| |
|
Der
Geist des Tages, in dem Welzenbachers Architekturen heute
weiterexistieren, miachtelt nach Grundstücksspekulation, Marketingplänen
und Profit. Die zeitgenössische Architektur muss ihre Segel schon
taktisch sehr klug in diesen strammen Wind stellen, wenn sie nicht
weggepustet werden will. Doch was passiert mit herausragenden Produkten
vergangener Epochen, wer beschützt sie?
Mitten in Hall in Tirol steht beispielsweise ein Hotel, das
der Architekt Lois Welzenbacher Anfang der 30er-Jahre gebaut hat. Die Stürme
der Zeit sind nicht spurlos am Gebäude vorübergegangen, sie haben es
tatsächlich dermassen hergebeutelt, dass von der ehemals klaren
Architektur nur mehr ein trauriges, verstümmeltes Fragment übrig blieb.
Mit vergleichsweise geringem Aufwand könnte man hier die Schäden grossteils
wieder gut machen und Hall eines der wenigen Welzenbacherhäuser zurückgeben,
die heute in Österreich stehen. Das wäre nicht nur schön anzuschauen,
sondern brächte der Stadt die geeignete Herberge, die hier so dringend
benötigt wird, dazu wahrscheinlich auch ein bisschen Architekturtourismus
und die Anerkennung aller Architekturwissenden des Landes.
Das Vertrackte beim Bauen ist stets die Koordination von
Wollen, Wissen und Können, denn viele wollen zwar und können nicht, und
die anderen können zwar, aber wissen nicht. Das Resultat ist in jedem
Fall jämmerlich. Was das Sporthotel Seeber in Hall anbelangt, hat sich
nun eine Gruppe von Architekten formiert, die ihr Wissen um die Qualitäten
des Baus und des dafür verantwortlichen Baumannes denjenigen zur Verfügung
stellen, die das Gebäude retten könnten. Initiatoren sind die
Architekten Feria Gharakhanzadeh, Inge Andritz und Bruno Sandbichler alias
"gas architektur", aktiv mit dabei sind Arno Ritter vom
Architekturforum Tirol, Jürg Meister von "nextroom", Otto
Kapfinger sowie Kurt Zweifel vom Architektur Zentrum Wien und Oskar
Obereder vom Internetprovider "silverserver".
Die Architekten lernten das völlig abgetakelte Hotel als Gäste kennen,
und da sie als Bauleute mit der Gabe der Fantasie gesegnet sind, konnten
sie sich einerseits ausmalen, wie schön das Haus seinerzeit gewesen sein
musste, andererseits, wie leicht es nun endgültig zerstört werden könnte,
und machten sich über die Geschichte des Hotels kundig. 1997 kaufte die
Stadt Hall das angerostete Juwel aus Privatbesitz auf, wusste allerdings
nicht so recht, was damit anzufangen sei. Eine internationale Hotelkette
zeigte sich interessiert, blies die Sache aber später ab.
Tourismusfachleute wurden eingeschaltet, erarbeiteten Studien, konnten
dabei nicht einmal den Namen Welzenbachers buchstabieren, wussten also
nicht um das architektonische Potenzial des Hauses. Schliesslich tauchte
die Idee auf, Hall wieder zu einem Kurzentrum zu machen, samt Ärztehaus
und unter Verwendung der heilkräftigen Wasser, die derweilen ungenutzt
aus den ehemaligen Salzbergwerken sprudeln. Inmitten eines neuen
Gesundheitskomplexes könnte auch das Hotel seine Wunden ausheilen und die
Hauptattraktion der gesamten Anlage werden.
Die Welzenbacher-Initiative
hat die Stadtväter über den tatsächlichen Wert ihrer Latifundie aufgeklärt,
ihnen ist hoch anzurechnen, dass das nicht denkmalgeschützte Objekt überhaupt
noch steht. Zurzeit ist man willig und guten Mutes, doch fehlt es am
geeigneten Investor - zum Wissen und Wollen müsste sich jetzt sozusagen
halt auch das Können gesellen. Die Initiative informiert weiterhin per
Internet und Postkartenserie über den Stand der Dinge, plant eine kleine
Welzenbacher-Ausstellung in Hall und hat auch bereits rund 600
Unterschriften wichtiger Architekturmenschen zur Rettung des Hotels
gesammelt. "Man müsste natürlich einen Wettbewerb
veranstalten", meint Sandbichler, der zu Recht in dem Projekt eine
Chance nicht nur für das Objekt, sondern für die gesamte Stadt sieht.
Welzenbacher selbst pflegte die Dinge sicherheitshalber stets aus allen
erdenklichen Per spektiven zu studieren. Leute, die ihn noch gekannt
haben, wie Friedrich Achleitner etwa, berichten, dass er sich gelegentlich
mit gespreizten Beinen ärschlings vor seine Bauplätze hinpflockte, gebückt
in Kniehöhe darauf zurückblickte und so die Landschaft gesamtheitlich in
sein Architektenkoordinatensystem einspeiste. Der Architekt war eine Föhnsturmmischung
aus Älpler und Grossstädter. Vor allem seine Einfamilienvillen, wie
beispielsweise die Häuser Buchroithner und Heyrovsky in Zell am See, sind
markante und faszinierende Architekturdokumente ihrer Zeit. Das Haus
Buchroithner wurde erst im vergangenen Jahr unter Denkmalschutz gestellt,
kurz bevor die Abbruchbirne losschwingen sollte. Dem privaten
Sechs-Millionen-Schilling-Engagement des Zeller Eishockeypräsidenten Otto
Wittschier (möge sein Puck nur so sausen) verdankt das Haus die Rettung,
es wird nun restauriert und der Musikschule zur Verfügung gestellt.
Welzenbacher selbst ist der wohl am schlechtesten dokumentierte unter den
guten Architekten Österreichs. Er war der einzige heimische Baukünstler,
der 1932 in der legendären New Yorker MoMa-Schau "The International
Style" gezeigt wurde, später vermengte sich seine Modernität mit
alpenländischen Typologien zu einer, wie Arno Ritter es nett ausdrückt,
"stark affirmativen Ästhetik". Der "Geist des Tages"
erfasste also auch Welzenbacher, und das lang vor 1938. Obwohl er zu
Lebzeiten stets behauptete, 1942 unfreiwillig als Zwangsmitglied in die
Reichskulturkammer eingemeindet worden zu sein, beweist sein
Mitgliedsausweis das Gegenteil. Arno Ritter hat das Dokument aus
Welzenbachers Archiv ausgegraben, es datiert mit 15.12.1933, ausgestellt
in Berlin. Die wenigen Publikationen, die es über den schillernden
Baumann je gab, sind allesamt vergriffen. Eine kritische Aufarbeitung
seines Werkes und auch seines Lebens steht dringend an.
"Je stärker der Pulsschlag einer Zeit ist, umso stärker
macht sich sein Pochen beim Schaffen geltend. Starke Individuen bilden
starke Werke, gehen eigene Wege, drücken ihren Erzeugnissen unverkennbar
den Stempel einer persönlichen Eigenart auf", schreibt der Architekt
im anfangs zitierten Artikel. Nicht alle, aber doch die wichtigsten Werke
starker Individuen sollten den Geist ihrer Tage überleben, das würde dem
Geist unserer Zeit wohl gut anstehen.
http://www.welzenbacher.sil.at |