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Kirchenspatz

Ein paar Piepser
von Andrea Böhm
Seit Ende Jänner die ersten Missbrauchsfälle
aus Deutschland die Zeitungen
zu füllen begannen,
befindet sich die katholische Amtskirche in einer
veritablen Krise. Freilich nicht nur dort, sondern
auch in der evangelischen
Kirche und nicht
religiösen Internaten wurden plötzlich Missbrauchsfälle
aufgedeckt. Es scheint fast so, als wäre die Gesellschaft
erst jetzt dazu
bereit, wirklich hinzuschauen.
Das Ausmaß hat mich erschüttert. Ja, man wusste
von
Fällen in Irland und den USA und man wusste auch
von den
Entschädigungszahlungen, die geleistet wurden,
aber bei uns? Es war üblich,
diese „Einzelfälle“ gezielt zu
vertuschen und sich damit über das weltliche
Recht zu stellen.
Warum man das gemacht hat, ist klar: Man hat sich an das
Kirchenrecht gehalten und somit korrekt gehandelt –
nach dem eigenen
Verständnis. Es gab klare Anweisungen
und es gab keine Pflicht zur Anzeige bei
der Staatsanwaltschaft.
Das da draußen war die Welt, weniger perfekt als die
vollkommenere kirchliche Ordnung und Gemeinschaft.
Man hat die Täter nach
kirchlichem Recht zur Verantwortung
gezogen, aber man hat sie trotzdem
teilweise weiter mit
Kindern und Jugendlichen arbeiten lassen. Das ist völlig
verantwortungslos. Und ich frage mich: wo bleiben die Opfer?
Was hat man für
die Opfer getan und was kann man tun,
damit es überhaupt so etwas wie einen
Ausgleich geben kann?
Eine Missbrauchstat verjährt nach dem Gesetz,
aber das Opfer bleibt Opfer
und leidet ein Leben lang
an den Folgen! Was passiert ist, kann nicht
ungeschehen
gemacht werden, deshalb darf es auch nicht einfach
verjähren. Die Missachtung,
die Ignoranz, die dem
Opfer durch die Tat entgegengebracht wird, zerstört
so
unendlich viel in der Seele des Menschen, dass
es nicht verwundern kann, dass
die Zerstörung
nach der Tat vom Opfer selbst unbewusst weitergeführt wird.
Es
ist schon erstaunlich, dass so viele Menschen jetzt den
Mut und die Kraft
aufgebracht haben, über ihr Schicksal zu
sprechen.
Jemand, der sich in eine moralisch so übergeordnete
Position begibt, muss
sich auch an seinen hohen Ansprüchen
messen lassen und mit der vollen
Verantwortlichkeit rechnen.
Und deshalb ist es auch so tragisch: Vertrauen und
Glaube
wurden hier massiv missbraucht, die übergeordnete moralische
Position
ausgenutzt zum Schaden von Kindern! Ja, das ist nicht
schön, ganz und gar
nicht. Und alle Beteiligten müssen sich
dem stellen. Auch die, die weggeschaut
und vertuscht haben,
die Opfer wieder im Stich gelassen haben, die sie nicht
geschützt haben! Wie kann ein Mensch nach solchen
Erfahrungen noch vertrauen
und ein erfülltes,
glückliches Leben führen, wenn seine Seele so
verletzt und
sein Glaube an eine gerechte Welt
so nachhaltig zerstört wurde? Was also wird
für
die Opfer jetzt getan?
Euer Kirchenspatz
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