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Mauro Giuliani
Die Vergangenheit verändert sich mit dem
Blickwinkel, durch den wir sie betrachten. Bis in die Mitte
des 20. Jahrhunderts gab es neben Beethoven & Schubert
kaum einen Musiker oder Komponisten, der den
Musikhistorikern der Rede wert schien, wenn sie an das Wien
des Biedermeier dachten.
So war Mauro Giuliani in der Erstausgabe der
Enzyklopädie "Die Musik in Geschichte und
Gegenwart", dem bis heute umfassendsten
deutschsprachigen Musiklexikon, nur als Verfasser einiger
Gitarrenkonzerte, einer heroischen Sonate sowie
"bedenklicher Potpourris, gegen deren Geistlosigkeit noch
Robert Schumann in der Neuen Zeitung für Musik
ankämpfte" bekannt.
Die Bewegung hin zur historischen Aufführungspraxis
alter Musik sowie die musikwissenschaftliche Aufarbeitung
lassen heute einen genaueren Blick auf das Wien des
frühen 19. Jahrhunderts zu. In dieser bewegten und
ungeheuer kreativen Stadt lebten zahllose Komponisten,
Virtuosen, Musiklehrer von unterschiedlichster Herkunft. Die
Gitarre nahm im Musikleben zweifellos eine bedeutende
Stellung ein, sowohl was die Beachtung betrifft, die sie bei
Musikfreunden fand, als auch was ihre Verbreitung unter
Liebhabern angeht.
In dieser "Szene" ließ sich der 1781 im kleinen Ort
Bisceglie bei Bari geborene Giuliani 1806 nieder und feierte
mit seinem angenehmen Äußeren, seiner
Gesangskunst, seinem Violinspiel, besonders aber mit seiner
virtuosen Beherrschung der "Guitarre" und den Kompositionen,
die er in großer Zahl in Wien veröffentlichte,
bemerkenswerte Erfolge. Kaiserin Marie-Louise, die zweite
Frau Napoleons ernannte ihn um 1814 zum "virtuoso
onorario di camera"; Konzertreisen führten ihn nach
London, Italien und Deutschland. 1819 verließ er Wien
und lebte danach in Venedig, Rom und schließlich in
Neapel, wo er am Hofe des "Königreichs beider
Sizilien" konzertierte.
Als Komponist schuf Giuliani eine große Anzahl von
Kompositionen für Gitarre solo, Kammermusik, Lieder
sowie einige Konzerte für Gitarre und Orchester. Die im
September 1828 erschienene Sammlung "La Tersicore del
Nord", op.147 ist die vorletzte nummerierte Komposition
Giulianis und wurde vom Wiener Artaria Verlag als eine
Sammlung von "Pezzi Ballabili", also tanzbarer
Stücke, beworben. Sie richtet sich an die Liebhaber des
Instrumentes und ist in Stil und eingängiger Melodik
typisch für Giuliani. Dabei sind in manchen Sätzen
wienerische Färbungen erkennbar, die Giuliani wohl mit
in seine Heimat nahm, wo er am 8.Mai 1829 verstarb.
(Text von Martin Schwarz )
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