Franz Pascher, erschienen in: Österreich in Geschichte und Literatur, 10. Jg., 1966, Heft 10, , S. 539 ff.

 

 

 

 

Joseph Freiherr von Sperges auf Palenz und Reisdorf (1725-1791)

 

Der vorliegende Artikel 1) ist einem Polyhistor, Kunstfreund und hohen Ver­waltungsbeamten gewidmet, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts großen Einfluss in der Staatskanzlei und bei Hof besaß und als Präses der Akademie der bil­denden Künste in Wien (1783-1791) allgemeines Ansehen genoss. Er arbeitete sich aus kleinen Verhältnissen durch Intelligenz, Fleiß und Ausdauer in der Staatskanzlei empor und gewann das Vertrauen des Staatskanzlers Kaunitz, der ihm die Verwaltung der österreichischen Lombardei anvertraute. Sperges gehörte zum Kreis der "Großen in Wien" und war einer der markantesten Vertreter des früh -josefinischen Reform­katholizismus. Obwohl er nicht zu den ganz mächtigen Männern jener Tage gehörte, sondern hinter Kaunitz in der zweiten Reihe stand, hatte er doch als dessen vertrauter Berater größeren Einfluss, als man auf den ersten Blick annimmt. Wie hoch ihn seine Zeitgenossen einschätzten, bezeugen die zahlreichen Nachrufe und die ihm gewidmeten Artikel in den biographischen Sammelwerken der nächsten Generation 2) . Ein halbes Jahrhundert nach Sperges' Tod erschien die erste wissenschaftliche Biographie über ihn 3). Dann gerieten seine Verdienste - mit Ausnahme einer Würdigung im Bio­graphischen Lexikon von Wurzbach - mehr und mehr in Vergessenheit. Die neuere Forschung aber stieß immer wieder auf Spuren dieses bedeutenden Mannes, wodurch das Interesse an seiner Persönlichkeit wieder erwachte. Sowohl Historiker als auch Kunsthistoriker würdigten seine Verdienste 4). In neuerer Zeit widmete besonders Hans Lentze und zuletzt Kurt Haslinger Joseph von Sperges seine Aufmerksamkeit 5) .

 

Der Würdigung der Verdienste Sperges' um Wissenschaft und Kunst muss eine Dar­stellung seines Lebensweges und seiner politischen Laufbahn vorangehen.

Joseph von Sperges entstammte einer weit verzweigten Tiroler Beamtenfamilie und wurde am 31. Jänner 1725 als Sohn des oberösterreichischen Schatzregistrators (Archivars) Anton Dionys Spergser in Innsbruck geboren 6). Sein Vater wurde im Jahre 1732 mit dem Prädikat "von Spergs" in den Adelsstand erhoben 7). Joseph besuchte das Gymnasium in Innsbruck, das er als blendender Lateiner verließ 8), um an der Universität Inns­bruck mit außerordentlichem Erfolg die Rechte zu studieren. Daneben beschäftigte er sich mit Heimatkunde und sammelte Quellen zur Geschichte Tirols. Der Innsbrucker Geistliche und Gelehrte Martin Gabrielli und der Maler Johann Georg Daniel Gras­mayr beeinflussten und förderten den bildungshungrigen Studenten. Gegen Ende seiner Studienjahre gewann Joseph von Spergs Anschluss an die noch ganz junge Akademiebewegung in Innsbruck.

 

Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Studien suchte der junge Spergs den landes­- fürstlichen Dienst und wurde im Jahre 1748 zunächst ehrenamtlicher Sekretär des Stadt­hauptmannes von Trient. Im Jahr darauf bewarb er sich um den Lehrstuhl, der an der Universität Innsbruck durch die Berufung P. J. Rieggers nach Wien frei wurde. Unter zehn Bewerbern wurde er an die zweite Stelle gesetzt 9). Im August 1750 gelang es Spergs, eine bezahlte Stelle zu bekommen; er wurde Sekretär einer Kommission, die durch Verhandlungen in Rovereto die Grenzstreitigkeiten zwischen Tirol und Venedig beilegen sollte. Die Wintermonate verbrachte Spergs jeweils in Innsbruck, da die Kom­mission nur solange arbeiten konnte, als die Witterung Vermessungsarbeiten ge­stattete 10) .


Der Heimataufenthalt im Winter 1750/51 brachte eine für Spergs' Zukunft fol­genschwere Begegnung. Anton Theodor Thaulow von RosenthaI, der erste Archivar des neu gegründeten Hausarchivs in Wien, war im November nach Innsbruck gekom­men, um die dortige Schatzregistratur nach wertvollen Urkunden zu durchsuchen. Dabei bediente er sich der Hilfe des Schatzregistrators und seines Sohnes und war von den Kenntnissen des letzteren so beeindruckt, dass er seine Ernennung zum Haus­archivadjunkten durchsetzte 11) . Die Grenzkommission wollte jedoch auf ihren Sekre­tär nicht verzichten und erreichte, dass Joseph von Spergs erst nach Ende der Verhand­lungen nach Wien übersiedeln sollte. Erst im Jahre 1756 gelang es, den Grenzvertrag mit Venedig abzuschließen. Im gleichen Jahr übersiedelte Spergs nach Wien, um seine Stelle im Hausarchiv anzutreten.

 

Drei Jahre arbeitete Joseph von Spergs im Hausarchiv; er half mit, es zu ordnen und legte Inventare an. Als Belohnung für seine Leistung in der Grenzkommission wurde ihm ein erweitertes Adelsprädikat "von Spergs auf. Palenz und Reisdorf" zuge­standen 12) . Im Laufe seiner Tätigkeit lernte er Friedrich Binder von Krieg1stein ken­nen, den vertrauten Berater Kaunitz'. Als die Repräsentation in Innsbruck im Sommer 1759 versuchte, Joseph von Spergs als "Tyrolischen Repraesentationsrat" nach Inns­bruck zurückzuholen, kam Binder dieser Absicht zuvor und holte Spergs als Archivar in die Staatskanzlei.

 

In seiner neuen Stellung wurde Spergs ein Aufgabenbereich übertragen, der über die Geschäfte eines Archivars weit hinausging. Er musste sofort die Geschäfte des fehlen­den vierten Staatsoffizials erledigen, die in der Hauptsache darin bestanden, die Kon­zepte für die Vorträge des Staatskanzlers Kaunitz an die Kaiserin aus den Fachgebieten Archivwesen, historische Gutachten und Grenzangelegenheiten in Italien zu verfassen. Außerdem hatte er die gesamte italienische und lateinische Korrespondenz der Staats­kanzlei zu konzipieren, da er diese Sprachen perfekt beherrschte. Dazu gehörte be­sonders die Korrespondenz mit Rom, die bald große Bedeutung gewinnen sollte, und die Korrespondenz mit den italienischen Höfen. Da schrieb etwa der Hof von Modena bald an die Kaiserin, bald an den Erzherzog Ferdinand, bald an Kaunitz - die Ant­worten verfasste stets Spergs 13). Im Jahre 176 I wurde ihm zu alledem noch der Schriftverkehr mit Graubünden übertragen. Im gleichen Jahr betraute ihn Kaunitz auch noch mit der Zeitungszensur 14) .

 

Das Ende des Siebenjährigen Krieges brachte Spergs die Beförderung zum Hof­rat und Staatsoffizial der Staatskanzlei  15), dessen Amtspflichten er bereits seit vier Jahren erfüllte. Neu war für ihn eigentlich nur der Titel und das erhöhte Gehalt; an seinen Aufgaben änderte sich nichts, hingegen gewann er an Autorität und Selb­ständigkeit. Der erfolgreiche Beamte wurde von seinen Landsleuten am 25. Juli 1765 in die Tiroler Adelsmatrikel aufgenommen 16).

 

Die Karriere Joseph von Spergs' nahm neuerlich eine Wendung, als am 2. Mai 1766 der Leiter des italienischen Departements der Staatskanzlei, Don Luigi Giusti, starb. Die habsburgischen Besitzungen in Italien wurden seit 1757 von einer administra­tiven Unterabteilung der Staatskanzlei geleitet, dem "Dipartimento d'ltalia", dessen erster Leiter Giusti gewesen war 17). Kaunitz und Binder übertrugen dessen Nach­folge zunächst provisorisch, im September 1766 aber endgültig Joseph von Spergs 18). Als dieser an die Spitze des Dipartimento trat, änderte er den Italienern zuliebe seinen Familiennamen von Spergs auf Sperges und bediente sich ab diesem Zeitpunkt im offiziellen Schriftverkehr ausnahmslos dieser klangvolleren Namensform 19).

Die neue Würde brachte Sperges auch neue Lasten. Korrespondenz, Gutachten, Aufsätze und Vortragskonzepte über die Verwaltung der österreichischen Lombardei kamen jetzt zu seinen bisherigen Aufgaben hinzu, von denen er nur einige weniger wichtige abtreten durfte.

Äußerlich hatte Sperges nun den Gipfel seiner Amtskarriere erreicht; in Wirklichkeit begann jetzt erst sein Aufstieg aus dem Kreis der hohen Beamten der Staatskanzlei zum persönlich geschätzten Berater des Staatskanzlers. Zum entscheidenden Jahr im persönlichen Verhältnis Sperges' zu . Kaunitz wurde das Jahr 1768. Die Spannungen zwischen Rom und Wien hatten sich in den vorangegangenen Jahren immer mehr verschärft. Damit wurde aber der Mann, der die Korrespondenz mit Rom konzipierte, zu einer Schlüsselfigur - und dieser Mann war seit 1760 Sperges.

 

Sperges fühlte sich sein Leben lang als guter und gläubiger Katholik 20), war aber zugleich völlig durchdrungen vom Gedankengut der Aufklärung und ein Anhänger der reformkatholischen Richtung Muratoris. Den Primat des Staates in allen irdischen Belangen verfocht Sperges wohl auch aus Dankbarkeit gegen seinen Landesfürsten, dem er seine gesamte Karriere verdankte. So entsprach der Kurs, den Kaunitz in jenen Jahren Rom gegenüber angab, Sperges' eigenen Überzeugungen, und er bemühte sich nach Kräften, die Richtlinien des Staatskanzlers zur Geltung zu bringen. Kaunitz er­kannte auch bald, dass er in Sperges einen eifrigen, intelligenten und unbedingt loyalen Gehilfen zur Ausführung seiner Pläne gefunden hatte, und zog ihn immer mehr ins Vertrauen 21). Besonders gefördert wurde ihr persönliches Verhältnis durch die gemeinsamen künstlerischen Interessen. Kaunitz führte Sperges im Oktober 1768 in die Kupferstecherakademie als Ehrenmitglied ein und bediente sich seiner bald als Vertreter im akademischen Rat und als engstem Vertrauten in allen Kunstfragen 22).

 

Die Verwaltung der Lombardei lief in den ersten Amtsjahren Sperges' in den her­gebrachten Bahnen weiter, wobei der Einfluss des bevollmächtigten Ministers Carl Graf Firmian in Mailand zunächst noch überwog. Firmian hatte mit einer Gruppe jun­ger radikaler Aristokraten zu kämpfen, die sich um die Brüder Verri scharten und eine aufgeklärte Verwaltungsreform, besonders aber die Abschaffung der Steuerpacht forderten. Sperges versuchte zu vermitteln und korrespondierte mit beiden Par­teien 23). Im Jahre 1769 bereiste Kaiser Joseph 11. die Lombardei und besuchte auch die Toskana, wo sein Bruder die Steuerpacht eben abgeschafft hatte. Als der Kaiser nach Wien zurückkehrte, war er entschlossen, auch in der Lombardei die Steuerver­waltung neu - ordnen zu lassen. Bald stellte sich heraus, dass das nicht möglich war, ohne die gesamte Verwaltung zu reorganisieren. Zur Beratung einer solchen umfassen­den Reform berief Kaunitz sowohl Firmian als auch Pietro Verri 1771 nach Wien. Den Vorsitz bei dieser Konferenz sollte Sperges führen. Um alle Rangfragen im voraus auszuschalten, ließ Kaunitz seinen Vertrauten zum Freiherrn ernennen 24).

 

Die Konferenz über die Verwaltungsreform verlief erfolgreich. Verri und Christiani wurden wichtige Arbeiten übertragen. Es kam schließlich ein Kompromiss zustande, der zwar die jungen Reformer ganz und gar nicht befriedigte, sich in der Folgezeit aber doch gut bewährte. Der persönliche Kontakt brachte Sperges Firmian näher als Verri; ein Verhältnis gegenseitiger Hochachtung ließ sie in den folgenden Jahren reibungslos zusammenarbeiten.

Neben den Beratungen über die Verwaltungsreform hatte Sperges gleichzeitig auch die Vorbereitungen für die Heirat Erzherzog Ferdinands mit Maria Beatrice von Modena zu überwachen. Das junge Paar sollte nach seiner Vermählung die Statthalter­schaft in Mailand antreten. Die Abreise des Erzherzogs wurde auf den 23. September 1771 festgelegt. Am Vortag stattete die Kaiserin ihren Dank an ihre treuen Diener ab: Joseph Freiherr von Sperges wurde mit dem Ritterkreuz des St.-Stephans-Ordens ausgezeichnet.

 

In der Folgezeit arbeitete das oft zitierte "Dreigestirn" Kaunitz-Sperges-Firmian harmonisch zusammen. Eine glückliche Fügung hatte an die Spitze der Verwaltung der Lombardei drei Männer gleicher Bildung und gleichen kulturellen Interesses ge­stellt, die das Land nicht zentralistisch-bürokratisch "von oben her" verwalteten, son­dern, da sie dessen Kultur kannten und schätzten, alle' positiven Kräfte des Landes förderten. Es gelang ihnen dadurch, die besten Geister der Provinz in den Dienst des Staates zu stellen und ein "goldenes Zeitalter" der Lombardei heraufzuführen. Das wird auch in der italienischen Literatur heute gewürdigt 25).

Das letzte Jahrzehnt der Regierung Maria Theresias brachte den Gipfel von Sperges' politischer Laufbahn. Es gelang Kaunitz im Jahre 1772, seine Hof- und Staatskanzlei finanziell völlig unabhängig zu machen 26). Ausgestattet mit dem Vertrauen seines Vorgesetzten, konnte Sperges innerhalb seines Amtsbereichs selbständig arbeiten.

 

Seit der Vereinigung der Wiener Kunstschulen zur "Vereinigten Akademie der bildenden Künste" spielte Sperges dort als Vertreter des Staatskanzlers die führende Rolle im akademischen Rat. In Kunstfragen wandte sich selbst die Kaiserin an ihn um Rat, und Sperges durfte ihr seine Ansichten vortragen.

 

Nach dem Tode Maria Theresias wurde unter ihrem Sohn bald auch in der Verwal­tung der Lombardei ein neuer Wind spürbar. Bisher hatte Sperges unter der Ober­aufsicht des Staatskanzlers den Kurs bestimmt; jetzt wurde das italienische Departe­ment zu einem ausführenden Instrument herabgedrückt, da sich der Kaiser alle Ent­scheidungen vorbehielt. Sperges' Stellung hatte sich dadurch verschlechtert, obwohl sich nach außen hin nichts geändert hatte. So ging auch die grundlegende Verwaltungs­reform, die 1786 alle alten Verwaltungsinstitutionen in der Lombardei hinwegfegte, zur Gänze vom Kaiser aus. Der Anteil Sperges' beschränkte sich darauf, die Anord­nungen Josephs II., so gut es ging, den Gegebenheiten der Lombardei anzupassen. Nur in Personalfragen blieb ihm ein Rest der alten Unabhängigkeit erhalten, hier mischte sich Joseph II. kaum ein. Sperges bemühte sich zwar redlich, seine Pflichten auch unter ]oseph II. zu erfüllen - mit dem Herzen freilich war er nicht mehr dabei. Aus dem einstigen Reformer war bereits ein Konservativer geworden, dem die Neuerungssucht des Kaisers verderblich schien.

 

Ähnlich ging es ihm auch im Schriftverkehr mit Rom, den er noch immer konzipierte. So radikal, wie Joseph II. jetzt handelte, hatte Sperges nie gedacht. Auch außerhalb seines Amtsbereiches war Sperges kein Anhänger der Po­litik Josephs II. Bei aller Aufklärung hielt Sperges viel zuviel auf Tradition, als dass er den Reformen, die auf historische Gegebenheiten und liebgewordene Einrichtungen keine Rücksicht nahmen, Sympathie hätte entgegenbringen können 27).

 

Für die Ent­täuschungen im Amt wurde Joseph von Sperges aber reichlich entschädigt durch seine erfolgreiche Tätigkeit in der Wiener Kunstakademie, die ihn auf Wunsch des Staats­kanzlers 1783 zum Präses wählte. Gemeinsam mit Kaunitz gelang es ihm, den Reform­eifer des Kaisers von diesem Gebiet fernzuhalten und die Akademie großzügig zu fördern.

 

Der neuerliche Regierungswechsel nach dem Tode Josephs II. änderte zunächst nichts an den Amtspflichten Sperges'; im Jahre 1791 jedoch schritt Leopold II. an eine Neu­organisation des italienischen Departements der Staatskanzlei: Sperges sollte nicht mehr allein an dessen Spitze stehen, sondern den Vorsitz in einem fünfköpfigen Rat über­nehmen, der über alle Geschäfte entscheiden sollte. Sperges begrüßte diese Neuerung, denn er hoffte, dass ihm auf diese Weise ein Teil der bereits drückenden Last seines Amtes abgenommen werden würde 28). Es war ihm aber nicht mehr vergönnt, die ersehnte Entlastung zu genießen. Er starb am 26. Oktober 1791 nach kurzer Krankheit in seiner Wiener Wohnung, noch ehe der neu gebildete Rat seine erste Sitzung abhalten konnte.

 

Sperges' Ableben wurde in zahlreichen Nachrufen betrauert 29). Kaunitz berichtete über den Verlust seines vertrauten Mitarbeiters an den Kaiser: "Der Tod des wohlver­dienten Hofrats und Referenten des italienischen Departements, Freiherrn Sperges, hinterlässt im Personal des mir unterstellten Ministeriums eine Lücke, die nur sehr schwer durch die Auswahl eines Mannes zu schließen sein wird, der in sich alle die ausgezeichneten Qualitäten vereinigt, mit denen der verstorbene Rat begabt war; das waren Ehrenhaftigkeit, unermüdlicher Eifer im Staatsdienst, Schärfe des Geistes und ein ausgedehntes Wissen in allen Teilen der öffentlichen Verwaltung. Diesen Verlust kann man unersetzlich nennen, denn Sperges' Geschäfte bestanden nicht nur in der Leitung der Angelegenheiten der Lombardei, sondern umfassten auch die Amtskorre­spondenz mit Rom, Parma, Venedig, Genua und Graubünden" 30).

 

Das Wiener Grabdenkmal des Freiherrn von Sperges befindet sich im linken Seiten­schiff der Michaelerkirche und besteht aus einer grauen Granittafel, die nach dem letzten Willen des Verstorbenen eine lateinische Inschrift trägt, die er selbst entworfen hat. In seinem Testament setzte er Entschädigungen für die Herausgabe seiner latei­nischen Gedichte, seiner Korrespondenz und seines wissenschaftlichen Nachlasses aus und stiftete zwei Stipendien.

 

Wer in Joseph von Sperges nur den pflichteifrigen, erfolgreichen Verwaltungsbe­amten sieht, sieht nur den halben Menschen. Er war darüber hinaus ein hochbegabter, vielseitig interessierter und gebildeter Mann, der im kulturellen Leben seiner Heimat eine bedeutende Rolle spielte.

 

In jungen Jahren lag Sperges die Laufbahn eines Gelehrten viel näher als die eines Beamten. Als Sohn eines Archivars lernte er von Anfang an die Geschichte an Hand der Quellen kennen und gewann bald eine kritische Einstellung gegenüber der älteren Historiographie. Noch während der Studienzeit begann Sperges Quellen zu einer Ge­schichte Tirols im Mittelalter zu sammeln. Angeregt und gefördert wurde seine Tätig­keit von Anton Roschmann, einem verdienten Tiroler Historiographen, der im Inns­brucker Schatzarchiv als Adjunkt diente und zugleich die Seele der neugegründeten "Academia Taxania" war 31). Durch Roschmann wurde Sperges in diese Akademie eingeführt und erwarb sich durch sein Wissen Ansehen. Aber Sperges sollte bald noch tiefer in die junge Akademiebewegung geraten. Ab August 1750 arbeitete er bei der Grenzkommission in Rovereto. Dort bildete sich im gleichen Jahr eine kleine gelehrte Gesellschaft um Giuseppe Valeriano Vannetti, zu der Sperges bald Zugang gewann. Aus diesem Kreis ging 1753 die "Accademia degli Agiati" hervor, zu deren Mitglie­dern auch Sperges zählte. Er dürfte auch die Verbindung zu der Innsbrucker Akademie hergestellt haben, lebte er doch jeweils den Winter über in seiner Heimatstadt. Bald wurde auch Roschmann Mitglied der "Agiati". In Rovereto gewann Sperges Anschluß an den Kulturkreis der oberitalienischen Aufklärung, erwarb sich die Freundschaft der Historiker Tartarotti, Baroni und Cresseri und las die Schriften von Maffei und Mura­tori 32).

 

Aber auch mit der Gründungsgeschichte der Bayerischen Akademie ist Sperges' Name verknüpft. Er lernte im Jahre 1750 in Innsbruck Johann Georg Lori kennen und ver­mittelte wohl dessen Besuch in Rovereto bei Vannetti. Im Jahre 1754 besuchte dann Sperges Lori und Oefele in München. In langen Gesprächen wurden wertvolle Ver­bindungen zwischen der bayerischen und der österreichischen Akademiebewegung ge­knüpft. Nachdem die Gründung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1759 gelungen war, wurde Sperges noch im Gründungsjahr als Mitglied auf­genommen 33).

 

Wenn man die wissenschaftlichen Arbeiten Joseph von Sperges' betrachtet, muss man bedenken, dass er nur bis zu seiner Übersiedlung nach Wien (1756) Gelegenheit hatte, wissenschaftlich zu arbeiten; dann ließ ihm sein Amt keine Zeit mehr dazu. Obwohl er unter diesen Umständen nur eine Karte von Südtirol und eine "Tyrolische Bergwerksgeschichte" veröffentlichen konnte, hat das genügt, um ihm einen Platz in der Kulturgeschichte seiner Heimat zu sichern.

Während seiner Tätigkeit als Sekretär bei den Grenzverhandlungen in Rovereto merkte Sperges sehr bald, dass es an geeigneten Karten fehlte. Er entsch1oss sich deshalb, in seiner Freizeit das Land aufzunehmen. Es war dies ein schwieriges, mühseliges und in der damaligen Zeit nicht ungefährliches Unterfangen, da die Bevölkerung allen Landvermessern sehr misstrauisch gegenübertrat. Sperges konnte seine Karte trotzdem noch vor seiner Übersiedlung nach Wien fertig stellen. Er sandte sie zunächst zur Be­urteilung an Roschmann 34). In Wien wurde Sperges aufgefordert, seine Karte zu publizieren. Dazu musste er jedoch das ihm noch fehlende Gebiet der Sarntaler Alpen nachtragen lassen und beauftragte damit Peter Anich, der sich dieser Aufgabe mit Fleiß und Geschick entledigte. Durch ein befürwortendes Gutachten vermittelte ihm Sperges dafür im Jahr darauf den Auftrag zur Kartographierung ganz Tirols.

Sperges widmete seine Südtirolkarte dem Thronfolger Erzherzog Joseph. Sie erschien in Wien in vier Blättern zu je 53 X 47 cm im Jahre 1762 und ist bei perspektivischer Darstellung der Gebirge in einem Maßstab von 1 : 121.000 gehalten. Die Karte wurde 1908 noch ein zweites Mal aufgelegt und war zur Zeit ihres Erscheinens die beste Karte, die man von Südtirol hatte - also ein echter Fortschritt; sie wurde dann allerdings bald von der noch genaueren Arbeit Peter Anichs überholt.

 

Auch als Historiker konnte Sperges nur eine Arbeit abschließen und veröffentlichen, aber auch diese Arbeit war neu, fortschrittlich und gediegen: seine "Tyrolische Berg­werksgeschichte" 35).

Schon in seiner Jugend muß sich Sperges besonders für das Bergwesen seiner Hei­mat interessiert haben, denn er kannte fast alle Abbauorte aus eigener Anschauung. Vielleicht wurde sein Interesse durch Besuche bei seinen Großeltern mütterlicherseits in Schwaz geweckt. Als Sekretär in Trient sammelte er auch Material über den Bergbau Südtirols und stieß in den Archiven von Trient auf die ältesten damals bekannten Dokumente über den Bergbau. Zunächst sollte sein Buch den gesamten Bergbau Tirols, auch den Salzbergbau, behandeln. Nach seiner Übersiedlung nach Wien zögerte Sper­ges deswegen mit der Herausgabe; er hoffte immer noch, seine Stoffsammlung ergän­zen zu können. Als aber im Jahre 1764 das Buch Loris über den bayerischen Bergbau erschien, entschloss sich auch Sperges, zumindest den abgeschlossenen Teil seiner Arbeit über den Metallbergbau herauszugeben. Er hoffte, dass er ihm den Teil über den Salzbergbau als zweiten Band folgen werde lassen können, kam aber nie mehr dazu.

Die "Tyrolische Bergwerksgeschichte" ist übersichtlich aufgebaut. Einem kritischen Überblick über die spärliche Literatur folgt eine Einleitung über den Bergbau der Römer in Deutschland. Die Geschichte des Bergbaues in Tirol setzt mit den ältesten, von Sperges gefundenen Quellen im 12. Jahrhundert ein. Sperges gibt dann einen Überblick über die Mineralogie Tirols und erwägt die Entwicklungsaussichten dieses Wirtschaftszweiges. Im Anhang edierte er die wichtigsten Bergwerksordnungen sowie eine genau Beschreibung des Bergwerks in Schwaz, die heute zu einer ergiebigen Quelle über die Bergbautechnik jener Zeit geworden ist. Ein Register ist dem Buch angefügt.

Besondere Bedeutung kommt der "Bergwerksgeschichte" dadurch zu, dass sie eines der ersten Werke der quellenkritischen Historiographie in Tirol ist. Stets zitiert der Verfasser seine Quellen, verdeckt keine Lücken, zieht Urkunden, Inschriften und Über­reste heran und bedient sich auch der Ortsnamenkunde und der Numismatik. Sperges hatte sich die positiven Errungenschaften der Aufklärung, die Klarheit der Darstellung, die Freude am Wissen, die strenge Quellenkritik zu eigen gemacht, ohne die Liebe zur Tradition und zur Geschichte seiner Heimat zu verlieren. Seine "Tyrolische Berg­werksgeschichte" steht in der tirolischen Geschichtsliteratur des 18. Jahrhunderts neben den Arbeiten von Resch und Roschmann an erster Stelle 36).

 

Das Hauptwerk des Historikers Sperges blieb leider ungeschrieben: seine Geschichte Tirols mit Mittelalter. Zeit seines Lebens, seit seiner Jugend, sammelte Sperges dazu Material in allen ihm zugänglichen Archiven, schrieb Hunderte Urkunden ab, sammelte Inschriften und exzerpierte die deutsche und italienischen Literatur. Zur Auswertung des umfangreichen Materials ließ ihm sein Amt jedoch nie Zeit. In seinem Testament versuchte Sperges, wenigstens die Publikation seiner Sammlung zu sichern. Aber durch eine Verkettung widriger Umstände misslang auch dieser Versuch 37), nur seine lateinischen Jugendgedichte, ein Querschnitt seiner Korrespondenz mit italienischen Gelehrten und eine Auswahl von ihm verfasster Inschriften erschienen 38). Von seiner Materialsammlung und seinen Vorarbeiten zur Tiroler Geschichte ging viel verloren, der Rest kam ins Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und ist erhalten. Neben zahl­reichen Abschriften befinden sich bemerkenswerte Arbeiten darunter:

Ein "Lexicon geographicum Tirolense ad tempora meii aevi revocatum" ist ein alphabetisch geordnetes Lexikon der Ortsnamen Tirols mit allen Sperges untergekom­menen Lesearten in den verschiedenen mittelalterlichen Urkunden 39).

"Notabilia urbium, aliorumque locorum Tirolensium praesentim Epitaphia aliaeque Inscriptiones", eine umfangreiche Inschriftensammlung 40).

Fünf kleinere Arbeiten, die zu einem Band zusammengebunden sind, befassen sich mit der Kulturgeschichte Tirols und dem Leben berühmter Tiroler 41).

Die veröffentlichten Arbeiten und die Reste von Sperges' wissenschaftlichem Nach­lass in Innsbruck lassen keinen Zweifel, dass sich ihr Verfasser als fortschrittlicher und gewissenhafter Historiker noch einen Namen gemacht hätte, wäre er beim Fach ge­blieben. Seine Karriere in der Staatskanzlei verhinderte dies zwar, ermöglichte ihm aber andererseits, Kunst und Wissenschaft in der Lombardei großzügig zu fördern.

 

Der Leiter des "Dipartimento d'Italia" und persönliche Vertraute des Staatskanzlers hatte bei der Vergebung von Posten, Unterstützungen und Titeln in der österreichi­schen Lombardei ein entscheidendes Wort mitzureden. Meist entschieden seine Gut­achten über den Erfolg der nominell an Kaunitz gerichteten Gesuche. Bald sandten Künstler und Wissenschafter Sperges ihre Arbeiten zu. In seiner Amtszeit in Trient und Rovereto hatte Sperges selbst Zugang zur oberitalienischen Kultur gefunden, und er förderte ihre Vertreter nach Kräften. Mit fast allen bedeutenden Persönlichkeiten der oberitalienischen Aufklärung korrespondierte Sperges 42); mit Paolo Frisi, Aloys Cremani, Lazzaro Spallanzani und Johann Anton Scopoli 43) stand er in besonders engem Kontakt. Er förderte Cesare Beccaria, Gianrinaldo Carli und viele andere und berief die besten Gelehrten, die er finden konnte, an die Universität von Pavia 44), wodurch diese Universität wieder an Bedeutung gewann. Der sichtbare Erfolg von Sperges' Bemühungen trug ihm noch bei Lebzeiten den Ehrentitel eines Reformators und Verbesserers der Studien in der Lombardei ein 45).

 

Um das Bild dieser Persönlichkeit abzurunden, muss auch einiges über die Welt­anschauung, den Charakter und den Freundeskreis Sperges' gesagt werden.

Das Gymnasium in Innsbruck stand zur Zeit, als Sperges es besuchte, unter der Leitung der Jesuiten. Ihm verdankte Sperges eine sehr gründliche Ausbildung in Latein. Diese Vorbildung erleichterte Sperges den Zugang zur Antike, deren Geist und Ideale ihm besonders der Innsbrucker Geistliche Martin Gabrielli vermittelt haben dürfte. An der Antike gewann Sperges seine Maßstäbe und Vorbilder für Kunst, Wissen­schaft und Literatur. Zeit seines Lebens blieb Sperges ein begeisterter Neuhumanist und hielt engen Kontakt mit Gesinnungsgenossen. Dazu kamen bald die aus dem. Süden nach Tirol eindringenden Einflüsse der oberitalienischen Aufklärung, die bei ihm auf fruchtbaren Boden fielen. Der Aufklärer Sperges erhielt seinen letzten Schliff während seiner Dienstzeit in Trient und Rovereto. Die neuen Ideen verbanden sich bei ihm jedoch nahtlos mit dem alten Kulturerbe des Barock und mit seiner katholischen Religiosität, die ihm von Kindheit auf selbstverständlich war. Glaube und Vernunft schienen ihm nicht in unversöhnlichem Widerspruch zu stehen. Er kam zu der Über­zeugung, dass die Kirche einer Reform bedürfe, dass ihre Lehren der neuen Zeit angepasst und dem Staat im weltlichen Bereich viele Rechte zurückgegeben werden müssten. In den Schriften Muratoris fand er vieles ausgesprochen, was ihn bewegte, und er wurde ein eifriger Anhänger dieser Ideen.

Nach seiner Übersiedlung nach Wien fand er bald Zutritt zu dem anspruchsvollen Diskussionskreis um den Prälaten von St. Dorothea, in dem die Jansenisten den Ton angaben, wurde aber selbst nie ein dogmatischer Jansenist 46). Durch sein Amt in der Staatskanzlei hatte Sperges auch aktiven Anteil an der Kirchenpolitik. In den siebziger Jahren vertrat er mit Überzeu­gung und Begeisterung den von Kaunitz angegebenen Kurs und entwickelte auch eigene Initiativen. Der frühjosephinische Reformkatholizismus, den Sperges vertrat, wurde jedoch bald von der zunehmenden Radikalisierung der Kirchenpolitik überholt. Unter Joseph II. wurde so aus dem ehemaligen Reformer ein Gegner der kaiserlichen Reli­gionspolitik; vor allem die Klosterauflösungen verletzten Sperges' Rechtsempfinden.

 

Vom Staat hatte Sperges eine hohe Auffassung. Im Sinne der Aufklärung sah er dessen Hauptaufgabe darin, die Glückseligkeit der Untertanen zu sichern. Auch sein eigenes Amt betrachtete Sperges unter diesem Aspekt; er nahm seine Pflichten als Dienst am öffentlichen Wohl sehr ernst. Die hierarchische Ordnung im Staate schien ihm notwendig und zweckmäßig. Als echter Menschenfreund war Sperges hingegen auch dann ein geschworener Gegner des Krieges, wenn er angeblich den Interessen des eigenen Staates dienen sollte.

Sperges bezeichnete sich selbst gerne als einen "redlichen Tiroler", und dieser Selbst­charakterisierung ist nicht viel hinzuzufügen. Er war ein geradliniger, ehrlicher Mann, der trotz seiner Erfolge bescheiden blieb und kaum Feinde hatte.

 

Nach übereinstimmenden Berichten seiner Zeitgenossen liebte Sperges Geselligkeit und hatte viele Freunde. Eine eigene Familie freilich hat er nie gegründet. Dafür hing der Junggeselle sehr an seinen beiden Geschwistern, die beide den geistlichen Stand gewählt hatten. Sein Bruder Norbert war Prämonstratenser in Wilten und von 1778-1782 Abt dieses Stiftes, seine Schwester Maria Victoria Ursuline in Trient und wurde gleichfalls zur Oberin gewählt. Mit beiden stand Joseph von Sperges in herzlicher Korrespondenz. Sein Freundeskreis in Wien bestand anfangs aus Fachkol­legen und Geistesverwandten, wie den beiden Professoren Karl Anton Martini und Johann Baptist de Caspari, dem Bibliothekar Colar und Cassian Roschmann, dem Sohn des Innsbrucker Freundes. Bald gewann Sperges auch die Freundschaft des Propstes Ignaz Müller. Dem Baron Sperges und Vertrauten des Staatskanzlers standen später die besten Häuser offen, und bekannte Persönlichkeiten zählten zu seinen Freunden.

Dabei fällt auf, dass sie aus sehr verschiedenen Lagern kamen. Sowohl der radikale Jansenist Marc Anton Wittola als auch sein grimmiger Gegenspieler, der Wiener Erzbischof Migazzi, zählten zu Sperges' Freunden, wie auch der bedeutende Dichter Michael Denis. Es ist im Grunde auch gar nicht verwunderlich, dass sich Sperges keiner der streitenden Parteien anschloss, denn er stand ja auch weltanschaulich mit seinem gemäßigten Reformkatholizismus zwischen den Fronten.

Sperges dürfte ein idealer Untergebener und milder Vorgesetzter gewesen sein. 32 Jahre arbeitete er unter Kaunitz zu dessen vollster Zufriedenheit. Mit den Jahren wurde der Ton, in dem Kaunitz mit ihm verkehrte, immer wärmer, in den letzten Jahren sogar ausgesprochen herzlich. Kaunitz war in allen Fragen der "Subordination" sehr empfindlich. Trotzdem verzichtete Sperges nicht auf eigene Ideen. Er war jedoch geschickt genug, diese entweder Kaunitz selbst zuzuschreiben oder dem "überlegenen Urteil" des Staatskanzlers vorzulegen. Dies fiel Sperges umso leichter, da er echte Hochachtung vor Kaunitz hatte und sich bewusst war, dass er unter einem Großen seiner Zeit diente.

In der Öffentlichkeit genoss Sperges den Ruf eines großen Kunstfreundes und hilf­reichen Wohltäters. Er hatte ein gutes Herz und setzte sich für alle Hilfebedürftigen ein, was ihm eine wahre Flut von Bittschriften eintrug. Meist waren es Witwen und Stellenwerber, die seine Hilfe suchten; besonders viele Gesuche kamen aus der Lom­bardei.

Die Nekrologschreiber billigten Joseph von Sperges bedenkenlos ewiges Andenken zu - sie haben aber damit nicht recht behalten. Zweifellos aber war er eine bedeutende Persönlichkeit seiner Zeit. Er gehörte zu den Wegbereitern der Aufklärung in Öster­reich und ist als ein Repräsentant eines Frühjosephinismus anzusehen, dem noch eine harmonische Verbindung des alten Kulturerbes mit den neuen Ideen gelang und in dem die wertvollen humanistischen Aspekte überwogen.

Als Politiker ist er durch seinen großen Vorgesetzten völlig verdeckt worden. Bei näherem Zusehen merkt man aber, dass er nicht geringen Anteil an der Größe des Staatskanzlers hatte. An der europäischen Politik freilich hatte er keinen Anteil; um so größeren dafür am Aufstieg der Lombardei, die unter seiner Verwaltung aufblühte.

Als Wissenschafter hat Joseph von Sperges die verdiente Anerkennung in Fach­kreisen gefunden 47).

 

Sperges und die Kunst

 

Um die Entwicklung der Künste in der Habsburgermonarchie aber hat sich Sperges die größten Verdienste erworben 48). Ein detaillierter Artikel zu diesem Bereich seines Wirkens findet sich hier.

Das Aufblühen der Akademie der bildenden Künste ist vor allem seiner fachmännischen Führung zu danken. Er hat dem Klassizis­mus in Wien den Weg bereitet, indem er sich für die Berufung von Vertretern dieser Kunstrichtung an die Akademie einsetzte. Als Kunstberater des allmächtigen Staats­kanzlers Kaunitz besaß er unbegrenzten Einfluss in allen Fragen der Kunst. Nach dem Urteil eines Fachmannes war Joseph von Sperges "ein Mann von seltener Intelligenz, Menschenkenntnis und Feinfühligkeit des künstlerischen Urteils, seine in glänzend stilisierten Berichten niedergelegten Wertungen zeitgenössischer künstlerischer Erschei­nungen sind in ganz erstaunlichem Maße von der Nachwelt bestätigt

worden" 49).

 

 

Abkürzungsverzeichnis:

 

A. Va. - Allgemeines Verwaltungsarchiv, Wien.

Dip.    - Sammlung Dipauliania im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck.

H. H. Sta. - Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien.

V. d. Stk. - Vorträge der Staatskanzlei.

 

 

Anmerkungen:

 

1) Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung meiner von Prof. Zöllner angeregten und be­treuten Dissertation "Joseph Freiherr von Sperges auf Palenz und Reisdorf 1725-1791", Diss. Wien 1965 (Im folgenden zitiert: Sperges, a. a. 0.), wo der Interessierte nähere Details und Sekundärliteratur findet.

2) Schon zu Lebzeiten fand er Aufnahme in biographische Sammelwerke: Ignaz de Luca, Das gelehrte Osterreich, Bd. I/z, Wien 1778, S. 183; Osterreichische Biedermanns-Chronik, Freiheitsburg 1784, S. 228; H. W. Beris, Wiener Autoren, Preßburg 1784.

Die Nekrologe vgl. Anm. 29.

Michael Denis widmete ihm ein lateinisches Gedicht: "Ad tumulum iIlustris viri Josephi Spergesii Palentini", in: Sperges Joseph, Centuria Literarum ad !talos cum appendice III. decadum ad varios carmina iuvenilia inscriptiones, hrsg. v. Andreas Cremes, Wien 1793, S. XVIII. Biographische Artikel in: Tiroler Almanach für 1805, Wien 1805, S 175 ff.; Vater­ländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat, Wien 1808, I. Jg., S. 157 ff.; Gräffer und Czikann, Österreichische National-EncycIopädie, Wien 1837, Bd. 5, S. 101; Hormayr Joseph, Österreichischer Plutarch, Bd. 16, Wien 1809, S. 157; Lemmen I., Tiroler Künstler-Lexikon, Innsbruck 1830, S. 236.

3) Dipauli Andreas, Der Freiherr Joseph von Sperges, in: Neue Zeitschrift des Ferdinan­deums, Bd. 3, Innsbruck 1837, S. I ff.

4) VgI.: Burg Hermann, Der Bildhauer Franz Anton Zauner und seine Zeit, Wien 1915, S. 23; Trapp Oswald, Maria Theresia und Tirol, Ausstellungskatalog, Innsbruck 1958, S. 28; Wandruszka Adam, Osterreich und Italien im 18. Jahrhundert, Osterreich-Archiv, Wien 1963, S. 65 ff.; Benedikt Heinrich, Kaiseradler über dem Apennin, Wien 1964, S. 80 f.

5) Mehrere einzeln erschienene Artikel jetzt gesammelt in: Lentze Hans, Studia Wiltinensia, Innsbruck 1964. Haslinger, Kurt, Die Akademie der bildenden Künste in Wien im 18. Jahrhundert – Reformen unter Kaunitz, Diplomarbeit Uni-Wien, 2008, S. 56 ff.  

6) Eintragung in der Taufmatrikel der Pfarre St. Jakob: ,,31. 1. 1725, Spergser Joseph Anton (Maria), Eltern Anton Dionysius, Sekretär, Anna AdeIheid Speckerin."

7) VgI.: A. Va., Adelsakten.

8) Vierzehnjährig verfasste er ein umfangreiches lateinisches Huldigungsgedicht, vgI. Sperges, a. a. 0., S. 3; zwei Jahre später folgte ein noch längeres auf die Geburt Erzherzog Josephs, das auch im Druck erschien. VgI. ebd., S. 4.

9) VgI. Sperges, a. a. 0., S. 7 ff. Nur seiner Jugend wegen erhielt er die Stelle nicht ..

10) Original Diarium 1750, Tiroler Landesregierungsarchiv, Grenzakten, Ältere Serie,

Fasz. 115.

11) H. H. Sta., Kurrentakten, 6. Oktober 1751.

12) Am 10. Dezember 1757. VgI.: A. Va., Adelsakten.

13) H. H. Sta., Modena, Fasz. I.

14) VgI.: H. H. Sta., V. d. Stk., Fasz. 88, 9. Juli 1761.

15) H. H. Sta., V. d. Stk., Fasz. 92, 25. Juni 1763.

16) Auskunft der Tiroler Matrikel-Stiftung, Innsbruck.

17) VgI. dazu Wandruszka, a. a. 0., S. 47 f.; Benedikt, a. a. 0., S. 29 ff.; Mayr Joseph Karl, Das Dipartimento d'ltalia, in: Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs, hrsg. v. Bittner Ludwig; Inventare österreichischer staatlicher Archive, V/7, S. 63; Sperges, a. a. 0.,

S. 32 ff.

18) H. H. Sta., V. d. Stk., Fasz. 97, 2. Mai 1766 und ebd., Fasz. 98, 28. September 1766.

19) Zur Problematik der Namensschreibung vlg.: Sperges, a. a. 0., S. 34 ff.

20) Er gab 1749 in Trient ein lateinisches Gebetbuch heraus: J. A. Sp., Via crucis sententiis ex S. Scriptura provocandos pie meditantium affectus iIIustrata, Tridenti 1749.

21) VgI. Sperges, a. a. 0., S. 41 ff.

22) Sperges' Verhältnis zur Kunst und die große Rolle, die er im Kunstleben der Zeit spielte, kann hier nur angedeutet werden und ist im Kapitel "Sperges und die Kunst" meiner Dissertation ausführlich behandelt. Dieses erscheint umgearbeitet unter dem Titel "Joseph Freiherr von Sperges, Liebhaber, Förderer und Verwalter der Künste unter Maria Theresia und ihren Söhnen" in: Mitteilungen der österreichischen Galerie, Jg. 1967.

Haslinger, Kurt, Die Akademie der bildenden Künste in Wien im 18. Jahrhundert – Reformen unter Kaunitz, Diplomarbeit Uni-Wien, 2008, S. 56 ff.

23) VgI. Sperges, a. a. 0., S. 48 ff.

24) Am 1. Juni 1771, vgI. Sperges, a. a. 0., S. 58.

25) Über die Bedeutung Sperges' innerhalb dieses "Dreigestirns" vgI. Sperges, a. a. 0., S. 64 ff. 26) Die Gehälter wurden aus den Geldern bezahlt, die die von der Staatskanzlei verwal­teten Gebiete (die Lombardei und die Niederlande) einbrachten. VgI. Sperges, a. a. 0., S. 67.

27) VgI. dazu besonders: Lentze Hans, Joseph von Spergs und der Josephinismus, in: Ders., Studia Wiltinensia; auch Sperges, a. a. 0., S. 82 ff.

28) VgI.: Sperges, a. a. 0., S. 85.

29) Nekrologe bei: Schlichtegroll Friedrich, Nekrolog auf das Jahr 1791, Gotha 1793, S. 113 f.; Meusel Johann G., Lexikon der vom Jahr 1750-1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, Bd. 13, Leipzig 1813, S. 223 f.; Wittola Marc Anton, Biographie, in: Neueste Beiträge zur

Religionslehre und Kirchengeschichte, 2. Jg., 1791, S. 837 ff.; Wienerisches Diarium, 29. Ok­tober 1791, S. 2778.

30) Der italienische Originaltext in: Sperges, a. a. 0., S. 88, Anm. 1 und 2

31) Vgl. Graß Nikolaus, Die Innsbrucker Gelehrtenakademie des 18. Jahrhunderts und das Stift Wilten, in: Tiroler Heimatblätter, Jg. 23, S. 14; Hammermayer Ludwig, Gründungs- ­und Frühgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Münchner historische Stu­dien, Abt. bayerische Geschichte 4, Kallmünz 1959, S. 8.

32) Vgl. Sperges, a. a. 0., S. 93 ff.

33) Hammermayer, a. a. 0., S. 59 ff.

34) Dessen Fragen und die Antworten Sperges' sind erhalten, vgl. Sperges, a. a. 0., S. 100, Anm. 1

35) Joseph von Sperges, auf Palenz etc. Landmannes in Tyrol, Tyrolische Bergwerksge­schichte, mit alten Urkunden, und einem Anhange, worinn das Bergwerk zu Schwatz beschrie­ben wird, Wien 1765.

36) Stolz Otto, Geschichte und Bestände des staatlichen Archives zu Innsbruck, Inventare österreichischer staatlicher Archive VI, Wien 1938, S. 55.

37) Vgl. Sperges, a. a. 0., S. 108 ff.

38) Sperges Joseph, Centuria, a. a. O.

39) Dip. 1196.

40) Dip. 745.

41) "Collectanea de Artificibus Tirolensibus; Collectanea de Viris Tirolensibus militia aut toga claris; Collectanea scriptoribus Tirolensibus; Notitiae de Familiis Nobilibus Tirolensibus; Notitae Tirolenses variae"; in: Dip. 230.

42) Die 130 lateinischen Briefe, die nach Sperges' Tod nach seinem Wunsch ediert wurden (vgl. Anm. 38), vermitteln eine Vorstellung vom Gesamtumfang dieser Korrespondenz. Sie stammen aus der Zeit von 1770-1791 und sind an 93 verschiedene Adressaten gerichtet!

43) Vgl. die ausführliche Darstellung in: Sperges, a. a. 0., S. 112 ff.

44) Unter anderen die Naturforscher Spallanzani und Scopoli, den Anatomen Antonio Scarpa und den Physiker Volta; vgl. ebd., S. 122 ff.

45) Osterreichische Biedermanns-Chronik, a. a. 0., S. 227 f.

46) Über die Weltanschauung Sperges' vgl. besonders Lentze, Joseph von Spergs und der Josephinismus, a. a. O.

47) Vgl. Anm. 36.

48) Sie können hier nur angedeutet werden, da diesem Thema ein selbständiger Artikel gewidmet ist, vgl. Anm. 22.

49) Burg Hermann, a. a. 0., S. 23.