|
Im
Gespräch
Im
Gespräch
Das
Leben freudig annehmen
Nicht
alles ist in seinem Leben so gelaufen, wie er es
sich gewünscht hätte und doch
strahlt er eine tiefe
Zufriedenheit und Gelassenheit aus. Mit Herrn Kurt
Böhm
aus Heidenreichstein, A. Böhm-Gasse 10,
sprach Peter Böhm.

Selten treffe ich den
jünger wirkenden
82-Jährigen in der Stadt,
aber ziemlich sicher kann
ich ihn am
Nachmittag
in seinem Elternhaus
oberhalb des Volksheimes
finden. Vorher aber
werde
ich gleich von seiner
Schwester Gerda in
den Teil des Hauses gebeten,
den
sie sich geschmackvoll
hergerichtet hat und wo sie mir
mit viel Freude ihre
Bilder
und künstlerischen Arbeiten
zeigt. Der Blick vom hübsch ausgebauten
Dachgeschoß auf die
Burg begeistert mich. Zurück im Hof zieht der seit über 300
Jahren plätschernde Brunnen den Blick an. Er bildet
die Lebensgrundlage des
1697 zum ersten Mal erwähnten
Bauernhofes, der seither von den Böhms
bewirtschaftet
wurde. Heute freilich schaut er verträumt auf das Treiben in der
Stadt, froh über die liebevolle Pflege durch die beiden noch lebenden Kinder.
Die Älteste, Frieda Immervoll, und der Drittgeborene Gottfried leben nicht
mehr.
Nun betrete ich hinter
dem Hausherrn die andere Haushälfte des Waldviertler Dreiseithofes und werde
von musealem Duft und vielen Trophäen und Tierpräparaten empfangen.
Langsam kommt das
Gespräch in Gang: „Meine Eltern waren Bauern, ich habe mit meiner Frau drei
Kinder; Eva, Nicoletta und Kurt-Markus. Ich habe Kaufmann gelernt bei meinem
Onkel Karl in der Eisenhandlung: Mein Traumberuf wäre aber etwas ganz anderes
gewesen, ich wollte Förster werden.
Während des Krieges konnte ich aber nur einen ländlichen Beruf lernen. Beim
Förster war die B-Matura vorgeschrieben, die ich wegen Platzmangels in
Waidhofen in Neubistritz machte, nach dem Krieg aber dann doch in Waidhofen
abschließen konnte. Da ich aber keine Stelle bekam, bot mir Onkel Karl an, bei
ihm anzufangen.“ Dabei blieb es dann und Kurt fand sich damit ab. „Ich setzte
dann alles aufs Geschäft, so blieb mir kaum Zeit für die Jägerei. Erst als ich
es mir leisten konnte, machte ich die Jagdprüfung.“
Damals entwickelte
sich auch seine Leidenschaft für das Präparieren. „Ich konnte einfach nichts
wegwerfen und so brachte ich es mir selber bei. Die ersten Präparate waren
nicht befriedigend, aber ich lernte ständig dazu. Ich wollte einfach die Tiere
der Nachwelt erhalten. Ich habe über 1100 Präparate, die sich bis heute
gehalten haben. Es ist ein Hobby, das ich nur im Winter ausübe.“ Die spürbare
Lebensfreude Herrn Böhms hat sicher auch mit seinen weiteren Hobbys zu tun:
„Ich habe 35 Jahre musiziert, habe in der Blaskapelle Trompete gespielt und in
mehreren Gruppen Unterhaltungsmusik gemacht. 15 Jahre war ich auch
Musiklehrer.“ Die musikalischen Voraussetzungen eignete sich Kurt in fünf
Jahren Unterricht auf der Geige an. Viele Kapellen der Umgebung hat er als 1.
Trompeter unterstützt. Heute aber spielt er längst nicht
mehr. „Als ich das Geschäft vom Onkel übernahm, legte ich das Instrument weg,
weil ich einfach nicht genug Zeit hatte. Ich hatte ja das Geschäft (neben der
Post, heute Bücherei und TUG) ausgebaut und 10 Angestellte. Mit dem Niedergang
der großen Betriebe in Heidenreichstein wurde es auch für das Geschäft, das ich
von 1965 bis 1982 führte, immer schwieriger.“
Dabei machte Herr Böhm
Erfahrungen, an die er sich gut, aber nicht gern erinnert. „Dann kam ich zur
Fa. Gabmann, meinem Schwiegersohn, und arbeitete zugleich auch bei der Fa.
Baumax.“ Nun zeigt er mir die Glocke, mit der jeden Tag zum Mittagstisch
gerufen wurde, wo sich dann 10 Personen einfanden, die mit Pachtgrund etwa 25
ha Grund bearbeiteten. Das Haus bedeutet ihm viel. „Es war in schlechtem
Zustand, ich habe frisch geputzt, so wie es früher war. Dann habe ich das Museum
(gemeint ist der Raum mit den Präparaten) begonnen und ein Stück nach dem
anderen aufgehängt, bis ich nicht mehr ausweißen konnte.“
„Ich erlebte eine sehr
schöne Jugendzeit, bei uns trafen sich viele Buben und spielten an Regentagen
im Stadel. Großvater sah das nicht gerne, weil er den Heustock mit der Sense
„frisierte“.
Als Jahrgang 1929
bekam er vom Krieg auch noch ein Stück ab. „Ich rückte im Jänner 1945, noch
nicht 17 Jahre alt, zum Arbeitsdienst ein und wurde nach 2 Monaten in die
Wehrmacht überstellt. Wir marschierten von Zwettl nach Freistadt. In Budweis
wurden wir entlassen, von dort versuchten wir, meist
in der Nacht, nach Hause zu kommen.“ Über viel Scheußliches, das er erleben
musste, schweigt er lieber. Kurt kam gut nach Hause. Bald ließ er sich dann mit
seiner Frau Ehrenfriede an der Waidhofener Straße ein Siedlungshaus bauen.
„Dabei habe ich viel gelernt. Das zweite Haus (oberhalb des Bauernhofes) baute
ich schon mit wenig Hilfe, außer beim Dachstuhl. Ich hob den Grund mit der Hand
aus, die Bauzeit betrug fünf Jahre.“
Daneben renovierte er
immer wieder liebevoll den Hof. Fleiß
ist sein Markenzeichen. Noch heute steht er täglich um 5:30 Uhr auf, fährt nach
Schrems, kümmert sich um vieles in der Firma, trifft sich dann mit den
Jägerfreunden am Stammtisch und kommt zu Mittag heim. Einen Mittagsschlaf kennt
er nicht, jetzt arbeitet er am Hof, betreut seine Hühner, Schafe, Tauben und
den Pfau. Liebt er am Vormittag die Gesellschaft, so schätzt er am Nachmittag
die Ruhe. Ein besonderer Wohlfühlplatz liegt vor dem Weinkeller, wo er am Abend
vor dem Heimgehen sitzt, sich vielleicht eine kleine Jause zubereitet und ein
Gläschen Wein trinkt, den Tag ausklingen lässt. Fernsehen gibt es kaum, gegen
22 Uhr geht es dann ins Bett.
Das Jahr 2008
bedeutete für Kurt einen groben Einschnitt. „Ich spürte es ja schon länger,
eigentlich hätte ich vor 30 Jahren schon gehen sollen. Ich schob es immer
wieder auf, nahm es nicht ernst. Eines Tages glaubte ich, ersticken zu müssen.
Dann bekam ich in St. Pölten eine Herzklappe und einen Bypass und verbrachte 4
(!) Monate im Krankenhaus. Langsam fing ich wieder an. Ich sollte nichts heben, aber das
geht nicht immer, ich soll ja doch rundherum alles in Ordnung halten.“
Neben dem Schnapsbrennen,
das er meisterlich beherrscht, frönt er auch noch der Jagd, der er sich am
Sonntag widmet. Die Freude am Leben ist bei allem Tun deutlich zu spüren. Auf
etwas im Leben stolz zu sein, weist Kurt zurück, seine Bescheidenheit
durchzieht das Gespräch wie ein roter Faden. „Die Freude am Leben muss wohl
jeder selbst lernen, ich bin immer ein pflichtbewusster Mensch gewesen, ich
sehe immer Arbeit. Jetzt werde ich auch schon müde. Schwer ist es, die Arbeit
zu sehen, sie aber selbst nicht mehr machen zu können.“ Trotzdem fühlt sich
Kurt auch mit 82 wohl, wenn es so bliebe, wäre er zufrieden. Ob er an Menschen
etwas unerträglich findet, verneint er, er sieht sich selbst als sehr
geduldigen Menschen und meint, Eigenschaften beider Elternteile zu haben. Sein
Vater starb mit 75, die Mutter mit 90 und die Großmutter mit 102 Jahren. Kurt
hat auch schon 4 Enkelkinder und ist seit 10 Jahren Urgroßvater.
Nun brennt mir noch
die Gretchenfrage auf der Zunge. „Ich bin ein Christ, ich gehe in die Kirche
und auf den Friedhof, aber lieber allein. Bei den großen Ereignissen muss ich
nicht dabei sein. Ich rede oft mit Gott.“ Kurt erschrickt auch nicht vor der
Frage nach dem Sterben. „Ich habe keine Angst, auch wenn es morgen ist.“
Noch lange
wird dieses Gespräch mit einem sympathischen, lebensklugen und freundlichen
Menschen nachwirken.
Möge sein Herz
viele Jahre stark schlagen zum Wohle seiner Familie und seines
„Beri-Böhm-Hofes“!
|