
OA.Dr.Sigrid Ramschak-Schwarzer
Medizinische Universitätsklinik Graz
Klinische Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin
Vorstand: Univ.Prof.Dr.G.Leb
Einführung
Knotenstrumen sind während der Schwangerschaft häufig zu beobachten.
Die Gründe dafür liegen einerseits im erhöhten Jodbedarf der
Schwangeren, andererseits kommt es aufgrund verschiedener Mechanismen leichter
zur Strumabildung. Auch sucht die Gravide in dieser speziellen Situation den
Arzt häufiger oder überhaupt erstmals auf, sodass eine Struma zwar
diagnostiziert wird, möglicherweise aber schon vor der Schwangerschaft
bestanden hat.
Generell erkranken Frauen zwei bis drei mal häufiger an Schilddrüsenkrebs
als Männer, für Österreich liegt derzeit die Gesamtinzidenz
bei ca.3-4 Personen /100 000. Da im Gegensatz zu den Männern der Erkrankungsgipfel
für Frauen zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr liegt, wird die Schwangerschaft
als eine auslösende Ursache bzw.als Risikofaktor des Schilddrüsenkarzinoms
diskutiert.
Die Durchforstung der Literatur zeigt, dassSchilddrüsenkarzinome in der
Schwangerschaft aber offenbar selten sind. Die ersten klinischen Untersuchungen
zu dieser Fragestellung sind aus den Jahren 1966 (Hill) und 1994 (Herzon)
bekannt. Untersucht wurden insgesamt knapp 200 Frauen mit behandeltem Schilddrüsenkarzinom,
die Kinder bekommen hatten. Eine retrospektive Analyse klinischer Daten in
bezug auf Rezidiv oder Progredienz des Schilddrüsenkarzinoms wurde durchgeführt.
Ein Zusammenhang zwischen Schilddrüsenkrebs und Schwangerschaft konnte
nicht bewiesen werden.
Hormonelle Faktoren und besonders das Östrogen werden als mögliche
Ursache einer erhöhten Inzidenzrate von Schilddrüsenkrebs in der
Schwangerschaft angeführt.1995 wurden erstmals Schilddrüsenoperationspräparate
von Frauen, die an Schilddrüsenkrebs erkrankt waren, immunhistochemisch
untersucht (Jaklic). In den Operationspräparaten konnten weder Östrogen-noch
Progesteronrezeptoren nachgewiesen werden. Diese Daten wurden 1997 von italienischen
Kollegen bestätigt.In der Schwangerschaft spielen Östrogen und Progesteron
eine zentrale Rolle. Mit der immunhistochemischen Untersuchung der Operationspräparate
hat sich gezeigt, dass wahrscheinlich beide Hormone nicht als Ursache für
die Ausbildung eines Schilddrüsenkrebses während der Schwangerschaft
gelten können.
Große epidemiologischen Studien zu diesem Thema kennen wir aus Norwegen.
1991 hat Kravdal zu diesem Thema eine Studie über 1,1 Millionen Frauen
veröffentlicht. Er hat errechnet, dass eine erhöhte Anzahl von Schwangerschaften
zu einem erhöhten Risiko an Schilddrüsenkrebs zu erkranken führt.
Entgegengesetzter Meinung ist Akslen. Er hat in Norwegen 1992 eine sogenannte
kontrollierte Kohortenstudie durchgeführt. Von 63090 Frauen waren 124
an Schilddrüsenkrebs erkrankt.Weder eine erhöhte Anzahl an Schwangerschaften
noch eine Schwangerschaft im höheren Alter hat zu einer Auswirkung auf
die Krebserkrankung geführt. Neueste epidemiologische Studien aus Skandinavien
(Kravdal 1995) finden keine direkten Zusammenhänge zwischen Schwangerschaft
und Schilddrüsenkarzinom, wohl aber mit dem Lebensstil! Der einzige gesicherte
Risikofaktor in bezug auf die maligne Struma generell ist nach wie vor die
während der Kindheit (z.B. wegen eines Hämangioms) durchgeführte
externe Bestrahlung im Halsbereich!
Wir unterscheiden verschiedene Typen des Schilddrüsenkrebses.Am häufigsten
sind sogenannte differenzierte Tumoren (follikuläre und papilläre
Schilddrüsenkarzinome), gefolgt von selteneren Tumoren mit anderen Eigenschaften.
In bezug auf die Fragestellung Schilddrüsenkrebs und Schwangerschaft
kennen wir die meisten klinischen Daten zu den papillären Tumoren.
Anamnese und klinische Untersuchung
sind sehr wichtig und haben auch therapeutische Konsequenz. Rasch wachsende Knoten und solche, die nicht von der Unterlage abzuheben oder abzugrenzen sind, sind auch bei sonst unauffälligen Befunden krebsverdächtig. Zu beachten sind in diesem Zusammenhang Risikofaktoren (siehe oben). In extrem seltenen Fällen kann es vererbbaren Schilddrüsenkrebs im Rahmen eines sogenannten MEN-Syndromes geben.
Labor
Bei jedem Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen werden die Schilddrüsenhormone
bTSH, fT4 und fT3 aus dem Blut bestimmt. Schilddrüsenkarzinome zeigen
typischerweise normale Hormonspiegel im Blut, d.h. eine normale Schilddrüsenfunktion.Über-
oder Unterfunktionen im Zusammenhang mit Schilddrüsenkrebs sind möglich
aber selten.Wie bei anderen Krebserkrankungen auch können wir sogenannte
"Tumormarker" ebenfalls aus dem Blut bestimmen, wie z.B. das Thyreoglobulin.
Die Interpretation des Wertes als Tumormarker ist nur in bestimmten Fällen
wirklich richtig und sollte dem Spezialisten vorbehalten bleiben (große
Knotenstrumen können z.B. einen erhöhten Thyreoglobulinspiegel im
Blut verursachen ohne bösartig zu sein)!
Bei unklarer Vergrößerung der Halslymphknoten müssen auch
andere Erkrankungen in Betracht gezogen werden und ist zur differentialdiagnostischen
Abgrenzung die Bestimmung des Virusstatus, des Blutbildes und eine allgemein
internistische Untersuchung hilfreich.
Sonographie und Feinnadelbiopsie (Zytologie)
Die Schilddrüsenultraschalluntersuchung stellt neben der Bestimmung
der Schilddrüsenhormonwerte die Standarduntersuchung für Schilddrüsenerkrankungen
dar, ebenso und besonders in der Schwangerschaft!
Knotige Veränderungen und andere Schilddrüsenerkrankungen sind durch
die Ultraschalluntersuchung rasch, leicht und risikolos festzustellen. Eine
zusätzliche Untersuchung mit radioaktiven Substanzen (Schilddrüsenszintigraphie)
zwecks Beurteilung der Knotenfunktion ist in der Schwangerschaft streng verboten.
Finden sich in der Schilddrüse Knoten oder andere Erkrankungen, so wird
- ganz generell gesagt - eine Feinnadelpunktion durchgeführt werden.Diese
kann im allgemeinen ambulant und risikolos durchgeführt werden. Vorraussetzung
sind Einverständnis der Patientin (des Patienten), eine normale Blutgerinnung
und entsprechend keimfreies Vorgehen.
Prinzipiell kann jeder Knoten punktiert werden, immer punktiert werden sollte
aber bei rasch wachsenden Knoten, differentialdiagnostischen Problemen oder
Malignomverdacht. Die anschließende zytologische Untersuchung des Punktates
gibt in 80 bis 90 Prozent aller Fälle Hinweise über die Dignität
des Knotens.
Therapie
Prinzipiell muß bei Verdacht auf ein Schilddrüsenmalignom jedem
Patienten zur Operation geraten werden. Bei unklarem Punktionsergebnis muß
die Zusammenschau aller Befunde und vor allem das klinische Bild für
das weitere Vorgehen (Operation ja oder nein) richtungsweisend sein.
In der Schwangerschaft muß aufgrund der speziellen Situation das Vorgehen
entsprechend modifiziert und das weitere Vorgehen mit der werdenden Mutter,
dem Chirurgen und dem Narkosearzt natürlich genau erörtert werden.
Bei ausgeprägter klinischer Symptomatik bzw.rasch wachsendem Tumor oder
vitaler Indikation kann zu jedem Zeitpunkt operiert werden. Aufgrund der klinischen
Daten die wir kennen, kann bei differenzierten Tumoren die Operation auf einen
Zeitpunkt nach der Geburt verschoben werden.
In der Literatur wird ansonsten bei Notwendigkeit ein operatives Einschreiten
im zweiten Schwangerschaftstrimenon empfohlen (angeblich niedrigere Abortusrate).
Generell wird die Zahl nicht geburtshilflicher Eingriffe während der
Schwangerschaft mit 0,2 bis 2% angegeben, es muß also in der Schwangerschaft
nur selten operiert werden. Epidemiologisch ist keiner Anästhesietechnik
ein teratogener oder abortiver Effekt nachzuweisen. Die Abortusrate von Patientinnen
mit Operation ist zwar höher als jene ohne Eingriff, dies wird aber dem
Grundleiden oder der Art der operativen Technik zugeschrieben. So sind z.B.
Extremitäteneingriffe nicht mit einer höheren Abortusrate belastet,
Eingriffe am Abdomen weisen jedoch ein höheres Risiko auf.
Zusammenfassung
Derzeit gibt es keine exakten Richtlinien zur Betreuung Schwangerer mit malignitätsverdächtiger
Knotenstruma. Wir empfehlen die Durchführung einer Feinnadelbiopsie bei
neu diagnostizierten und/oder malignitätsverdächtigen Knoten. Bei
Verdacht auf Vorliegen eines differenzierten papillären Schilddrüsenkarzinoms
kann nach derzeitigem Wissen die Operation auf den raschest möglichen
Zeitpunkt nach der Geburt verlegt werden. Für andere Karzinomarten liegt
ausreichende Erfahrung nicht auf. Bei ausgeprägter Klinik oder vitaler
Indikation kann jederzeit operiert werden.
Schilddrüsenkarzinome in der Schwangerschaft sind sehr selten.
Die Schwangerschaft selbst scheint keinen Einfluss auf die Entwicklung oder
den Verlauf eines Schilddrüsenkarzinomes zu nehmen.
Literatur beim Verfasser
Erklärung der Fachwörter
Struma: Kropf
Die Gravide: die Schwangere
Schilddrüsenmalignom: Schilddrüsenkrebs
retrospektive Analyse: Befunde von Patienten werden nachträglich (rückschauend)
ausgearbeitet und statistisch verwertet
Rezidiv: neuerliches Auftreten der Erkrankung
Progredienz: Fortschreiten der Erkrankung
Inzidenz: Anzahl der Neuerkrankungen pro Jahr
immunhistochemische Untersuchung: spezielle Darstellungs/Untersuchungstechnik
von Zellen/Zellbestandteilen
Rezeptor: spezielle Struktureinrichtung einer Zell, dient als Empfangs-und
Aufnahmeeinrichtung und gibt entsprechende Signale weiter
epidemiologisch: bevölkerungsbezogen
kontrollierte Kohortenstudie: bevölkerungsbezogene Studie, bei der alle
untersuchten Personen ein gemeinsamed Merkmal haben
differenzierte Schilddrüsentumoren: Schilddrüsentumoren mit ganz
bestimmten Eigenschaften hinsichtlich Wachstum, Struktur, Funktion etc.
Hämangiom: sogenannter Blutschwamm
Anamnese: Krankengeschichte
MEN-Syndrom: seltene spezielle Erkrankung, bei der verschiedene hormonproduzierende
Organe betroffen sind
bTSH,fT3,fT4: Kurzwort für die im Blut bestimmbaren Schilddrüsenhormone
Überfunktion der Schilddrüse: die Schilddrüse produziert zuviel
Hormone
Unterfunktion der Schilddrüse: die Schilddrüse produziert zuwenig
Hormone
Tumormarker: Substanzen, die im Blut bestimmt werden können und auf eine
bestimmte Krebsart hinweisen
Thyreoglobulin: spezielles Eiweiß, das in der Schilddrüse gebildet
und gespeichert wird und im Blut vermessen werden kann
Differentialdiagnose: Zuordnung eines Beschwerdebildes zu einer bestimmten
Erkrankung
Schilddrüsenszintigraphie: Funktionsaufnahme der Schilddrüse mit
radioaktivem Technetium 99 oder Jod 123 (minimale Strahlenbelastung, in der
Schwangerschaft streng verboten)
Durchführung von Feinnadelbiopsie und Zytologie: die Haut über der
Schilddrüse wird mit einem Desinfektionsmittel keimarm gemacht. Anschließend
wird (mit sterilen Handschuhen), unter Ultraschallkontrolle mit einer feinen
Nadel durch die Haut in die Schilddrüse gestochen und mittels einer an
der Nadel aufsitzenden Spritze etwas Gewebe angesaugt, anschließend
auf Glasplättchen ausgestrichen, fixiert und gefärbt. Anschließend
können die Schilddrüsenzellen unter dem Mikroskop beurteilt werden.
Dignität: Wertigkeit eines Tumors, d.h. gutartig oder bösartig
vitale Indikation: eine Behandlung muß durchgeführt werden, um
das Leben zu erhalten
teratogene Wirkung: in der Schwangerschaft zu Kindesmißbildungen /Schädigungen
führend
abortive Wirkung: zum Abortus führend
Abdomen: Bauch, Bauchraum