschaftlich orientierte Forschungsrichtung mit 'Geist' oder Ähnlichem nichts zu tun hat; 'Geist' bzw. 'geistig' wäre nämlich - begrifflich gesehen - noch viel unklarer als 'Seele' respect. 'seelisch' und könne so wie letzteres allenfalls als sprachliches Synonym für eben das 'bewußte Erleben' angesehen werden. Genau das habe jedenfalls die geisteswissenschaftlich betriebene Psychologie seit Dilthey unberücksichtigt gelassen bzw. habe sie selbst - das Beispiel Sprangers zeige es - zu dieser begrifflichen Verwirrung beigetragen; so beinhalte Sprangers Satz "Ich fordere das Wort Psychologie für die Wissenschaft vom sinnerfüllten Leben zurück" (Rohracher,1963,94) insofern eine überflüssige Forderung, als alles Psychische als eine Lebenserscheinung ohnehin am Sinn des Lebens teilhat.
Damit ist - ohne hier Spranger selbst, der offensichtlich aber auch noch der (vom hier eingenommenen Standpunkt aus) irrigen Diltheyschen Dichotomie von Erklären und Verstehen anhängt, näher in Diskussion ziehen zu wollen - der Punkt angesprochen, der die Differenz Rohracher-Aristoteles markiert.
Für Aristoteles ist nämlich das, was Rohracher hier meint, nur ein Teilaspekt des Seelischen, nämlich das Vegetativ-Seelische, also dasjenige, was der Mensch mit allem gemeinsam hat, das lebt; daneben habe er aber - so wie auch die Tiere - noch die Sinnesseele und als das Spezifische, die Denkseele. Das aber heißt nichts anderes, als daß Rohracher - gemessen an Aristoteles - nicht nur die von ihm auch so deklarierte Reduktion des Seelischen auf das Organische betreibt, sondern daß er - insofern er beim 'bewußten Erleben' als dem eigentlich Seelischen ansetzt - auch das außer Acht läßt, was Aristoteles mit Denkseele meint. Daß Rohracher selbst freilich ein ganz anderes Aristoteles-Bild hat, bestätigt dabei nur diese Feststellung, da auch dieses Bild von seinem 'Biologismus' geprägt ist.
Rohracher vermeint nämlich, daß Aristoteles in seiner Schrift 'Über die Seele' vor allem zu zeigen versuchte, "daß die Entwicklung des lebendigen Organismus die Annahme einer im Körper wirkenden Kraft notwendig mache, die diese Erscheinung hervorbringt und so zweckmäßig reguliert, daß daraus der lebendige, funktionsfähige Organismus" (Rohracher,1963,3) entsteht. Dieses "angenommene, das Geschehen im Sinne der Lebenserhaltung steuernde energetische Prinzip" (Rohracher,1963,3) wäre jedenfalls genau das, was Aristoteles als Seele bezeichnet. Nun ist es natürlich keinesfalls so, daß Rohrachers 'Biologismus' mit dem konvergiert, was Aristoteles unter vegetativer Seele versteht. Während nämlich bei Aristoteles das Vegetativ-Seelische bzw. Organische ontisch einen eigenen Status besitzt, ist dies bei Rohracher deshalb nicht der Fall, weil auch das Organische - wie vorhin angesprochen - stets unter der Perspektive seines Zustandegekommenseins aus dem Anorganisch-Materiellen gesehen wird. Rohrachers 'Biologismus' ist also - wenn man so will - gar kein echter 'Biologismus', sondern, denkt man an den Ausdruck 'biogenetisch', sozusagen einer nur dem Namen nach. Berücksichtigt man das, dann zeigt sich, daß Rohracher bei der Erklärung des Seelischen geradezu vom Gegenteil dessen ausgeht wie Aristoteles. Während nämlich Aristoteles mit der Denkseele von dem dem Menschen spezifischen Vermögen ausgeht, das Geistige zu erfassen, geht Rohracher gemäß der beschriebenen 'doppelten Reduktion' - übrigens ganz im Sinne Demokrits - von einem atomar verstandenen Materiellen aus.
Daß die Annahme eines solchen (sinnes-)qualitätslosen atomaren 'An-sich-Bereiches' nichts anderes als eine Hypostasierung des 'normal Sinnlichen' ist, wurde schon gesagt. Was die Kehrseite dieser Grundposition, also das Negieren von (so etwas wie) der Denkseele betrifft, so ist darin - und das wird in der Auseinandersetzung mit der Erlebnisphilosophie Rudolf Steiners vom Grundsätzlichen her weiterzuverfolgen sein - der Hauptgrund dafür zu suchen, daß eine 'Farbentheorie' wie die Rohrachers inadäquat ist. Negieren der Denkseele besagt nämlich nichts anderes, als daß die Frage des Erkenntnisgewinns ausgeblendet wird.
Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß Rohracher tatsächlich um das Erkennen von etwas herumkommt. Im Gegenteil: gerade die Biogenetische Hypothese des Psychischen sowie die darauf aufbauende Zustandekommenstheorie der Farben sind ebenso wie die 'genetisch' konzipierte Wahrnehmungslehre von einem (verstehenden) Vorwissen dessen abhängig ist, was es (dann nur mehr explikativ) zu erklären gilt. Nur wenn man - wie schon mehrmals betont - ohnehin schon versteht, was die Dinge,. das Organische, das Seelische und die Farben sind, kann man nach ihrem Zustandekommen fragen.
Außerdem ist natürlich auch das, woraus etwas entsteht, selbst, wenn es sich - was eine streng 'genetische' Betrachtungsweise ja in sich trägt - um einen Regreß ad infinitum handelt, ein solches 'etwas' bzw. 'was'. Jedenfalls aber ergibt sich aus dieser Widersprüchlichkeit der genetischen bzw. reduktiven Betrachtungsweise, daß sich gerade mit einer solchen Betrachtungsweise an der Selbständigkeit der eben aufgezählten Phänomene nicht rütteln läßt; eine Selbständigkeit, die, was z.B. das Seelische betrifft, eigentlich nur von einem potentiell Seelischen her verstanden werden kann. Andernfalls wäre nämlich das Seelische doch wiederum nur ein Seelisches im aktualitätstheoretischen Sinn also etwas, das - insofern eben keine Seele subsistiert - widersprüchlicherweise auf materiell-organsiche Vorgänge hin reduzibel wäre.
Im übrigen kommt Rohracher - das sei vollständigkeitshalber noch bemerkt - nicht nur nicht um den im Erkennen gegebenen Umgang mit einem begrifflichen 'Was herum, sondern er selbst ist es, der sich insofern auch explizit darauf beruft, als er im Zusammenhang mit der Kritik am 'behavioristisch' verstandenen Leistungsexperiment dahingehend argumentiert, daß die Versuchsperson - ehe sie sich entsprechend verhalten kann - eben schon den Sinn des Experiments verstanden haben muß. Was hingegen die 'Erfahrungsunabhängigkeit' des Gestaltfaktors betrifft - Rohracher sieht in ihm ja auch ein konstitutives Element der 'Wahrnehmung' -, so sei schon deshalb dahingestellt, ob dieser Faktor etwas mit dem (begrifflichen) Was zu tun hat, weil damit offenbar schon seit Ehrenfels erklärbar gemacht werden soll, warum trotz prinzipieller Richtigkeit der Reiz-Empfindungstheorie wir es in der Realität nicht mit Empfindungen zu tun haben, dieser Faktor also in Kontext mit dem 'washeitskonträren' Axiom steht, daß das Atomare die 'wahre' Wirklichkeit ist. Damit ist aber nochmals ausgesprochen - und damit soll auch unser Resümee zu Ende kommen -, wovon man gerade nicht ausgehen darf, wenn es um die Beantwortung der Frage 'was sind die Farben' geht; macht man sich nämlich - wie Rohracher es von jedem, "der Philosophie oder Psychologie studieren will", (Rohracher, 1963, 100), fordert - die Tatsache "zur Grundlage seines Denkens", (Rohracher, 1963, 100), daß es in der objektiven Wirklichkeit "nur Atome und Moleküle in verschiedener Anordnung und die von ihrer Bewegung ausgehenden Kräfte (und wahrscheinlich noch vielerlei andere Energieformen, von denen wir noch nichts wissen)" (Rohracher, 1963, 100), gibt, dann führt dies (wie dargelegt) zu zweierlei:
1.) (zu) einer ontologischen Abwertung der Farbe als sinnliches Phänomen und (damit zusammenhängend)
2.) (dazu), dieses sinnliche Phänomen auch als Erkenntnisgegenstand zu sisitieren.
Daß dies die Folge aber auch davon ist, wenn man eine Erlebnispsychologie nicht auf die Erfahrung des Denkens hin betreibt, wird im folgenden Kapitel mit der Konklusio zu zeigen sein, daß man den erlebnispsychologischen Anspruch nur erlebnisphilosophisch einlösen kann. Damit ist aber dann auch festgestellt, daß durch die Erlebnispsychologie Hubert Rohrachers die (Erlebnis-)philosophie Steiners nicht obsolet wird.