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Lois Welzenbacher - Wie der geist den Tag überlebt 17-09-2000

Lois Welzenbacher war ein kalt-warmer Wirbelwind in der österreichischen Architektur. Viele seiner aussergewöhnlichen Häuser sind heute nur noch sterbliche Hüllen. Eine Privatinitiative will einem Welzenbacher-Hotel nun wieder Leben und Seele einhauchen, von Ute Woltron Standard vom 16./ 17.09.2000

 

An einem Februartag vor 80 Jahren schrieb der Architekt Lois Welzenbacher (1889 - 1955) in der Zeitschrift "Tiroler Hochland" Folgendes zum Thema "Bauen" nieder: "Wie jede andere Kunst ist auch die Architektur dem Zeitgeschmack, der gerade herrschenden Stilrichtung unterworfen. (...) Deshalb wird auch die Beurteilung früherer Baudenkmäler so erschwert, ja als eine streng objektive unmöglich, weil wir immer mit unseren Augen sehen, immer mit Vorurteilen an den Gegenstand der Betrachtung herantreten, die weniger in unserem eigenen Ich, als im Geist des Tages, in dem wir leben, begründet sind und deshalb von unserem Ich so schwer, ja fast unmöglich überwunden werden können."
Der Geist des Tages, in dem Welzenbacher lebte, blies überflüssigen Firlefanz aus den Architekturen, reinigte die Häuser von ihrer Kleinteiligkeit und hauchte ihnen Helligkeit und Grosszügigkeit ein.

 
 

Der Geist des Tages, in dem Welzenbachers Architekturen heute weiterexistieren, miachtelt nach Grundstücksspekulation, Marketingplänen und Profit. Die zeitgenössische Architektur muss ihre Segel schon taktisch sehr klug in diesen strammen Wind stellen, wenn sie nicht weggepustet werden will. Doch was passiert mit herausragenden Produkten vergangener Epochen, wer beschützt sie?

Mitten in Hall in Tirol steht beispielsweise ein Hotel, das der Architekt Lois Welzenbacher Anfang der 30er-Jahre gebaut hat. Die Stürme der Zeit sind nicht spurlos am Gebäude vorübergegangen, sie haben es tatsächlich dermassen hergebeutelt, dass von der ehemals klaren Architektur nur mehr ein trauriges, verstümmeltes Fragment übrig blieb. Mit vergleichsweise geringem Aufwand könnte man hier die Schäden grossteils wieder gut machen und Hall eines der wenigen Welzenbacherhäuser zurückgeben, die heute in Österreich stehen. Das wäre nicht nur schön anzuschauen, sondern brächte der Stadt die geeignete Herberge, die hier so dringend benötigt wird, dazu wahrscheinlich auch ein bisschen Architekturtourismus und die Anerkennung aller Architekturwissenden des Landes.

Das Vertrackte beim Bauen ist stets die Koordination von Wollen, Wissen und Können, denn viele wollen zwar und können nicht, und die anderen können zwar, aber wissen nicht. Das Resultat ist in jedem Fall jämmerlich. Was das Sporthotel Seeber in Hall anbelangt, hat sich nun eine Gruppe von Architekten formiert, die ihr Wissen um die Qualitäten des Baus und des dafür verantwortlichen Baumannes denjenigen zur Verfügung stellen, die das Gebäude retten könnten. Initiatoren sind die Architekten Feria Gharakhanzadeh, Inge Andritz und Bruno Sandbichler alias "gas architektur", aktiv mit dabei sind Arno Ritter vom Architekturforum Tirol, Jürg Meister von "nextroom", Otto Kapfinger sowie Kurt Zweifel vom Architektur Zentrum Wien und Oskar Obereder vom Internetprovider "silverserver".

Die Architekten lernten das völlig abgetakelte Hotel als Gäste kennen, und da sie als Bauleute mit der Gabe der Fantasie gesegnet sind, konnten sie sich einerseits ausmalen, wie schön das Haus seinerzeit gewesen sein musste, andererseits, wie leicht es nun endgültig zerstört werden könnte, und machten sich über die Geschichte des Hotels kundig. 1997 kaufte die Stadt Hall das angerostete Juwel aus Privatbesitz auf, wusste allerdings nicht so recht, was damit anzufangen sei. Eine internationale Hotelkette zeigte sich interessiert, blies die Sache aber später ab. Tourismusfachleute wurden eingeschaltet, erarbeiteten Studien, konnten dabei nicht einmal den Namen Welzenbachers buchstabieren, wussten also nicht um das architektonische Potenzial des Hauses. Schliesslich tauchte die Idee auf, Hall wieder zu einem Kurzentrum zu machen, samt Ärztehaus und unter Verwendung der heilkräftigen Wasser, die derweilen ungenutzt aus den ehemaligen Salzbergwerken sprudeln. Inmitten eines neuen Gesundheitskomplexes könnte auch das Hotel seine Wunden ausheilen und die Hauptattraktion der gesamten Anlage werden.


Die Welzenbacher-Initiative hat die Stadtväter über den tatsächlichen Wert ihrer Latifundie aufgeklärt, ihnen ist hoch anzurechnen, dass das nicht denkmalgeschützte Objekt überhaupt noch steht. Zurzeit ist man willig und guten Mutes, doch fehlt es am geeigneten Investor - zum Wissen und Wollen müsste sich jetzt sozusagen halt auch das Können gesellen. Die Initiative informiert weiterhin per Internet und Postkartenserie über den Stand der Dinge, plant eine kleine Welzenbacher-Ausstellung in Hall und hat auch bereits rund 600 Unterschriften wichtiger Architekturmenschen zur Rettung des Hotels gesammelt. "Man müsste natürlich einen Wettbewerb veranstalten", meint Sandbichler, der zu Recht in dem Projekt eine Chance nicht nur für das Objekt, sondern für die gesamte Stadt sieht. Welzenbacher selbst pflegte die Dinge sicherheitshalber stets aus allen erdenklichen Per spektiven zu studieren. Leute, die ihn noch gekannt haben, wie Friedrich Achleitner etwa, berichten, dass er sich gelegentlich mit gespreizten Beinen ärschlings vor seine Bauplätze hinpflockte, gebückt in Kniehöhe darauf zurückblickte und so die Landschaft gesamtheitlich in sein Architektenkoordinatensystem einspeiste. Der Architekt war eine Föhnsturmmischung aus Älpler und Grossstädter. Vor allem seine Einfamilienvillen, wie beispielsweise die Häuser Buchroithner und Heyrovsky in Zell am See, sind markante und faszinierende Architekturdokumente ihrer Zeit. Das Haus Buchroithner wurde erst im vergangenen Jahr unter Denkmalschutz gestellt, kurz bevor die Abbruchbirne losschwingen sollte. Dem privaten Sechs-Millionen-Schilling-Engagement des Zeller Eishockeypräsidenten Otto Wittschier (möge sein Puck nur so sausen) verdankt das Haus die Rettung, es wird nun restauriert und der Musikschule zur Verfügung gestellt. Welzenbacher selbst ist der wohl am schlechtesten dokumentierte unter den guten Architekten Österreichs. Er war der einzige heimische Baukünstler, der 1932 in der legendären New Yorker MoMa-Schau "The International Style" gezeigt wurde, später vermengte sich seine Modernität mit alpenländischen Typologien zu einer, wie Arno Ritter es nett ausdrückt, "stark affirmativen Ästhetik". Der "Geist des Tages" erfasste also auch Welzenbacher, und das lang vor 1938. Obwohl er zu Lebzeiten stets behauptete, 1942 unfreiwillig als Zwangsmitglied in die Reichskulturkammer eingemeindet worden zu sein, beweist sein Mitgliedsausweis das Gegenteil. Arno Ritter hat das Dokument aus Welzenbachers Archiv ausgegraben, es datiert mit 15.12.1933, ausgestellt in Berlin. Die wenigen Publikationen, die es über den schillernden Baumann je gab, sind allesamt vergriffen. Eine kritische Aufarbeitung seines Werkes und auch seines Lebens steht dringend an.

"Je stärker der Pulsschlag einer Zeit ist, umso stärker macht sich sein Pochen beim Schaffen geltend. Starke Individuen bilden starke Werke, gehen eigene Wege, drücken ihren Erzeugnissen unverkennbar den Stempel einer persönlichen Eigenart auf", schreibt der Architekt im anfangs zitierten Artikel. Nicht alle, aber doch die wichtigsten Werke starker Individuen sollten den Geist ihrer Tage überleben, das würde dem Geist unserer Zeit wohl gut anstehen.

http://www.welzenbacher.sil.at

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