You are here: Hvhm-Page / Geschichte des Internet / Kapitel 1: Theoretische Grundsdtze und der Atomkrieg
Man könnte sagen, daß das Internet ein Kind des Kalten Krieges ist.
Denn als Antwort auf den ersten ins All geschossenen Satelliten, des Sputnik, hatte das amerikanische Verteidigungsministerium (Department of Defense, DoD) im Jahre 1957 eine Forschungsabteilung gegründet, die den technologischen und militärischen Vorsprung der UdSSR aufhalten sollte: die Advanced Research Projects Agency (ARPA)
Aufgabe dieser Institution war es, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, damit die USA wieder die führende Rolle in Wissenschaft und Technologie einnehmen konnte, und damit das Militär diese Erkenntnisse der Wissenschaftler zu ihrem Nutzen verwenden konnten.
Der kalte Krieg mit seiner atomaren Bedrohung forcierte also den Drang des Militärs, neue Technologien einzusetzen, um dem Feind überlegen zu sein. Dies führte dazu, daß zum Höhepunkt jener Zeit, am Beginn der 60er Jahre dieses Jahrhunderts, das Militär der USA bereits ausreichend mit Computern und Rechenzentren versorgt war und diese Rechner mittels einfacher Netzwerke miteinander verbunden waren *11.
So konnte ein Oberst in Idaho seinem General in North Carolina mitteilen, daß soeben ein Flugzeug auf einem Probeflug abgestürzt war. Der General teilte daraufhin der Flugzeugfirma Douglas (auf elektronischem Wege) mit, daß an dem neuen Prototyp kein Bedarf mehr bestand.
Es funktionierte also, man konnte elektronisch miteinander kommunizieren. Doch etwas störte an der ganzen Sache: fiel einer der Netzknoten, über die die Nachricht weitergeleitet wurde, aus, so brach das gesamte Netzwerk zusammen, bis der defekte Knoten repariert worden war. Dies war natürlich eine äußerst unbefriedigende Lösung, zumal es nicht der Bedrohungssituation entsprach, der die USA während des kalten Krieges ausgesetzt war. Denn die sah so aus, daß der Feind durch eine Atombombe große Teile des Netzwerkes zerstören könnte und eine solch große Zerstörung des Netzes würde die Kommunikation über lange Zeit zusammenbrechen lassen.
Das strategische Problem, das die RAND Corporation, Amerikas oberste Denkanstalt des kalten Krieges, beschäftigte, war also: wie konnten die U.S. Behörden (vor allem das Militär) nach einem nuklearen Schlag miteinander kommunizieren? *11
Das postnukleare Amerika würde ein Kommando- und Kontrollnetzwerk benötigen, verbunden von Stadt zu Stadt, Bundesstaat zu Bundesstaat und Militärbasis zu Militärbasis. Aber wie gründlich dieses Netzwerk auch gepanzert und beschützt worden wäre, niemand konnte es so absichern, daß die Schaltstellen, die Verbindungsgeräte und Kabel so sicher wären, daß sie einen Atomschlag überstehen können. Sie würden immer verwundbar bleiben und damit war das Netzwerk so schwach wie ihr schwächstes Glied: fiel ein Baustein des Mosaiks heraus, so zerfiel das ganze Bild. Ein nuklearer Angriff würde jedes denkbare Netzwerk zerfetzen und binnen Sekunden unbrauchbar machen *11
Ein weiteres Problem bestand darin, daß jedes Netzwerk Kommando- und Kontrollzentralen benötigt. Das allein wäre zwar kein Problem, aber jede Zentrale eines militärischen Netzes würde ein Ziel erster Ordnung für eine feindliche Rakete sein. Das Zentrum des Netzes würde eine der ersten Stellen eines Einschlages sein. Schon damals galt: zerstöre die Kommunikationseinrichtungen und damit die Kommunikation des Feindes, und der Sieg wird dir nicht mehr zu nehmen sein.
Dieses Problem läßt sich durchaus auch in die heutige Zeit verlagern: schon während des Golfkrieges gegen den Irak setzten die USA Störsatelliten ein, die die Funkgeräte des Gegners unbrauchbar machen sollten. Mittels Fernsehstationen in unmittelbarer Nähe zum Irak wurden die Nachrichtensendungen des irakischen Fernsehens gestört und überlagert und nicht zuletzt wollte man das Computernetzwerk des Irak durch einen Computervirus zum Absturz bringen.
Man sieht also, daß die Militärstrategen noch immer Wert darauf legen, die Kommunikation des Feindes zu stören oder zu zerstören. Und das war ja mit den Netzen, die zur Zeit des kalten Krieges in den 60er Jahren verwendet wurden, sehr einfach: ein Loch im Netz, und die Kommunikation im Netz war zerstört.
Die ARPA sponserte Forschungen auf diesem Gebiet und 1962 wurde die erste Arbeit, die eine Lösung für diese Probleme darstellen sollte, veröffentlicht. Die RAND Corporation grübelte über dieses Problem nach und ersann einen Vorschlag, ein Netz zu gestalten, das solche Löcher von selbst umgehen konnte. Der Autor, Paul Baran von der RAND Corporation, lieferte in der Arbeit On Distributed Communications Networks erstmals eine Theorie über paketvermittelnde Netzwerke. *5
Die Prämissen, von denen man ausging, sahen so aus: das Netzwerk würde
In der Theorie wären damit die zwei Hauptprobleme beseitigt worden. Eine feindliche Rakete konnte nicht auf ein Zentrum des Netzes abgeschossen werden, da es kein Zentrum gab. Und eine Unterbrechung des Netzes (der Leitung) aus welchem Grund auch immer würde sich nicht auf die Kommunikationsfähigkeit des Netzwerks auswirken.
Wie sah es nun mit der praktischen Umsetzung dieser Prämissen aus. Das Prinzip war einfach: es wurde angenommen, daß das Netzwerk selbst immer unzuverlässig war. Für jeden Knoten im Netzwerk bestand die Möglichkeit, daß er ausfiel (und sei es auch nicht durch einen Atomangriff). Jeder Knoten im Netzwerk würde den gleichen Status haben wie jeder andere Knoten, es gäbe keine höhergestellten oder niedrigergestellten Knoten. Jeder Knoten wäre gleich wichtig und hätte die Befugnis, Meldungen zu generieren, zu empfangen und weiterzuleiten.
Die Nachrichten selbst würden in einzelne Pakete von einer bestimmten Größe zerlegt, einzeln adressiert und mit einer eigenen Nummer versehen werden. Jedes Paket würde mit der Adresse des Anfangsknoten und der Adresse des Endknoten ausgezeichnet werden und jedes Paket konnte sich seinen Weg durch das Netz selbst bestimmen.

Aufteilung der TCP-Pakete in Packets
Da die Meldungen, die über so ein Netzwerk liefen, zerteilt worden waren, mußte nicht die gesamte Meldung oder Nachricht bei einem Datenverlust nochmals übertragen werden. Es genügte, einzelne Datenpakete, die verloren gegangen waren, nochmals zu übertragen. Dies erhöhte die Sicherheit eines solchen Netzwerks erheblich und trug dazu bei, den Verkehr im Netzwerk niedrig zu halten.*4
Da diese theoretischen Ansätze genau das waren, was man zu erreichen versuchte, wurden Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Paketvermittlung von der Information Processing Techniques Office (IPTO), einer Abteilung der ARPA, gesponsert.*2
Im Frühjahr 1967 fand das jährliche Treffen der Principal Investigators (PI) der ARPA an der Universität von Michigan in Ann Arbor statt.*5
Bei diesem Treffen wurde vereinbart, ein Protokoll auszuarbeiten, mit dem Computer miteinander (in einem paketvermittelnden Netzwerk) kommunizieren konnten. Nach weiteren Arbeiten und Studien zu diesem Thema wurde im Oktober 1967 ein weiteres Treffen der ARPA abgehalten, bei dem die Spezifikationen für einen Interface Message Processor (IMP) festgelegt wurden. Das zu entwickelnde Netzwerk sollte so aussehen, daß an den jeden Hostrechner je einer dieser IMPs angeschlossen wäre. Im Netzwerk würden die IMPs miteinander kommunizieren und die Daten an den jeweiligen Hostrechner weitergeben. *5
Es war notwendig, diese IMPs zwischenzuschalten, weil Computer verschiedenster Hersteller verbunden werden mußten, die dazu noch auf unterschiedlichen Betriebssystemen basierten. Es gab Computer mit 32-Bit und mit 36-Bit Systemen, verschiedenste Charactersets, die Betriebssysteme hatten unterschiedliche Dateiverwaltungssysteme, usw...