Die Zukunftswerkstatt

 Die Zukunftwerkstatt kann definiert werden als ein "soziales Versuchslabor, in dem alternative Zukünfte von engagierten Bürgern entworfen und durchdacht werden". Es geht um das Entdecken und Erfinden wünschbarer Zukünfte.

 1.1 Entstehung und Merkmale

Die Methode ist über 20 Jahre alt; sie wurde von Robert Jungk, dem bekannten Zukunftsforscher und Friedenskämpfer entwickelt und von seinem Mitarbeiter Norbert Müllert zu einer eigenständigen Methode ausgebaut. Ihr Ansatz stammt ursprünglich aus der amerikanischen und europäischen Studentenbewegung und wurde später von den Bürgerinitiativen und neuen sozialen Bewegungen aufgegriffen, da sie die Möglichkeit zu einer verstärkten konstruktiven Mitwirkung bei der Lösung bedrängender sozialer und ökologischer Möglichkeiten bietet. Der besondere Reiz und die große Popularität dieser Methode besteht darin, daß sie ein Forum bietet, in dessen Rahmen sich alle TeilnehmerInnen offen und ungeschminkt engagieren und Kritik ehrlich ausgesprochen und anlysiert werden kann. Phantasie und ungeahnte Kreativität werden frei und Wege für erfolgversprechendes Handeln können aufgezeigt werden. Die Methode ist durch das Forschungsprogramm der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen "Mensch und Technik- sozialverträgliche Technikgestaltung" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht worden. Sie hat sich inzwischen in vielen Bereichen der Hochschule und der außerschuischen Aus- und Weiterbildung bewährt.

Die Merkmale einer Zukunftswerkstatt können wie folgt zusammengefaßt werden:

 1.2 Phasen und Regeln der Zukunftswerkstatt

 Das Strukturmodell einer Zukunftswerkstatt unterscheidet drei Hauptphasen sowie eine Vorbereitungs- und eine Nachbereitungsphase. Die Doppelspirale macht auf die Integration von intuitiv-emotionalem und rational-analytischem Lernen aufmerksam.

 Phasen der Zukunftswerkstatt

1. Vorbereitungsphase

2. Kritikphase

3. Phantasiephase

4. Verwirklichungsphase

5. Nachbereitungsphase - Permanente Werkstatt

 Phase 2 bis 4 sind die Kernbereiche der Zukunftswerkstatt

 intuitiv-emotional > rational-analytisch

 In der Vorbereitungsphase geht es im wesentlichen um die Themenfindung, bei der sich die TeilnehmerInnen darauf einigen, welches Problem für die meisten von ihnen von Bedeutung ist.

 Geeignete Räume müssen gefunden werden und entsprechendes Arbeitsmaterial (große Papierbögen, DIN A4-Zettel in unterschiedlichen Farben, Filzstifte, Klebeband ...) muß bereitgestellt werden. Die Gruppengröße sollte bei etwa 20 TeilnehmerInnen liegen, größere Gruppen benötigen mehrere Moderatoren. Die Zeitplanung ist so zu gestalten, daß die drei Hauptphasen in jedem Fall durchschritten werden.

 Die eigentliche Werkstatt beginnt mit der Kritikphase, in der eine möglichst präzise und radikale Kritik zu der von den TeilnehmerInnen als unbefriedigend empfundenen sozialen Situation geäußert werden soll. Es wird in folgenden Schritten vorgegangen:

 1. Kritiksammlung: die Kritikpunkte werden von den TeilnehmerInnen auf einem DIN A4-Blatt mit großer Schrift notiert, in die Mitte des Kreises gelegt und laut vorgelesen.

 2. Systematisierung und Bewertung: die Kritikpunkte werden unter übergeordneten Begriffen, die Problembereiche kennzeichnen, zusammengefaßt und von den TeilnehmerInnen über eine Gewichtung mit drei bis fünf Punkten bewertet.

 3. Thematische Schwerpunkte bilden: durch die Bewertung kristallisieren sich Problemthemen heraus, die von den TeilnehmerInnen als besonders wichtig und als vorrangig zu bearbeiten angesehen werden.

 In der Kritikphase gelten die folgenden Regeln:

Wenn das Problem, die Schwierigkeiten, Befürchtungen und Ängste in der Kritikphase eingekreist und beschrieben worden sind, sollen sie in der Phantasiephase ins Positive gewendet werden. Ohne Vorbehalt das Problem zu lösen und mit der Vorstellung, alle Macht und alles Geld zu haben, soll eine phantasievolle Utopie einer neuen Zukunft entwickelt werden. Auch diese Phase läßt sich in einzelne Schritte gliedern:

1. Kritikpunkte positiv umformulieren: als Vorbereitung und Einstieg in eine Phantasiephase werden die Kritikpunkte positiv gewendet, d. h., es wird zu ihnen ein postiver Gegenbegriff gesucht.

2. Brainstorming: ohne Rücksicht auf Zwänge, Vorschriften oder Gesetze entwickeln die TeilnehmerInnen in Stichworten phantasievolle Vorschläge für eine "bessere Welt".

3. Die Vorschläge werden gesammelt, systematisiert und bewertet; diejenigen mit den höchsten Punktzahlen werden in einem nächsten Schritt von den Kleingruppen weiterbearbeitet.

4. Ausarbeitung und Konkretisierung des Entwurfs: die Ideen sollen zu utopischen "Entwürfen" ausgearbeitet werden, die den anderen Teilnehmerinnen in möglichst anschaulicher Form präsentiert werden, z. B. in Form eines Rollenspiels, einer Kurzgeschichte, einer Pantomime, eines Gedichts, durch Gesang, Collage, Gruppenbild ...

Die Regeln der Phantasiephase lauten:

 Die Phantasieergebnisse müssen schließlich in der Realisationsphase auf ihre Verwirklichungs- und Durchsetzungschancen geprüft werden. Nun ist nicht mehr alles möglich und machbar, sondern gegebene Machtverhältnisse, Gesetze und Vorschriften müssen beachtet werden. Mit Geduld und Durchblick ist eine Strategie zu entwickeln, mit der die Vorstellungen umgesetzt werden könnten. Es lassen sich somit die folgenden Schritte unterscheiden:

 1. Kritische Prüfung der utopischen Entwürfe: Inwieweit lassen sich die Ideen unter den herrschenden Bedingungen realisieren? Gibt es schon Beispiele für eine gelungene Umsetzung der Vorstellungen? Welche Hindernisse und Beharrungskräfte müssen überwunden werden? Wie beurteilen Experten die Durchsetzungschancen?

2. Entwicklung einer Durchsetzungstrategie: Wie muß vorgegangen werden, um unverzichtbare Bestandteile der Utopie zu bewahren? Welche Bündnispartner lassen sich gewinnen? Welche politischen und ökonomischen Voraussetzungen müssen geschaffen werden?

3. Planung eines gemeinsamen Projekts: die Gruppe entwickelt Vorstellungen, wie ihre Ideen kurz-, mittel-, und langfristig umzusetzen sind, sie gründet Arbeitsgruppen die Teile der Konzeption umsetzen. Hier müssen u. a. die folgenden Fragen geklärt werden: "Was muß bei einem solchen Unternehmen bedacht werden? Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Wer engagiert sich und mit welchem Einsatz? Wie wird Öffentlichkeit hergestellt? Welche Repressalien sind zu befürchten und wie ist ihnen zu begegnen? Welche Absicherungen des Projekts sind möglich, welche sollten vorgenommen werden?"

 Als Regeln dieser Phase können gelten:

 Themenbezug wahren

 Die Werkstattgruppen sollten es nicht bei einer einmaligen Sondierung der Probleme, Utopien und Verwirklichungsschritte belassen, sondern an den gefundenen Lösungsaussichten weiterarbeiten und nach einer vereinbarten Zeit erneut zusammenkommen, um den Erfolg der verabredeten Maßnahmen zu prüfen. In einer Nachbereitungsphase kann so der Keim einer neuen Zukunftswerkstatt gelegt werden, wenn die bisher erreichten Projektergebnisse kritisch geprüft werden: Was haben wir geschafft, was fehlt, was lief falsch? Es kann so eine permanente Werkstatt entstehen.

 1.3 Zusammenfassung und Würdigung

 Unsere These, daß es sich bei der Zukunftswerkstatt um eine "einfache" Methode handelt, die auch in der Schule erprobt werden könnte, fand bei den TeilnehmerInnen breite Zustimmung. Es wurde erkannt und diskutiert, daß die Werkstattmethode die folgenden didaktische Prinzipien lose integriert: 

Hinzu tritt, daß "Zukunft" heute zunehmend als eigenständiges Relevanzkriterium der (politischen) Bildung akzeptiert wird. Es ist offensichtlich, daß eine Lösung der ökologischen und sozialen Probleme entscheidend davon abhängt, ob und inwieweit es gelingt, Zukunftswissen zu entwickeln und für die Politik verfügbar zu machen. Zukunftswissen kann wie folgt charakterisiert werden:

 Zukunftswissen ist: 

 Mit dem methodischen Dreischritt Kritik, Utopie, Realisierung folgt die Zukunftswerkstatt der Logik des politischen Denk- und Entscheidungsprozesses. Sie hat damit genuin politischen Charakter und ist aus unserer Sicht geeignet, ihre geschilderten Qualitäten auch im Unterricht der allgemein- und berufsbildenden Schulen zu entfalten. Bisher gibt es allerdings nur wenig bekannte praktische Erfahrungen im schulischen Bereich, die diese These bestätigen oder widerlegen können. Es wäre deshalb wünschenswert, wenn viele unterrichtliche Versuche unternommen und die Erfahrungen damit veröffentlicht würden.

 Auszug aus dem Abschlußbericht der Tagung "Praxis der Umweltbildung" Oberstufen-Kolleg Bielefeld, 12.-13. Mai

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